30.08.2020 15:00
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Pflanzenschutz
Chlorothalonil: Bund darf nicht mehr warnen
Der Bund darf Chlorothalonil bis auf Weiteres nicht mehr als «wahrscheinlich krebserregend» bezeichnen. Dies geht aus einem Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts hervor. Für Syngenta ist das ein Erfolg.

Das Bundesamt für Landwirtschaft bewilligte den Einsatz von Chlorothalonil in den 1970er-Jahren. Der Wirkstoff wurde im Getreide-, Gemüse-, Wein- und Zierpflanzenbau gegen Pilzbefall eingesetzt. 

Seit 2020 ist Einsatz verboten

Im vergangenen Jahr geriet das Fungizid international in den Fokus. Aufgrund neuer Forschungsergebnisse hat der Bund Chlorothalonil als «wahrscheinlich krebserregend» bezeichnet und die Anwendung per Anfang 2020 verboten. Dies deshalb, weil auch im Grund- und Trinkwasser möglicherweise gesundheitsgefährdende Rückstände nachweisbar sind.

Im Dezember 2019 hatte das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) alle Abbauprodukte (Metaboliten) von Chlorothalonil als Trinkwasser-relevant eingestuft. Für diese Stoffe gilt somit ein Höchstwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter für Trinkwasser, der in diesem Fall auch für das Grundwasser als Grenzwert gültig ist.

Abbauprodukte nicht relevant

Gegen das Verbot hat sich Syngenta gewehrt. «Dabei geht es nicht nur um den Wirkstoff selbst, sondern vor allem auch darum, dass Behörden Zulassungsentscheide auf Basis von wissenschaftlichen und nachvollziehbaren Erkenntnissen zu fällen haben», begründete der Hersteller den Schritt.

Ein Gutachten des BLV von Anfang Dezember 2019 kam zum Schluss, dass die Abbauprodukte von Chlorothalonil als nicht relevant und damit als nicht-schädlich für Mensch und Umwelt einzustufen sind. Trotzdem hat der Bund den weiteren Einsatz des Wirkstoffes ab 1. Januar 2020 in der Schweiz verboten und alle Abbauprodukte als «relevant» eingestuft.

Bund muss Warnung entfernen

Für Syngenta war dies aus wissenschaftlicher Perspektive nicht nachvollziehbar. «Die Behörden ignorieren die eigenen Erkenntnisse und befeuern gegen besseres Wissen eine polemisch geführte Debatte», liess der Pflanzenschutzmittelhersteller verlauten. Daher ging das Unternehmen gerichtlich gegen den Entscheid vor.

Und nun kann Syngenta einen Teil-Erfolg feiern, wie die TX-Medien am Freitag berichten. Das Bundesverwaltungsgericht hiess ein Gesuch Syngentas um vorsorgliche Massnahmen gut. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) muss bis auf weiteres Aussagen von seiner Website entfernen, die Chlorothalonil als «wahrscheinlich krebserregend» bezeichnen und alle Abbauprodukte als «relevant» und damit potenziell gesundheitsschädlich einstufen.

«Schadet Ruf von Syngenta»

«In seinem Zwischenentscheid erkennt das Gericht explizit an, dass die Information des BLV und die nachfolgende Berichterstattung zur Grundwasserbelastung durch Pflanzenschutzmittel dem Ruf von Syngenta potenziell schadet», schreibt Syngenta.

Zufrieden zeigt sich auch Roman Mazzotta, Länderpräsident Syngenta Schweiz: «Wir begrüssen den Zwischenentscheid des Bundesverwaltungsgerichts ausdrücklich und hoffen nun auf eine Gutheissung unserer Beschwerde. Der Einsatz von Chlorothalonil gefährdet erwiesenermassen weder die Umwelt noch die Gesundheit, was die entscheidenden Kriterien für die Zulassung sein sollten. Insbesondere für die forschende Agrarindustrie und die Landwirtschaft ist der Entscheid somit ein Erfolg.»

Bund will sich nicht äussern

Das BLV will sich aufgrund des laufenden Verfahrens gegenüber den TX-Medien nicht äussern. Das Bundeverwaltungsgericht sagt gegenüber den Zeitungen, dass eine «eindeutige Prozessprognose» nicht möglich sei. Den endgültigen Entscheid über die Beschwerde von Syngenta gegen das Chlorothalonil-Verbot wird das Gericht zu einem späteren Zeitpunkt treffen.

Die Initianten der Trinkwasserinitiative sprechen in ihrem jüngsten Newsletter davon, dass die Syngenta die Behörde «mundtot» gemacht habe. Mit einem Ja zur Initiative beende man diesen Irrweg. 

«Wir investieren Jahr für Jahr Milliarden Franken Steuermittel in unsere Lebensmittelproduktion. Wir fördern mit diesen Subventionsgeldern eine Lebensmittelproduktion, die am Pestizid-Tropf der Industrie hängt. Zu Gunsten von Syngenta, zum Schaden unserer Gesundheit», heisst es im Newsletter weiter.

Bauern und Wasserversorger ziehen Chlorothalonil ein

Ein Wasserversorger und eine Bauernorganisation haben zusammen nach Lösungen gesucht. Beim Werkhof der Seeländischen Wasserversorgung in Worben BE konnten am vergangenen Mittwoch Landwirte Reste von nicht verwendetem chlorothlonilhaltigen Pflanzenschutzmitteln zurückbringen. Pro Liter erhielten die Überbringer 12 Franken bar auf die Hand. 

Nach rund drei Stunden waren 36 Landwirte vorbeigekommen und lieferten über 200 Liter ab. Diese werden via Landi Ins zur fachgerechten Entsorgung zurückgenommen. Die Aktion für die Bauern aus dem Einzugsgebiet der Seeländischen Wasserversorgung SWG wurde zusammen mit der landwirtschaftlichen Organisation Seeland LOS durchgeführt.

Die Wirkung auf das Grund- und Trinkwasser seien bekannt und würden die Wasserbezüger langfristig betreffen. «Der tiefe vierstellige Betrag ist gut eingesetzt. Müssen wir die Stoffe mit grossem Aufwand aus dem Wasser herausfiltern, kostest das ein X-Faches mehr», sagte Roman Wiget, Geschäftsführer von der Seeländischen Wasserversorgung zu schweizerbauer.ch.

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