6.08.2020 12:20
Quelle: schweizerbauer.ch - mgt/blu
Forschung
Herbizide können Wachstum fördern
In geringen Mengen können Herbizide wie Glyphosat das Pflanzenwachstum sogar fördern. Die Bedeutung dieser so genannten Hormesis für Landwirtschaft, Umwelt und Natur erforschen Agrarökologen an der Universität Hohenheim in Stuttgart (D).

Die Dosis macht das Gift – was Paracelsus einst als Grundregel für die Entwicklung von Heilmitteln für den Menschen formulierte, gilt auch für Pflanzen: Giftige Substanzen wie Unkrautbekämpfungsmittel können das Pflanzenwachstum durchaus fördern, sofern ihre Konzentration nicht zu hoch ist (Hormesis-Effekt).

Stress löst Reaktionen aus

Die Agrarwissenschaftlerin Regina Belz beschäftigt sich an der Universität Hohenheim schon länger mit diesem Phänomen: «Hormesis kann nicht nur durch Herbizide ausgelöst werden, sondern auch durch andere Pflanzenschutzmittel und Umweltschadstoffe, darunter auch Ozon. Selbst natürliche Metabolite von Pflanzen können diesen Effekt verursachen.»

Sie vermutet, dass der Stress, den ein Giftstoff verursacht, Reaktionen in den Zellen auslöst, die letztendlich zu einer Art «Abhärtung» führen und die Pflanze fitter gegen erneute Stresseinwirkungen machen. Ihr besonderes Interesse gilt den Auswirkungen, die dieses Phänomen für die Pflanzenproduktion, die Unkrautbekämpfung und andere Pflanzen haben kann, die nicht Ziel der Bekämpfungsmassnahmen sind.

Zwei Aspekte

Dabei sieht sie zwei relevante Aspekte: Einerseits könnten niedrige Herbizid-Dosierungen genutzt werden, um den Ertrag von Kulturpflanzen zu fördern und Kulturpflanzen stressresilienter zu machen. Andererseits tritt Hormesis auch bei regulären Herbizidanwendungen auf, wenn Kulturen, Unkräuter oder Wildpflanzen auf der behandelten Fläche oder darüber hinaus versehentlich niedrigen Dosierungen ausgesetzt sind, z. B. weil die Wind- und Wetterverhältnisse ungünstig sind.

Dies könnte tiefgreifende Auswirkungen in wirtschaftlicher, ökologischer, und/oder evolutionärer Hinsicht haben. «Über Herbizid-Hormesis gibt es nach wie vor wenige Untersuchungen, so dass das Wissen darüber und über mögliche Auswirkungen noch immer sehr begrenzt ist», erklärt Regina Belz. Im Forschungsprojekt «HerbBi – Herbizid-vermittelte biphasische Reaktionen in Pflanzen» sind die hormetischen Nebenwirkungen von Herbizidanwendungen, wie sie in der Praxis üblich sind, das zentrale Thema. Das Interesse gilt dabei Wildpflanzen wie Weidelgras, Kamille oder Gänsefuss, von denen bekannt ist, dass sie sehr häufig resistent gegen Herbizide werden.

Hormesis begünstigt Resistenzbildung

Erste Ergebnisse ihrer Labor- und Gewächshausversuche zeigen, dass durch chemische Bekämpfungsmassnahmen herbizidresistente Unkräuter begünstigt werden und eine erhöhte Resilienz gegenüber einem erneuten Herbizidstress an ihre Nachkommen weitergeben. Doch nicht nur dies: Die Samen dieser Pflanzen sind oft zahlreicher, grösser und schwerer, was ihren Keimlingen einen weiteren Überlebensvorteil verschafft. Noch dazu ist bei ihnen der Hormesis-Effekt stärker ausgeprägt. Dadurch kann Herbizid-Hormesis die Evolution und Dynamik von Herbizidresistenz erheblich begünstigen.

Zudem kann ein solcher Hormesis-bedingter Selektionsdruck für und gegen bestimmte Subpopulationen auch in natürlichen Pflanzenpopulationen auftreten und hier zu einer Verschiebung der Merkmalsverteilung innerhalb der Gesamtpopulation einer Pflanzenart führen. Dabei sind vor allem die Extreme betroffen, d. h. die Anzahl an besonders kleinen, empfindlichen oder auch besonders grossen, resilienten Pflanzen wird deutlich verändert und damit die Anpassungsfähigkeit einer Population. «Welche nachhaltige Bedeutung dies für Landwirtschaft, Umwelt und Evolution hat ist noch völlig offen», so Belz.

Hormesis nicht nur bei Pflanzen

Ganz kompliziert wird es, wenn sie versucht die Verhältnisse nachzustellen, wie sie im Freiland häufig auftreten. Hier kann es zu einem Gemisch von verschiedenen aktiven Substanzen in niedrigen Dosierungen kommen, z. B. weil durch Wind Pflanzenschutzmittel vom Nachbarfeld herüberwehen, zusätzlich Umweltschadstoffe eingetragen werden oder einfach nur durch natürliche Metabolite. Diese hormetischen Cocktail-Effekte sind derzeit kaum zu fassen und mathematisch vorherzusagen.

«Bis man weiss, ob und wie sich die Hormesis in der Landwirtschaft und der Umwelt langfristig auswirkt, ist noch viel Forschungsarbeit notwendig. In Anbetracht der Herbizidmengen, die jährlich ausgebracht werden, sollten wir jedoch die Herbizid-Hormesis in seiner vollen Wirkung verstehen», ist das Fazit von Regina Belz. «Da Hormesis für viele biologische und toxikologische Wissenschaften relevant ist, sind die Ergebnisse dieses Projektes nicht nur für Agronomen bedeutend, sondern für alle, die sich mit chemischen Belastungen in medizinischen, toxikologischen und ökologischen Studien befassen», fährt sie fort.

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