Dienstag, 3. August 2021
06.02.2020 18:41
Bern

«Grenzwert extrem tief»

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Von: sda

Das Trinkwasser im Kanton Bern enthält an zahlreichen Orten zu viele Rückstände des Pestizids Chlorothalonil. Das zeigen amtliche Messungen des vergangenen Jahrs, welche der Kanton Bern am Donnerstag veröffentlichte.

Bei 37 Messungen wurden Konzentrationen von Chlorothalonil-Abbauprodukten über dem zulässigen Grenzwert gefunden. Dieser Grenzwert liegt bei 0,1 Mikrogramm pro Liter Trinkwasser.

Vor allem im Seeland und im Oberaargau ist das Problem akut. Doch auch Trinkwasserversorger in weiteren Gebieten des Berner Mittellands kämpfen mit zu hohen Werten, etwa im Gürbetal zwischen Bern und Thun.

Wasser mischen

Der Kanton Bern veröffentlichte die Resultate, nachdem die «Berner Zeitung» gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz Einsicht in die Messresultate verlangt und erhalten hatte. Sie schrieb am Donnerstag, schätzungsweise 180’000 Menschen in 50 Gemeinden seien von zu hohen Chlorothalonil-Werten im Trinkwasser betroffen.

An einer Medienveranstaltung in Bern sagte der Berner Kantonschemiker Otmar Deflorin dazu, diese Zahl sei schwierig einzuschätzen. Sie könne aber stimmen. Die Wasserversorger mit zu viel Chlorathalonil müssten handeln. Eine Lösung bestehe beispielsweise darin, Wasser aus mehreren Fassungen zu mischen und dadurch die Konzentration von Chlorothalonil-Rückständen, sogenannten Metaboliten, zu verkleinern.

Kein toxikologisch begründeter Wert

Der Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter Trinkwasser sei aber sehr tief, so Deflorin weiter. Auf Erdbeeren seien 5000 Mikrogramm Chlorothalonil-Rückstände pro Kilo zulässig, also viel mehr. Der Höchstwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter sei auch kein toxikologisch begründeter Wert. Er sei so festgelegt worden, weil dieser Wert lange der gerade noch messbare gewesen sei.

Das Trinkwasser im Kanton Bern sei weiterhin bedenkenlos konsumierbar. Schnellschüsse seien nicht angebracht. Es gelte jetzt zu beobachten, wie sich das neue Chlorothalonil-Verbot auf die Trinkwasserqualität auswirke. Das brauche seine Zeit. In den letzten Jahren sei über hundert Pflanzenschutzmitteln die Bewilligung entzogen worden. Chlorothalonil stehe derzeit einfach besonders im Fokus.

Seit 50 Jahren im Einsatz

Schon am Dienstag hatte der Kanton Aargau bekanntgegeben, er gehe davon aus, dass zwei Drittel der Trinkwasserfassungen dieses Kantons erhöhte Rückstandswerte aufwiesen.

Der Wirkstoff Chlorothalonil wird seit vielen Jahren in der Landwirtschaft in diversen Fungiziden, also Mitteln gegen Pilzkrankheiten, eingesetzt. Das Bundesamt für Landwirtschaft liess den Wirkstoff in den 70er-Jahren zu. Nun hat aber der Bund Chlorothalonil neu als «wahrscheinlich krebserregend» bezeichnet und die Anwendung per Anfang 2020 verboten.

150 Liter Wasser pro Kilo Körpergewicht 

Der neue Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter sei extrem tief, erklärte der Berner Kantonschemiker Otmar Deflorin kürzlich gegenüber der Zeitung «Der Bund». «Bis vor kurzem liessen sich tiefere Werte gar nicht messen.» Zudem brauche es in der Regel eine gewisse Menge, bis eine Substanz toxisch, also giftig sei. 

Er machte ein Beispiel: «Alkohol ist ein Zellgift, das nachweislich Leberkrebs verursacht. Wenn Sie ein Glas Whisky mit 40 Prozent Alkohol trinken, nehmen Sie eine ungleich grössere Menge an toxischen Substanzen ein, als wenn Sie einen Liter Wasser trinken.» Für Chlorothalonil gilt eine lebenslängliche Tagesdosis von 15 Mikrogramm pro Kilo Körpergewicht als unbedenklich. Um diese Dosis zu erreichen, müsste man also 150 Liter Wasser pro Kilo Körpergewicht trinken, sofern der Grenzwert eingehalten wird.

Auch unbelastetes Wasser kann gefährlich sein: Trinkt man innert kurzer Zeit sieben oder mehr Liter Wasser, so kann dies lebensbedrohlich werden. Trotzdem sei er «dezidiert» der Meinung, dass die Chlorothalonil-Abbauprodukte nicht ins Wasser gehörten, sagt Deflorin. «Dass Chlorothalonil nun verboten ist, ist eine grosse Errungenschaft der Behörden.»

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One Response

  1. Der Grenzwert für Wasser wurde leichtfertig und unverantwortlich festgelegt und ist sachlich nicht haltbar.
    Die Folgen sehen wir jetzt mit einem übertriebenen Aufwand gewisser Gemeinden, um mittels teuren Anlagen ihr Wasser unter den besagten Wert zu bringen, ohne die Auswirkungen des Chlorothalonilverbots abzuwarten, und mit einer extremen Trinkwasserinitiative welche, falls sie angenommen wird, die Schweizer Landwirtschaft gegenüber der ausländischen Produktion massiv benachteiligt.

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