Dienstag, 30. Mai 2023
01.02.2022 18:36
Pflanzenschutz

Chlorothalonil: Bei 33% Grenzwert überschritten

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Von: blu/sda

Abbauprodukte des Fungizids Chlorothalonil belasten namentlich im Schweizer Mittelland grossflächig das Grundwasser. In jeder dritten Messstelle liegen die Messwerte laut einer Zusammenstellung des Bundesamtes für Umwelt (Bafu) über dem Grenzwert von 0,1 Mikrogramm. Die Grenzwert ist jedoch umstritten.

Das Bundesamt für Landwirtschaft bewilligte den Einsatz von Chlorothalonil in den 1970er-Jahren. Der Wirkstoff wurde im Getreide-, Gemüse-, Wein- und Zierpflanzenbau gegen Pilzbefall eingesetzt.  

Seit 2020 verboten

2019 geriet das Fungizid international in den Fokus. Aufgrund neuer Forschungsergebnisse hat der Bund Chlorothalonil als «wahrscheinlich krebserregend» bezeichnet und die Anwendung per Anfang 2020 verboten. Dies deshalb, weil auch im Grund- und Trinkwasser möglicherweise gesundheitsgefährdende Rückstände nachweisbar sind.

Im Dezember 2019 hatte das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) alle Abbauprodukte (Metaboliten) von Chlorothalonil als Trinkwasser-relevant eingestuft. Für diese Stoffe gilt somit ein Höchstwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter für Trinkwasser, der in diesem Fall auch für das Grundwasser als Grenzwert gültig ist.

2017 erstmals nachgewiesen

Im Rahmen einer Pilotstudie der Nationalen Grundwasserbeobachtung NAQUA, die das BAFU in enger Zusammenarbeit mit den kantonalen Fachstellen betreibt, wurden im Jahr 2017 erstmals Metaboliten des Pflanzenschutzmittels Chlorothalonil im Grundwasser nachgewiesen. 2018 konnten die Untersuchungen auf weitere Messstellen ausgedehnt werden. Seit 2019 liegt ein landesweiter Datensatz der NAQUA-Messstellen zu dem Chlorothalonil-Metabolit R417888 vor, für 2020 nun auch zu Chlorothalonil R471811.

Wie das Bafu am Dienstag mitteilt, treten in mehr als der Hälfte aller Kantone treten diese sogenannten Chlorothalonil-Metaboliten im Grundwasser in einer Konzentration von 0,1 Mikrogramm pro Liter Wasser auf. Neu liege nun auch ein landesweiter Datensatz zu Chlorothalonil R471811 vor, dem am meisten registrierten Abbauprodukt. Der entsprechende Messwert überschreite im Mittelland an mehr als 60 Prozent der Messstellen den Grenzwert.

Mittelland

Auch der Metabolit R417888 verunreinige das Grundwasser in vielen landwirtschaftlich genutzten Gebieten des Mittellandes grossflächig. Hier liege der Messwert an mehr als 20 Prozent der Messstellen über 0,1 Mikrogramm pro Liter.

Werte von über 0,1 Mikrogramm pro Liter weisen demnach die Kantone Aargau, Bern, Freiburg, Genf, Graubünden, Jura, Luzern, Neuenburg, St. Gallen, Schaffhausen, Solothurn, Thurgau, Waadt, Wallis, Zug und Zürich auf. An einigen wenigen Messstellen würden auch die Metaboliten R419492 und SYN507900 in erhöhten Konzentrationen nachgewiesen.

Umstrittener Grenzwert

Das Bafu geht gemäss Mitteilung davon aus, dass die Verunreinigungen die Qualität des Grundwassers noch während Jahren in grösserem Ausmass beeinträchtigen werden. Dies, weil die Metaboliten von Chlorothalonil ausgesprochen langlebig seien. Alle betroffenen Wasserversorger seien über die Ergebnisse informiert.

Im Dezember 2019 hatte das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) alle Abbauprodukte von Chlorothalonil als Trinkwasser-relevant eingestuft. Für diese Stoffe gilt somit ein Höchstwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter für Trinkwasser, der in diesem Fall auch für das Grundwasser als Grenzwert gültig ist. Auch von Fachexponenten wurde dieser Wert schon als sehr tief angesetzt kritisiert.

Sehr tiefer Grenzwert

Der neue Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter sei extrem tief, erklärte der Berner Kantonschemiker Otmar Deflorin im Januar 2020 gegenüber der Zeitung «Der Bund». «Bis vor kurzem liessen sich tiefere Werte gar nicht messen.» Zudem brauche es in der Regel eine gewisse Menge, bis eine Substanz toxisch, also giftig sei.

Er machte ein Beispiel: «Alkohol ist ein Zellgift, das nachweislich Leberkrebs verursacht. Wenn Sie ein Glas Whisky mit 40 Prozent Alkohol trinken, nehmen Sie eine ungleich grössere Menge an toxischen Substanzen ein, als wenn Sie einen Liter Wasser trinken.» Für Chlorothalonil gilt eine lebenslängliche Tagesdosis von 15 Mikrogramm pro Kilo Körpergewicht als unbedenklich. Um diese Dosis zu erreichen, müsste man also 150 Liter Wasser pro Kilo Körpergewicht trinken, sofern der Grenzwert eingehalten wird.

Auch unbelastetes Wasser kann gefährlich sein: Trinkt man innert kurzer Zeit sieben oder mehr Liter Wasser, so kann dies lebensbedrohlich werden. Trotzdem sei er «dezidiert» der Meinung, dass die Chlorothalonil-Abbauprodukte nicht ins Wasser gehörten, sagte Deflorin. «Dass Chlorothalonil nun verboten ist, ist eine grosse Errungenschaft der Behörden.»

Bund darf nicht warnen

Im September 2020 musste das BLV nach einer Zwischenverfügung des Bundesverwaltungsgerichts auf einen Antrag des Agrochemiekonzerns Syngenta Agro eine an die Kantone versandte Weisung von seiner Webseite entfernen, in der Chlorothalonil und Metaboliten dieses Wirkstoffes als toxikologisch relevant eingestuft wurden. Die Einstufung als «relevant» hat Folgen für die Grenzwerte im Grund- und Trinkwasser.

Syngenta Agro stellt Fungizide mit dem Stoff Chlorothalonil her. Die Verwendung wurde per 1. Januar 2020 in der Schweiz verboten. Gegen das Verbot hat der Konzern Beschwerde eingelegt. Das Unternehmen ist der Ansicht, dass wissenschaftliche Grundlagen für das Verbot fehlen. Diese Frage wird vom Bundesgericht in einem separaten Verfahren behandelt.

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5 Responses

  1. Chlorothalonil und Metaboliten dieses Wirkstoffes als toxikologisch relevant eingestuft wurden. Die Einstufung als «relevant» hat Folgen für die Grenzwerte im Grund- und Trinkwasser.
    Also müssen wir alle sorgen das das endlich aufhört
    Wir müssen auch an unsere nächste Generationen denken, und dürfen nicht so weitermachen wie bisher und nicht immer nur an das Geld denken.
    Diese Schäden in den Böden kann man nicht mit gutem gewissen der nächsten Generationen überlassen
    Danke fürs mitmachen

    1. Das Zeug ist erst relevant seit es neue extrem empfindliche Analysemethoden gibt. Bezüglich Toxizität ist Alkohol, Kaffee oder Speisesalz gefährlicher.

  2. Chlorothalonin Abbauprodukte werden noch lange nachweisbar sein, da viele Fertigabriebe an Hausfassaden Chlorothalonin enthalten als Pilzgift, das muss auch mal gesagt werden!

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