16.12.2017 10:43
Quelle: schweizerbauer.ch - Christof Lüthi
Ackerbau
Würmer versorgen Boden mit Stickstoff
Walter Steiner verzichtet auf sämtliche wendenden Bodenbearbeitungsmassnahmen. Mit Gründüngungen bringt er Kohlenstoff in den Boden. Das wiederum führt dank der Bodenlebewesen zur Stickstoffanreicherung.

Walter Steiner, bekannt durch das Er- und Versteigern des Edelweisshemdes von Polo Hofer zugunsten der Schweizer Berghilfe, bewirtschaftet  einen 40-ha-Betrieb in Aubonne VD. Im Jahr 2009 begann er, diesen auf das System der konservierenden Landwirtschaft umzustellen, wie dies vor allem in Frankreich unter der Bezeichnung «nouvelle agriculture sur sol vivant» betrieben wird.

Boden nicht gewendet

Bei der konservierenden Landwirtschaft ist die konservierende Bodenbewirtschaftung Pflicht: Auf den Pflugeinsatz wird verzichtet, der Boden wird nicht gewendet. Nicht wendende Bodenbearbeitungsgeräte sind erlaubt, wie dies auch in der Schweiz für den Bezug des Ressourceneffizienzbeitrags für schonende Bodenbearbeitung gilt. Der Begriff konservierende Bodenbearbeitung stammt aus den USA:  Diese Technik wurde dort in den 1930er-Jahren nach verheerenden Wind-Erosionsschäden im Mittelwesten entwickelt.

Walter Steiner geht auf seinem Betrieb noch einen Schritt weiter. Er verzichtet auf jegliche Bearbeitung der Bodenoberfläche, wie es der Franzose Konrad Schreiber empfiehlt. Auf seinem Betrieb gibt es nur Direktsaaten in Kultur- und Gründüngungsrückstände, die nie, auch nicht oberflächlich, in den Boden eingearbeitet werden.

Maximale Erträge

Steiner begründet sein Vorgehen folgendermassen: Für ihn zählt nicht nur der Schutz des Bodens und der Umwelt, also das Verhindern von Bodenerosion, die Verbesserung der Bodenstruktur und das Verhindern von Nährstoffauswaschung. Er will zusätzlich maximale Erträge bei minimalem Einsatz von Stickstoff und Pflanzenschutz. Um dies zu erreichen, braucht es lebendige, gesunde Böden, die ein hohes, eigenes Stickstoff-Nachlieferungsvermögen haben.

Wie diese Stickstoffreserven im Boden entstehen, erklärt Konrad Schreiber: Die Bodenfauna, etwa die Regenwürmer, ernähren sich von Pflanzenresten, die auf den Boden fallen und aus Cellulose und Lignin bestehen. Sie atmen Luft, bestehend aus 78% Stickstoff (N2), 21% Sauerstoff (O2) sowie sehr wenig (0,04%) Kohlendioxid (CO2). Luftstickstoff steht in unlimitierter Menge zur Verfügung.

Wie alle Lebewesen verdauen auch Regenwürmer die Nahrung und scheiden Exkremente aus. Die Energie für diese Vorgänge wird aus dem Abbau der Zellulose und des Lignins gewonnen. Die Ausscheidungen bestehen aus Stickstoff, aufgenommen durch die Atmung der Würmer, und Kohlenstoff. Beides zusammen führt anschliessend zur Bildung von Humus.

Wälder als gutes Beispiel

Mit der Anreicherung von organischer Substanz im Boden kommt es zu einer Vermehrung der Bodenfauna (Regenwürmer, Schnecken, Laufkäfer, Tausendfüssler, Bakterien, Pilze usw.). Will man also den Gehalt an N im Boden erhöhen, so muss man den Boden nicht primär mit N, sondern vor allem mit C in Form von Cellulose und besonders in Form von Lignin versorgen, damit sich die Masse der Bodenfauna vergrössert und dadurch mehr N in den Boden gelangt, der schliesslich das Pflanzenwachstum antreibt.

Ein gutes Beispiel für eine maximale «Pflanzenproduktion» sind unsere Wälder, bei denen dieser Kohlenstoffeintrag in den Boden maximal stark abläuft, wodurch Stickstoff in riesigen Mengen zur Verfügung steht, ohne dass künstlich mit Stickstoff gedüngt wird.

Nur Mischkulturen

Entsprechend diesem Verständnis der Vorgänge im Boden setzt Walter Steiner folgende Anbautechnik ein: Eine Gründüngung mit Pflanzen, die möglichst verholzen, ist obligatorisch. Gesät wird nur in Direktsaat ohne jede Bodenbearbeitung, denn die Pflanzenrückstände müssen an der Oberfläche liegen bleiben, wenn der C-Eintrag in den Boden effizient sein soll.

Es werden keine Einzel-, sondern nur Mischkulturen angebaut, wobei als Partner so weit wie möglich Leguminosen beigemischt werden. Die Leguminosen reichern den Boden zusätzlich mit Stickstoff an. Oder: Sonnenblumen werden zusammen mit einer Kleegrasuntersaat angebaut. Mittels Direktsaat wird Winterweizen gesät. Keimende Kletten werden beim Erreichen der Schadschwelle chemisch bekämpft.

Walter Steiner ist am Experimentieren. So sucht er nach verholzenden Gründüngern (Lignin als C-Quelle) und erprobt den Einsatz von Tagetes minuta, die über 2m hoch wächst und bis zur Reife gut verholzt.

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