8.06.2020 15:34
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Bern
Chlorothalonil: Bei 10% Grenzwert überschritten
Der Fungizid Wirkstoff Chlorothalonil erlangte in den vergangenen Monaten viel Beachtung, denn dieser gilt als potenziell krebserregend. Bei rund 10% der untersuchten Messstellen wurde im Kanton Bern der Grenzwert überschritten. Der Konsum des Wassers sei unbedenklich, macht der Kanton deutlich.

Das Bundesamt für Landwirtschaft bewilligte den Einsatz von Chlorothalonil in den 1970er-Jahren. Der Wirkstoff wurde im Getreide-, Gemüse-, Wein- und Zierpflanzenbau gegen Pilzbefall eingesetzt. 

Grenzwert wurde gesenkt

Der Bund hat Chlorothalonil, gestützt auf neue Forschungsergebnisse, vergangenes Jahr neu als «wahrscheinlich krebserregend» bezeichnet und die Anwendung per Anfang 2020 verboten. 

Im Dezember 2019 hatte das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) alle Abbauprodukte (Metaboliten) von Chlorothalonil als Trinkwasser-relevant eingestuft. Für diese Stoffe gilt somit ein Höchstwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter für Trinkwasser, der in diesem Fall auch für das Grundwasser als Grenzwert gültig ist. Dieser neue Wert ist extrem tief.

Keine Gefahr für Bevölkerung

Der Kanton Bern hebt in seiner Mitteilung von Montag hervor, dass es sich bei diesem Höchstwert um einen vorsorglichen Wert handelt, nicht um einen toxikologisch hergeleiteten Grenzwert. Eine Überschreitung zeige an, dass Handlungsbedarf bestünde, um eine konforme Trinkwasserqualität wiederherzustellen. Der vorsorgliche Schutz der Trinkwasserressourcen soll zudem gestärkt werden. 

Grenzwert für Trink- und Grundwasser

Im Dezember 2019 beurteilte das BLV den Wirkstoff Chlorothalonil neu und stufte als Folge davon automatisch alle Abbauprodukte als relevant ein. Damit gilt für alle Chlorothalonil-Metaboliten ein vorsorglicher Höchstwert von 0.1 Mikrogramm pro Liter im Trinkwasser (Verordnung des EDI über Trinkwasser sowie Wasser in öffentlich zugänglichen Bädern und Duschanlagen TBDV).

Grundwasser, das als Trinkwasser genutzt wird oder dafür vorgesehen ist, muss so beschaffen sein, dass es nach Anwendung einfacher Aufbereitungsverfahren die Anforderungen der Lebensmittelgesetzgebung einhält (Gewässerschutzverordnung GSchV). Daher gilt der Höchstwert der TBDV auch als Grenzwert («numerische Anforderung») für Grundwasser.

Bei Wasserfassungen, wo der Grenzwert überschritten wird, besteht keine Gesundheitsgefährdung. «Die Konsumentinnen und Konsumenten können davon ausgehen, dass der Genuss von Trinkwasser im Kanton Bern trotz Überschreitung nach wie vor unbedenklich ist und keine Gefahr für die Gesundheit besteht», macht der Kanton deutlich.

Mittelland betroffen

2019 und 2020 hat das Gewässer- und Bodenschutzlabor Messungen vorgenommen. Das analysierte Grundwasser wird nicht in jedem Fall als Trinkwasser genutzt. «Untersucht wurden die beiden Chlorothalonil-Sulfonsäuren Typ R417888 und Typ R471811, da diese im Grundwasser am häufigsten vorkommen», schreibt der Kanton. 

Die meisten Daten liegen für den Typ R417888 vor. «Hier zeigt sich, dass bei mehr als 10% der Messstellen Konzentrationen über 0.1 µg/L gemessen wurden. Diese befinden sich vorwiegend im landwirtschaftlich intensiv genutzten Mittelland», heisst es weiter. Betroffen sind vor allem das Seeland und der Oberaargau. 

Daten öffentlich zugänglich

Die Chlorothalonil-Sulfonsäure Typ R471811 kommt in den höchsten Konzentrationen vor. Dieser sei aber schwierig zu bestimmen gewesen. Derzeit liegen vorerst nur punktuelle Messungen in potenziell gefährdeten Regionen vor. «Diese belegen eine signifikante Belastung, welche sich grossflächig über das Berner Mittelland erstreckt. Die maximal gemessene Konzentration betrug über 2 µg/L. Diese Fassung wird aber nicht zur Trinkwassergewinnung genutzt», teilt der Kanton mit.

Da die Abbauprodukte gemäss den Experten langlebig sind, werden die Metabolite noch während längerer Zeit im Wasser messbar sein. Die Daten sind öffentlich zugänglich. Alle wichtigen Messresultate sind ab sofort im Geoportal des Kantons Bern einsehbar, heisst es in der Mitteilung.

150 Liter Wasser pro Kilo Körpergewicht 

Der neue Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter sei extrem tief, erklärte der Berner Kantonschemiker Otmar Deflorin im Januar gegenüber der Zeitung «Der Bund». «Bis vor kurzem liessen sich tiefere Werte gar nicht messen.» Zudem brauche es in der Regel eine gewisse Menge, bis eine Substanz toxisch, also giftig sei. 

Er machte ein Beispiel: «Alkohol ist ein Zellgift, das nachweislich Leberkrebs verursacht. Wenn Sie ein Glas Whisky mit 40 Prozent Alkohol trinken, nehmen Sie eine ungleich grössere Menge an toxischen Substanzen ein, als wenn Sie einen Liter Wasser trinken.» Für Chlorothalonil gilt eine lebenslängliche Tagesdosis von 15 Mikrogramm pro Kilo Körpergewicht als unbedenklich. Um diese Dosis zu erreichen, müsste man also 150 Liter Wasser pro Kilo Körpergewicht trinken, sofern der Grenzwert eingehalten wird.

Auch unbelastetes Wasser kann gefährlich sein: Trinkt man innert kurzer Zeit sieben oder mehr Liter Wasser, so kann dies lebensbedrohlich werden. Trotzdem sei er «dezidiert» der Meinung, dass die Chlorothalonil-Abbauprodukte nicht ins Wasser gehörten, sagte Deflorin. «Dass Chlorothalonil nun verboten ist, ist eine grosse Errungenschaft der Behörden.»

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