13.03.2019 09:13
Quelle: schweizerbauer.ch - Doris Bigler
Futterbau
Für Maximal-Ertrag Verluste minimieren
In der Schweiz gebe es ein grosses Potenzial in der Weidenutzung, sagt Beat Reidy. Der Dozent an der Hafl untersucht unter anderem, wie aus Gras ein Maximum an Milch oder Fleisch produziert werden kann.

«Schweizer Bauer»: Nach dem trockenen Jahr 2018 machen sich wohl einige Landwirte Gedanken über ihre Futtererträge. Mit welchen Strategien können trockene Jahre im Futterbau künftig besser überstanden werden?
Beat Reidy: Die grosse Schwierigkeit des Klimawandels ist, dass die Witterung stärkeren Schwankungen unterworfen ist. Deshalb ist es wichtig, dass wir Futterbaumischungen mit einem breiteren Pflanzenspektrum und für verschiedene Umweltbedingungen entwickeln. Luzerne, Rohrschwingel oder Knaulgras sind trockenheitstoleranter als Raygras. Genau das macht die Arbeitsgemeinschaft für Futterbau AGFF. 

Die Wahl der richtigen Mischung ist also im Kunstfutterbau die wichtigste Massnahme gegen trockene Jahre. Was können Landwirte mit Naturwiesen machen?
Sie müssen bestmöglich mit den Gegebenheiten umgehen. Das heisst, wenn die Erträge und Nutzungen wegen der Trockenheit zurückgehen, sollte auch die Düngung angepasst werden, sonst entwickelt sich ein schlechter Pflanzenbestand.

Falls dies passiert, wie können Naturwiesenbestände erfolgreich verbessert werden?
Wenn möglich ist ein Umbruch mit dem Pflug zu vermeiden, da man Unkrautsamen an die Oberfläche befördert und einen Mineralisierungsschub auslöst. In erster Linie sollte man versuchen die Nutzung und Düngung so anzupassen, dass die wertvollen Futtergräser wieder gefördert werden. Im Mittelland sind in Gunstlagen Erträge von 120 bis 130 dt pro Hektare und Jahr realistisch, auf 1000 m. ü. M sind es eher 50 bis 70 dt. Dieses Ertragspotenzial muss man respektieren. Ein Abwechseln zwischen Weiden und Mähen tut dem Bestand ebenfalls gut. Wird die Wiese im Frühling früh beweidet, fressen die Kühe oft die noch jungen Unkräuter und fördern die Bestockung der Gräser. Sind gewisse wertvolle Gräser kaum mehr im Bestand vorhanden, kann eine Übersaat angebracht sein. Diese gelingt am besten in lückige und wenig verfilzte Bestände.

Mit welchen Massnahmen kann der Ertrag von Wiesen und Weiden maximiert werden?
An intensiv genutzten Futterbaustandorten hat die Düngung einen erstaunlich kleinen Einfluss auf den Futterertrag. Vielmehr wird mit der Düngung die Pflanzenzusammensetzung gesteuert. Wird weniger Stickstoff eingesetzt, nimmt der Kleeanteil zu, bei starker Düngung mit Hofdüngern besteht die Gefahr der Verunkrautung. Die Frage ist sowieso, was im Futterbau genau der Ertrag ist. Ist es die Menge an Trockensubstanz (TS) oder ist es die Qualität des Futters? Es ist eine Kombination von beidem oder anders gesagt, letztendlich, wie viel Milch oder Fleisch mit dem Wiesenfutter produziert werden kann.

Welchen Einfluss hat die Nutzungsintensität?
Bei häufiger Nutzung ist der TS-Ertrag insgesamt etwas kleiner, dafür der Energiegehalt höher. Wird weniger häufig genutzt, fällt mehr TS an, dafür ist der Energiegehalt tiefer. Hier gilt es einen guten Mittelweg zu finden. Voraussetzung ist immer, dass standortangepasst genutzt wird. Wichtiger für den nutzbaren Futterertrag ist jedoch der Prozess vom Zeitpunkt der Nutzung, bis das Futter verfüttert wird. Untersuchungen aus Deutschland haben gezeigt, dass auf dem Weg vom Feld bis zur Kuh bis zu 30% Verluste entstehen. Das ist wohl der grösste Hebel, um den Ertrag von Wiesen und Weiden zu maximieren.

Wie können diese Verluste minimiert werden?
Es beginnt damit, dass man einen ausgewogenen Pflanzenbestand hat. Ideal sind zwei Drittel Gräser, der Rest je nach Standort Klee und Futterkräuter. Mit den Gräsern hat man am wenigsten Bröckelverluste. Dann sollte der optimale Schnittzeitpunkt erwischt werden, dass Futter muss schonend gewendet und geschwadet werden, und schliesslich sollte das Futter nicht zu nass eingeführt werden oder beim Silieren auch nicht zu trocken.

Entstehen beim Weiden weniger Verluste?
Wenn ein Weidesystem professionell betrieben wird, können die Verluste sehr klein gehalten werden. In der Praxis liegt hier wohl das grösste Potenzial für die Vermeidung von Futterverlusten. Im Frühjahr kann man vielerorts beobachten, dass auf den Weiden den Tieren das Futter davon wächst. Es entsteht überständiges Futter, das nicht gefressen wird. Gleichzeitig wächst dort das Gras nicht mehr nach. Schlussendlich wird die Weide gemulcht, und der Ertrag ist verloren. Anstatt Weidereste zu mulchen, können sie gemäht und liegen gelassen werden. Angewelkt fressen sie die Kühe direkt von der Weide.

Wie weidet man denn richtig?
Der wohl häufigste Fehler ist, dass Landwirte denken, die Kühe hätten zu wenig Futter, und zu spät mit dem Weiden beginnen. Die Wachstumskurve vom Gras steigt im Frühling rasch an. Im April können pro Hektare und Tag um die 100 kg TS wachsen. Das Ziel muss sein, dass pro Fläche genau so viele Kühe vorhanden sind, dass diese Menge innerhalb kurzer Zeit gefressen wird.

Wie macht man das am besten?
Erstens ist es wichtig, dass nicht zu spät mit dem Weiden begonnen wird. Zweitens sollte die Weide eher zu klein als zu gross bemessen sein. Wenn es plötzlich kalt wird oder eine Regenperiode einsetzt und das Graswachstum zurückgeht, kann man ja immer noch im Stall zufüttern oder die Fläche ausdehnen. Professionelle Weidebetriebe messen dafür regelmässig die Grashöhe. Drittens muss die Koppeleinteilung genau überlegt sein.

Wie steht es um die Bedeutung des Futterbaus in der Schweiz?
Es gibt durchaus Futterbauprofis. In vielen Regionen der Schweiz ist die Veredelung von Gras zu Milch und Fleisch die einzige mögliche landwirtschaftliche Nutzung. Tatsache ist aber, dass immer weniger Betriebe Milch produzieren, dies aber mit einer intensiveren Fütterung. Die Anforderungen an den Futterbau sind stetig gestiegen. Der Futterbau beschränkt sich heute längst nicht mehr nur auf die Produktion von Futter. Eine Bewirtschaftung von Grasland beinhaltet auch viele weitere Aspekte wie zum Beispiel die Förderung der Biodiversität oder den Erhalt der Kulturlandschaft

Wie viel Aufwand lohnt es sich für die Bekämpfung von Mäusen im Grasland zu betreiben?
Mäusepopulationen entwickeln sich zyklisch. Die AGFF betreibt dazu das Schermausradar. Bei einem intensiven Befall können Totalausfälle mit hohen Folgekosten entstehen. Es spielt auch eine Rolle, ob man Silobetrieb ist oder nicht. Beim Silobetrieb fällt die Futterverschmutzung stärker ins Gewicht. Vorbeugende Massnahmen wie Vogelsitzstangen aufstellen oder das Abschleppen im Frühling sind sicher hilfreich. Bei einem akuten Befall kommt man nicht darum herum die Mäuse direkt zu bekämpfen. Am besten ist man stetig etwas dran.

Welche Forschungsfragen sind in ihrem Gebiet aktuell?
In der Schweiz wächst auf über 70% der LN das kostengünstigste Futter für Wiederkäuer. Der übergreifende Schwerpunkt unserer Arbeiten geht deshalb der Frage nach, wie man in der Schweiz diesen Standortvorteil nachhaltig und gewinnbringend für die Produktion von Milch und Fleisch nutzen kann.  Wiesenfutter alleine enthält für Kühe mit hoher Milchleistung oft zu wenig Energie. Eine Doktorarbeit hat soeben gezeigt, dass gewisse tanninhaltige Pflanzen wie Spitzwegerich oder Alpenkräuter den Anteil Stickstoff, der im Pansen abgebaut wird, verringern. Eine andere Arbeit untersucht die Unterschiede von Wiesenmilch gegenüber Milch aus Silomais und Kraftfutter. Weitere Themen sind die professionelle Weidenutzung  und Stoffflüsse in landwirtschaftlichen Produktionssystemen. 

Zur Person

Beat Reidy ist Dozent für Graslandnutzung und Wiederkäuersysteme an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften Hafl in Zollikofen BE. Der 48-Jährige hat an der ETH Agronomie studiert. Reidy war zuvor unter anderem in der Saatgutbranche und im Düngerhandel tätig. big 

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE