10.02.2020 06:30
Quelle: schweizerbauer.ch - sda/blu
Pflanzenschutzmittel
Chlorothalonil-Rückstand: Orte bekannt
Zahlen des Bundesamtes für Umwelt zeigen: In einigen Gemeinden sind die Pestizidkonzentrationen im Grundwasser bis zu 25 Mal höher als der Grenzwert erlaubt, wie die «SonntagsZeitung» und «Le Matin Dimanche» berichten. Die beiden Zeitungen sprechen von «Pestizidhöllen».

Wo diese Orte liegen, war bis jetzt nicht bekannt. Die Umweltbehörden wollten das geheim halten. Erst auf Druck eines Gesuches gemäss Öffentlichkeitsrecht gab das Amt die Daten nun frei, wie die beiden Zeitungen schreiben.

Das Amt betont, dass es sich um Grundwasser- und nicht um Trinkwassermessungen handelt. In aller Regel ist das Grundwasser aber Basis für das Trinkwasser. Die Daten führten Brisantes zutage. Erstens erstrecken sich die verseuchten Gebiete über das gesamte Mittelland. Zweitens wurden Gemeinden ungenügend informiert. So zeigt die Tabelle, dass die Werte des Chlorothalonil-Rückstandes R471811 in der Luzerner Gemeinde Fischbach den Grenzwert um das 12-Fache überschreitet.

Die Messungen wurden durch das Wasserforschungsinstitut Eawag ausgewertet. Die Forscher hielten in ihrer Analyse fest, dass die Messwerte dieses Stoffes besonders besorgniserregend seien, weil er sich nur langsam abbaue und seine Gesundheitsgefährdung kaum erforscht sei. Die Gemeindebehörden erfuhren jedoch nie von den verheerenden Messwerten, wie der für das Trinkwasser zuständige Gemeinderat Ivo Häfliger sagte.

Der Wirkstoff Chlorothalonil wird seit vielen Jahren in der Landwirtschaft in diversen Fungiziden, also Mitteln gegen Pilzkrankheiten, eingesetzt. Das Bundesamt für Landwirtschaft liess den Wirkstoff in den 70er-Jahren zu. Nun hat aber der Bund Chlorothalonil neu als «wahrscheinlich krebserregend» bezeichnet und die Anwendung per Anfang 2020 verboten.

150 Liter Wasser pro Kilo Körpergewicht 

Der neue Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter sei extrem tief, erklärte der Berner Kantonschemiker Otmar Deflorin kürzlich gegenüber der Zeitung «Der Bund». «Bis vor kurzem liessen sich tiefere Werte gar nicht messen.» Zudem brauche es in der Regel eine gewisse Menge, bis eine Substanz toxisch, also giftig sei. 

Er machte ein Beispiel: «Alkohol ist ein Zellgift, das nachweislich Leberkrebs verursacht. Wenn Sie ein Glas Whisky mit 40 Prozent Alkohol trinken, nehmen Sie eine ungleich grössere Menge an toxischen Substanzen ein, als wenn Sie einen Liter Wasser trinken.» Für Chlorothalonil gilt eine lebenslängliche Tagesdosis von 15 Mikrogramm pro Kilo Körpergewicht als unbedenklich. Um diese Dosis zu erreichen, müsste man also 150 Liter Wasser pro Kilo Körpergewicht trinken, sofern der Grenzwert eingehalten wird.

Auch unbelastetes Wasser kann gefährlich sein: Trinkt man innert kurzer Zeit sieben oder mehr Liter Wasser, so kann dies lebensbedrohlich werden. Trotzdem sei er «dezidiert» der Meinung, dass die Chlorothalonil-Abbauprodukte nicht ins Wasser gehörten, sagt Deflorin. «Dass Chlorothalonil nun verboten ist, ist eine grosse Errungenschaft der Behörden.»

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE