25.08.2020 17:37
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Bern
Chlorothalonil: Bauern erhalten Entschädigung
Produkte mit Chlorothalonil dürfen die Bauern seit Anfang Jahr nicht mehr einsetzen. Mit einer schweizweit einzigartigen Aktion spannen Bauern und ein Wasserversorger im Berner Seeland zusammen. In einer Rückkaufaktion werden Landwirte für die Abgabe von chlorothalonilhaltigen Pflanzenschutzmitteln entschädigt.

Das Fungizid wird seit mehreren Monaten Das Bundesamt für Landwirtschaft bewilligte den Einsatz von Chlorothalonil in den 1970er-Jahren. Der Wirkstoff wurde im Getreide-, Gemüse-, Wein- und Zierpflanzenbau gegen Pilzbefall eingesetzt. 

Seit Anfang 2020 verboten

Aufgrund neuer Forschungsergebnisse hat der Bund Chlorothalonil im vergangenen Jahr als «wahrscheinlich krebserregend» bezeichnet und die Anwendung per Anfang 2020 verboten. Dies deshalb, weil auch im Grund- und Trinkwasser möglicherweise gesundheitsgefährdende Rückstände nachweisbar sind.

Im Dezember 2019 hatte das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) alle Abbauprodukte (Metaboliten) von Chlorothalonil als Trinkwasser-relevant eingestuft. Für diese Stoffe gilt somit ein Höchstwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter für Trinkwasser, der in diesem Fall auch für das Grundwasser als Grenzwert gültig ist. Dieser neue Wert ist extrem tief. Bei diesem Höchstwert handelt es sich um einen vorsorglichen Wert, nicht um einen toxikologisch hergeleiteten Grenzwert.

12 Franken pro Liter

Zahlreicher Bauern haben aber noch Produkte, die Chlorothalonil enthalten. Im Berner Seeland spannen nun ein Wasserversorger und Landwirte zusammen. Die Seeländische Wasserversorgung (SWG) und die Landwirtschaftliche Organisation Seeland (LOS) sammeln diese Produkte zentral ein, entsorgen diese fachgerecht und entschädigen die Bauern. Zu diesem Zweck führen sie eine gemeinsame Rückkaufaktion durch, heisst es in einer Mitteilung von Mittwoch.

Sämtliche chlorothalonilhaltige Pflanzenschutzmittel gemäss Liste werden zurückgenommen. Pro Liter werden die Bauern mit 12 Franken entschädigt. Dies entspricht gemäss Mitteilung einem gemittelten rabattierten Durchschnittspreis von 2019. «Um Missbrauch vorzubeugen, können die zurückgebrachten Mengen im Zweifelsfall anhand der GELAN-Daten oder Feldkalender plausibilisiert werden», heisst es weiter.

«Hersteller müssten entschädigen»

Wasserversorger wie Bauern finden es nicht richtig, dass Produkte mit Chlorothalonil nicht entschädigt werden. «Dass für die rechtmässig gekauften Produkte bisher weder eine Aufbrauchfrist noch eine Entschädigung geboten wurden, finden viele Bauern stossend», lässt sich Daniel Weber, Präsident der Landwirtschaftlichen Organisation Seeland (LOS), in der Mitteilung zitieren. «Wir begrüssen es deshalb, dass nun die SWG eine Entschädigung anbietet», so Weber weiter. Viele Bauern hätten deutlich über dem Rücknahmepreis eingekauft.

Syngenta hat gegen den Entscheid der Verwaltung, Chlorothalonil zu verbieten, Beschwerde eingelegt. «Dabei geht es nicht nur um den Wirkstoff selbst, sondern vor allem auch darum, dass Behörden Zulassungsentscheide auf Basis von wissenschaftlichen und nachvollziehbaren Erkenntnissen zu fällen haben», begründet der Hersteller den Schritt. Nur so sei auch in Zukunft Innovation möglich. Behördenentscheide bedürften eines klaren rechtlichen Rahmens und sollten nicht zum Spielball der Politik werden, so Syngenta. «Dies ist aber im Fall Chlorothalonil geschehen. Die Behörden ignorieren die eigenen Erkenntnisse und befeuern gegen besseres Wissen eine polemisch geführte Debatte», so Pflanzenschutzmittelhersteller weiter.

Die Seeländische Wasserversorgung und die LOS richten die Entschädigung in Eigenregie aus. «Korrekterweise müsste die Entschädigung nicht von der Wasserversorgung, sondern von jenen entrichtet werden, welche diese Produkte produziert und verkauft haben», sagt Daniel Wiget, Geschäftsführer der SWG. Da aber die Hersteller eine Beschwerde gegen Chlorothalonil-Verbot eingereicht hätten, sei eine Entschädigung für die Bauern bis auf Weiteres nicht zu erwarten, so Wiget weiter. 

Chlorothalonilhaltige Produkte gemäss Liste des Bundesamts für Landwirtschaft

Balear 720 SC, Bravo 500, Bravo Premium, Cargo, Cherokee, Chlorotal 500, Chlorothalonil Flow, Chlorothalonil, Daco 500, Daco Combi DF, Daconil Weather Stik, Defensor SC, Fusanil Royal, Miros FL, Mixanil, Ortiva Opti, Revus Opti, Rover Combi, Rover, Tossa Opti, Treoris, UPL Chlorthalonil, Agroseller Chlorothalonil & Azoxystro-bin, Amistar Opti, Banko 500, Bravo, Chloroflash, Fongil FL, Geronimo, Life Scientific Chlorothalonil, Visclor 500L

Schweizweit Schule machen

Mit der Rücknahmeaktion im vierstelligen Frankenbereich könne man viel erreichen. «Wenn wir jegliche weitere Verwendung dieses problematischen Spritzmittels verhindern können, sollten wir das tun», so Wiget. Weber wie auch Wiget sind überzeugt: «Derartige Rückkaufaktionen dürften angesichts ihrer Wirksamkeit und verhältnismässig geringen Kosten auch andernorts in der Schweiz zur Anwendung kommen.»

150 Liter Wasser pro Kilo Körpergewicht 

Der neue Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter sei extrem tief, erklärte der Berner Kantonschemiker Otmar Deflorin im Januar gegenüber der Zeitung «Der Bund». «Bis vor kurzem liessen sich tiefere Werte gar nicht messen.» Zudem brauche es in der Regel eine gewisse Menge, bis eine Substanz toxisch, also giftig sei. 

Er machte ein Beispiel: «Alkohol ist ein Zellgift, das nachweislich Leberkrebs verursacht. Wenn Sie ein Glas Whisky mit 40 Prozent Alkohol trinken, nehmen Sie eine ungleich grössere Menge an toxischen Substanzen ein, als wenn Sie einen Liter Wasser trinken.» Für Chlorothalonil gilt eine lebenslängliche Tagesdosis von 15 Mikrogramm pro Kilo Körpergewicht als unbedenklich. Um diese Dosis zu erreichen, müsste man also 150 Liter Wasser pro Kilo Körpergewicht trinken, sofern der Grenzwert eingehalten wird.

Auch unbelastetes Wasser kann gefährlich sein: Trinkt man innert kurzer Zeit sieben oder mehr Liter Wasser, so kann dies lebensbedrohlich werden. Trotzdem sei er «dezidiert» der Meinung, dass die Chlorothalonil-Abbauprodukte nicht ins Wasser gehörten, sagte Deflorin. «Dass Chlorothalonil nun verboten ist, ist eine grosse Errungenschaft der Behörden.»

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