14.10.2015 17:13
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda, lid
Boden (2/7)
Die Menschheit verliert an Boden
Die UNO-Generalversammlung hat das Jahr 2015 zum „Internationalen Jahr des Bodens” erklärt. Denn der Boden ist in vielerlei Hinsicht unter Druck. In der siebenteiligen Serie Boden, erfahren Sie mehr über die lebenswichtige Grundlage unserer Ernährung.

Der Boden ist das Kapital der Bauern. Was nützen bestes Saatgut, gezielte Düngung und Pflanzenschutzmassnahmen, wenn die Produktionsgrundlage Boden fehlt oder geschädigt ist? Ohne Boden gibt es keine Nahrung. Und nicht nur für die Lebensmittelproduktion sind Böden wichtig.

Sie filtern auch Regenwasser und sorgen damit für sauberes Trinkwasser. Sie regulieren das Klima, weil sie mehr Kohlenstoff speichern als alle Wälder der Welt zusammen. Böden sind voller Vielfalt: In einer Handvoll Erde leben mehr Organismen als Menschen auf unserem Planeten.

Zwei Drittel aller Arten von Lebewesen haben ihre Heimat unter der Erdoberfläche. Doch trotz der lebenswichtigen Funktionen und zentralen Bedeutung wurde und wird der Boden manchmal wie der letzte Dreck behandelt. Das soll sich ändern. Deshalb hat die UNO das Jahr 2015 zum Internationalen Jahr des Bodens erklärt.

Mehr Menschen, weniger Fläche

Die Weltbevölkerung wächst, doch der Boden wächst nicht mit. Die Oberfläche der Erde umfasst nach wie vor 13,6 Milliarden Hektar. Die Hälfte davon ist mit Wald bestückt, oder es handelt sich um, vom landwirtschaftlichen Gesichtspunkt aus gesehen, unproduktive Fläche wie Gebirge oder Wüsten.

Nur zehn Prozent der Erdoberfläche können überhaupt ackerbaulich genutzt werden. Rund ein Viertel der Erdoberfläche dient als Dauergrünland indirekt ebenfalls der menschlichen Ernährung . Auf einem sehr kleinen Teil (ein Prozent der Erdoberfläche) werden Spezialkulturen wie Obst und Reben angebaut. Wenn die heutige Nachfrage nach Agrarprodukten unverändert weiterwächst, müsste bis zum Jahr 2050 zusätzliches Landwirtschaftsland in der Grösse zwischen 320 und 850 Millionen Hektar erschlossen werden.

Der niedrigere Wert entspricht der Fläche Indiens, der höhere der Fläche Brasiliens. Das ist unmöglich. Die FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) schätzt zwar, dass in Afrika und der südlichen Sahara noch Potenzial für zusätzliches Ackerland besteht. Laut Expertenschätzungen können aber höchstens noch 120 Millionen Hektar Ackerland zusätzlich erschlossen werden.

Mit deutlich weniger Fläche auskommen

Das ist gerade mal ein Prozent mehr als heute. Weil gleichzeitig jedes Jahr eine Fläche von etwa drei bis vier Millionen Hektar land- und forstwirtschaftlich nutzbarer Böden verloren geht, nimmt die nutzbare Fläche nicht zu. Die Verluste sind zu gross: Überweidung macht Weiden unfruchtbar, Erosion und Klimawandel machen aus Äckern Wüsten, gute landwirtschaftliche Flächen werden versiegelt und verschwinden unter Häusern und Strassen.

Die weiterhin stark wachsende Weltbevölkerung wird somit künftig mit deutlich weniger Boden pro Person auskommen müssen. Statt 1‘900 Quadratmetern wie heute stehen, rein statistisch gesehen, jedem Erdenbürger im Jahr 2050 nur noch 1‘400 Quadratmeter Ackerland zur Verfügung, falls die Bevölkerung weiterhin so wächst wie bisher.

Boden wurde "mobil"

Land ist knapp. Früher führten die Staaten Kriege, um ihr Territorium auszuweiten oder sie nahmen Land als Kolonien in Beschlag. Heute sind die Methoden der Landnahme subtiler: Statt Land zu besetzen werden häufig nur die Produkte des Landes gekauft. Die Globalisierung des Agrarhandels hat seit den 1980er Jahren dazu geführt, dass Staaten mit wenig Land aber viel Geld die benötigten Lebensmittel auf Flächen im Ausland anbauen lassen.

Die weltweite Transportlogistik macht es möglich, dass der Boden – auch ohne sogenanntes Landgrabbing – im übertragenen Sinne mobil wurde. Für die reichen Staaten ist das eine elegante Lösung, weil damit auch gleich noch die Umweltbelastung, die bei der Nahrungsmittelproduktion entsteht, im Ausland anfällt.

Eine Studie des Bundesamts für Umwelt (BAFU) kam zum Schluss, dass etwa 60 Prozent der durch Konsum und Produktion in der Schweiz verursachten Umweltbelastungen im Ausland anfallen. Die Ernährung macht dabei einen grossen Anteil aus. Und es wird immer mehr, da die Landwirtschaftsfläche in der Schweiz schrumpft, während die Bevölkerungszahl steigt.

Das beste Land ist am meisten bedroht

Alles in allem dehnt sich die Schweiz über gut vier Millionen Hektar Fläche aus. Davon wird aber ein immer kleinerer Anteil zur Nahrungsmittelproduktion verwendet. Zwischen 1985 und 2009 gingen pro Sekunde 1,1 Quadratmeter Landwirtschaftsfläche verloren, in der Talzone waren es mit 2,2 Quadratmeter sogar doppelt so viel.

Die Arealstatistik des Bundesamtes für Statistik (BFS) zeigt, dass Jahr für Jahr mehr Fläche überbaut wird. Die Siedlungs- und Verkehrsflächen sind zwischen 1985 und 2009 um mehr als 23 Prozent gewachsen. Sie haben um 58‘400 Hektar zugenommen, das ist mehr als die Gesamtfläche des Genfersees. Heute nimmt die Siedlungsfläche 7,5 Prozent der Landesoberfläche ein im Vergleich dazu nehmen sich die Ackerbauflächen mit nicht einmal 10 Prozent der Landesfläche vergleichsweise bescheiden aus.

Doppelt so viel Fläche, nämlich 20 Prozent, sind hierzulande naturbedingt unproduktiv. Dabei handelt es sich meistens um Flächen im Gebirge. Würden diese Flächen als Siedlungsflächen genutzt, hätte die Schweiz einige Probleme weniger. Aber genau wie in anderen Teilen der Welt wird auch hierzulande am meisten dort gebaut, wo am besten gebauert werden könnte: In den Ebenen mit den fruchtbarsten Böden. Über zwei Drittel der Siedlungsflächen befinden sich in Lagen unterhalb 600 Meter über Meer.

Kantonale Unterschiede

Es ist deshalb kein Wunder dass laut der Arealstatistik in den letzten 25 Jahren die produktivsten Böden am meisten abgenommen haben. Das sind jene Böden, die ackerbaulich oder für Dauerkulturen genutzt werden können. Die Veränderungen waren allerdings kantonal verschieden: Im Tessin ist das Ackerland um rund ein Viertel, und die Obst-, Reb- und Gartenbaufläche um beinahe die Hälfte zurückgegangen.

Im Mittelland und der Nordwestschweiz war der Rückgang nicht ganz so stark, dafür wurden dort einige Flächen in Wiesen und Weiden umgewandelt. Die alpwirtschaftlich genutzten Flächen sanken praktisch in allen Kantonen deutlich. Immerhin hat sich dieser Trend in den letzten Jahren abgeflacht, während der Verlust an Ackerfläche weiter zugenommen hat.

Zwei Drittel der verlorenen Landwirtschaftsflächen wurden überbaut. Statt Getreide oder Gras stehen auf diesen Flächen nun Gebäude oder Verkehrsanlagen. In den anderen Fällen kam es zu einer Aufgabe der Bewirtschaftung, aus ehemaligen Wiesen und Weiden wurde Wald. Anteilmässig weitaus am meisten Landwirtschaftsfläche verloren hat das Tessin mit minus 16 Prozent.

Dort wurde schon früher und weiträumiger als in anderen Regionen der Schweiz die Bewirtschaftung aufgegeben, so dass Gebüsche und Wälder aufkamen. Das Tessin ist heute in vielen Teilen verwaldet. Im Wallis bahnt sich eine ähnliche Entwicklung an.

Gründe für die veränderte Landnutzung

Bei den verlorenen Landwirtschaftsflächen handelt es sich zu je einem Drittel um Ackerland oder Sömmerungsflächen. Mit einem Anteil von 27 Prozent folgen die Obst-, Reb- und Gartenbauflächen, die vor allem in den typischen Obstanbaugebieten (Unterwallis, Tafeljura, Mittelland zwischen Napf und Zürichsee, Thurgau) am stärksten abgenommen haben.

Dort, wo in den letzten 25 Jahren die Naturwiesen und Heimweiden zugenommen haben, geschah das hauptsächlich durch Rodung von Hochstammobst. Zudem stand 1985 auf manchen (Wyt-)Weiden des Juras, Napf- oder Hörnligebiets noch lichter Wald, weshalb diese damals noch als bestockte Flächen zum Wald zählten, heute jedoch dem Grünland zugeschlagen werden.

Die Heimweiden haben sich prozentual umso deutlicher vergrössert, je tiefer die Zone. In der Talzone war die Flächenausdehnung der neu entstandenen Weiden mehr als doppelt so gross wie in der Hügelzone und dreimal so gross wie in der Bergzone. Sie dehnten sich vor allem auf Kosten der Naturwiesen um netto 21‘700 Hektar und des Ackerlands aus um netto 12‘800 Hektar.

Einerseits weil der Ackerbau wegen der verminderten Preisstützung für Ackerfrüchte wie Getreide, Ölsaaten oder Zuckerrüben zu wenig rentabel war, oder der Kartoffelanbau zurückging. Zum anderen aber auch wegen der Zunahme von arbeitsextensiven tierfreundlichen Haltungsverfahren wie der Mutterkuhhaltung.

Boden ist ein Politikum

Es ist unbestritten, dass neue Siedlungen zu neun Zehnteln auf ehemaligen Landwirtschaftsflächen entstanden sind. Überbaut wurden meistens Naturwiesen und Ackerland. Umnutzungen auf Kosten von Wald oder Gehölzen waren in den vergangenen Jahrzehnten die Ausnahme und vor allem im Jura, am Alpennordhang und im Sottoceneri zu finden. Dass die Ausdehnung der Siedlungen vor allem auf Kosten von Kulturland ging, dürfte mit dem strengen Schutz des Waldes zusammenhängen.

Die Interessenskonflikte betreffend Nutzung der knappen Ressource Boden haben sich in den vergangenen Jahren verschärft. Zeichen dafür sind etwa steigende Bodenpreise, die Volksabstimmungen über die Revision des Raumplanungsgesetzes und die Zweitwohnungsinitiative sowie die Diskussionen über deren mögliche Umsetzungen. In jüngerer Zeit sind noch diverse Kulturlandinitiativen dazugekommen. Wie sich diese auf den Kulturlandverbrauch auswirken, bleibt abzuwarten.

Schutzgebiete schützen nur bedingt

Die Schweiz hat verschiedene Schutzgebiete errichtet, um besonders wertvolle Ökosysteme oder Landschaften zu erhalten. Das Bundesamt für Statistik (BFS) ging deshalb der Frage nach, ob diese Unterschutzstellung dazu geführt hat, dass auf diesen Flächen weniger gebaut wird. Tatsächlich dehnte sich bei den auf Bundesebene streng geschützten Gebieten (Nationalpark, Moorlandschaften, Hoch- und Flachmoore, Auengebiete, Amphibienlaichgebiete, Trockenwiesen und -weiden) die Siedlungsfläche deutlich weniger aus als im Rest der Schweiz. Allerdings haben dort die bestockten Flächen nahezu doppelt so stark zugenommen, wie anderswo. Und das ist für die Artenvielfalt auch nicht positiv.

Quelle: Bodennutzung Schweiz, BFS, 2015

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