14.08.2015 06:10
Quelle: schweizerbauer.ch - Helena Barth, lid
Grönland
Wird Grönland eine Kornkammer?
Grönland steht vor grossen Veränderungen. Die Klimaerwärmung lässt das Eis schmelzen und es entsteht mehr Fläche für die Landwirtschaft. Wird Grönland eine zukünftige Kornkammer der Welt?

Grönland, der grosse weisse Fleck auf der Nordhalbkugel, ist nicht nur Eis und Gletscher. Entlang der Küsten ist Grönland im Sommer grün und warm. Wegen des Klimawandels werden die Temperaturen in Zukunft weiter steigen. In Südgrönland, wo schon seit Jahrhunderten Viehwirtschaft betrieben wird, könnte sich eine ökologische Revolution zutragen. Ein Forscherteam der Universität Basel hat dies untersucht.

In Igaliku beginnt eine neue Ära

Subarktische und arktische Regionen sind besonders stark vom Klimawandel betroffen. In Südgrönland erwärmt sich das Klima schneller als im Rest der Welt und es kommt zu weitreichenden Veränderungen. Vor allem für die Landwirtschaft eröffnen sich dank der längeren Sommer neue Möglichkeiten.

Noch heute erinnern Ruinen an die Wikingerzeit im kleinen südgrönländischen Ort Igaliku (siehe Kasten). Damals hiess das Dorf noch Gardar. Das heutige Igaliku wurde im Jahr 1872 gegründet. Es leben knapp 30 Personen im Ort. Er ist geprägt von der Landwirtschaft, in erster Linie von der Schafzucht. Zurzeit wirtschaften vier Betriebe mit 1‘400 Schafen im Gebiet.

Bereits Wikinger betrieben Landwirtschaft

Das Forscherteam der Universität Basel hat die Felder der Bauern untersucht und sich die Frage gestellt, ob die zukünftigen Klimaveränderungen eine intensivere Landwirtschaft in Südgrönland begünstigen könnten. Es wurden Bodenproben entnommen und im Labor analysiert, ausserdem wurde die Vegetation kartiert und ein Vergleich mit den Schweizer Alpenregionen durchgeführt.

Alle untersuchten Flächen werden als Heuflächen genutzt. Ende Juli wird das Gras gemäht und im Winter den eingestallten Schafen verfüttert. Während die Wikinger ihre Felder einst an strategisch guten Orten anlegten, werden heute die Parzellen flächendeckend bewirtschaftet. Dabei werden die geographischen und natürlichen Voraussetzungen weniger beachtet. Dies zeigt sich dadurch, dass es teilweise grosse Unterschiede bei der Bodenqualität und Ertrag zwischen den Flächen gibt. Generell kann man sagen, dass die bereits zu Zeiten der Wikinger landwirtschaftlich genutzten Felder sich für eine landwirtschaftliche Intensivierung eignen.

Von Inuits, Wikingern und Europäern

Die Insel Grönland, die politisch zu Dänemark gehört, ist zu 80 Prozent mit Eis bedeckt. Der eisfreie Teil Grönlands umfasst rund 410‘000 km2 und ist in etwa so gross wie Norwegen. Das heutige Inuitvolk war um 1400 von Alaska übers Eis nach Grönland gekommen und lebte vom Jagen und Fischen. Heute ist ein beträchtlicher Teil der 55‘000 Einwohner Grönlands von staatlicher Hilfe der einstigen Kolonialmacht Dänemark abhängig. Schon 982 besiedelten die Wikinger unter der Führung von Erik dem Roten Südgrönland. Der Name Grönland stammt von eben diesem, der seinen Landsleuten die neue Heimat schmackhaft machen wollte und sie ihnen als "grünes Land" darstellte. Damals war das Klima verhältnismässig mild. Bald hatten sich tatsächlich rund 4000 Wikinger auf Grönland niedergelassen. Sie lebten als Bauern und betrieben Schafs- und Rinderzucht. Aber nach über 400 Jahren verschwanden die Wikinger plötzlich. Der Grund dafür ist bis heute nicht vollständig geklärt. Es gibt verschiedene Theorien, eine Rolle dürfte der Beginn der kleinen Eiszeit gespielt haben. hb

Böden mit geringer Dicke

Vergleicht man die Resultate aus Igaliku mit den Böden der Schweizer Alpen, so stellt sich heraus, dass die Nadelwälder in der Schweiz weitaus höhere Nährstoffvorräte aufweisen. Ausserdem hat sich die Landwirtschaft im Alpenraum entsprechend der Exposition unterschiedlich entwickelt: In den Nordalpen wurde die Weidewirtschaft und die Viehzucht zum wichtigsten wirtschaftlichen Standbein, in der inneralpinen Zone sowie in den südexponierten Südalpen entstand eine Kombination von Weidewirtschaft und Ackerbau.

Eine Schwierigkeit für intensive Landwirtschaft in Südgrönland besteht darin, dass die Böden relativ sandig bzw. steinig sind und eine geringe Dicke aufweisen. Die derzeitigen klimatischen Bedingungen in Südgrönland erleichtern die Bodenbildung nicht. Auf manchen Flächen könnte aber in Zukunft bei milderen Temperaturen das Bodenwachstum beschleunigt werden und somit auch mehr Landwirtschaft mit zum Beispiel Gerste betrieben werden.

Grönländische Erdbeeren

In der landwirtschaftlichen Versuchsanstalt Upernaviarsuk bei Qaqortoq testet man unterschiedliche Obst- und Gemüsesorten auf ihre "Grönland-Tauglichkeit". Gemüse wird bislang hauptsächlich importiert, ist teuer und leidet unter den langen Transportwegen. In Südgrönland dauert die Wachstumsperiode nun von Mai bis September und ist vergleichbar mit den klimatischen Gegebenheiten in Alpen auf 1500 Metern. In den Gewächshäusern von Upernaviarsuk werden zum Beispiel Erdbeeren gezüchtet. Die benötigte Sonneneinstrahlung wird jetzt in den Sommermonaten erreicht. hb

In Landwirtschaft investiert

Die Durchschnittstemperatur in Südgrönland ist in den vergangen 30 Jahren besonders stark gestiegen, dadurch hat sich die Vegetationsperiode um zwei Wochen verlängert. Grönland erwärmt sich doppelt so schnell wie die meisten anderen Teile der Welt. Die Eisdecke der Insel schrumpft dramatisch und die Fjorde im Süden gefrieren häufig nicht mehr zu. Der Niederschlag sinkt und führt schon jetzt in den Sommermonaten zu Ernteausfällen. Auch der Wasserspiegel von Seen und Flüssen sinkt.

Entscheidend für eine ausgedehnte Landwirtschaft in Grönland ist das Klima. Bei der Klimaerwärmung würde die Eisgrenze nach Norden verlegt und Ackerbaufläche könnte gewonnen werden. Die grönländische Regierung hat in den Ausbau der Landwirtschaft investiert und möchte ebenso die riesigen Bodenschätze, die unter der Eisdecke vermutet werden, an die Oberfläche befördern. Zukünftig soll das Land weniger abhängig von aussen sein. Dennoch spaltet eine mögliche Ausbeutung der Mineralvorkommen die Politik und Gesellschaft. In welche Richtung Grönland gehen möchte, steht noch nicht fest.

Noch kein Getreideanbau

Laut dem Forscherteam der Universität Basel wird Getreideanbau in Südgrönland in den nächsten 30 Jahren wohl nicht möglich sein. Die klimatischen und topographischen Standorteigenschaften sind nicht vergleichbar mit denen in Mitteleuropa. In weiterer Zukunft, wenn womöglich ein grosser Teil des Eisschilds geschmolzen ist, könnte es zu einer schnelleren Bodenbildung kommen, die intensivere Landwirtschaft ermöglichen würde.

Grönland könnte in naher Zukunft aber bereits kälteresistente Pflanzen wie Randen oder Gerste anbauen und als Exporteur bedeutend werden. Diese Entwicklungen sind dennoch besonders vom Klimawandel abhängig, von dem nicht alle zukünftigen Auswirkungen bekannt sind.

Wie Boden entsteht

Die entscheidenden Faktoren damit sich Boden bilden kann, sind das Klima, die Geologie, das Relief, der menschliche Einfluss und die Zeit. Untergeordnet spielen die Flora und Fauna, der Wasserhaushalt sowie die Erosion eine Rolle. Der Prozess der Bodenbildung lautet in der Fachsprache Pedogenese. Am Anfang lagern sich Pflanzenreste auf dem Ausgangsgestein ab und werden von Organismen verarbeitet und durch Verwitterungsprozesse verwandelt. Aus der organischen Auflage – auch Humus genannt – entwickelt sich ein Boden. Böden bestehen aus mehreren Bodenschichten. Im Laufe der Zeit entstehen unterschiedliche Bodentypen. hb

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