20.09.2015 09:31
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Indien
Herbizid gefährdet indische Bauern
Indische Kleinbauern zählen auf einen in der Schweiz nicht zugelassenen Syngenta-Unkrautvernichter mit Paraquat. Sie schätzen das umstrittene Mittel, weil es ihnen grössere Ernten einbringt. Über die Gesundheitsrisiken wissen aber längst nicht alle Bauern Bescheid.

Im grossen Stil wird das Herbizid mit Paraquat, meist unter dem Namen Gramoxone bekannt, für die Baumwoll-Produktion sowie im Gemüsebau eingesetzt. Das erklärt Srinivas Vasu von der Nichtregierungsorganisation (NGO) Green Foundation. Er sagt auch, viele der Bauern erkrankten an Krebs, was aber nicht in Zusammenhang mit Paraquat gebracht werde - aus seiner Sicht zu Unrecht.

Höhere Erträge

«Mir geht es gut», sagt der Kleinbauer Krishnayya aus dem Distrikt Hassan im südwestlich gelegenen indischen Bundesstaat Karnataka. Er zeigt sich erstaunt, dass das Mittel, das er seit 15 Jahren auf seine Ingwer-, Rohrzucker- und Kartoffel-Felder streut, zu gesundheitlichen Problemen führen können soll. «Ich habe noch nie von einem einzigen Problem für Bauern hier gehört - weder für die Felder noch für die Gesundheit», sagte er.

Im Gegenteil: Krishnayya lobt das Paraquat. Seine Ernte sei deutlich grösser, seit er die Chemikalie einsetze, sagte er. Statt fünf bis sechs Tonnen pro Hektar fahre er mittlerweile sieben bis acht Tonnen ein.

«Effizient und sicher»

Die Wirksamkeit des Mittels hebt auch der Basler Agrarchemiekonzern Syngenta hervor, der Paraquat herstellt. Das Produkt sei effizient und sicher, wenn es gemäss Gebrauchsanwendung eingesetzt werde, sagte ein Firmensprecher auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. In der Anleitung steht, es sei zu vermeiden, sich giftigen Dosen auszusetzen.

Syngenta betont auch, allein im vergangenen Jahr 4,7 Millionen Produzenten und Händler für die richtige Anwendung sensibilisiert zu haben. Das Unternehme setze sich auch mit einem speziellen Plan für eine nachhaltige Landwirtschaft ein. Die Wirkung solcher Bemühungen zieht das NGO Erklärung von Bern (EvB) in Zweifel. Paraquat habe eine schädliche Wirkung auf die Gesundheit der Bauern, kritisiert die Schweizer Entwicklungsorganisation.

Verbot gefordert

EvB beruft sich, zusammen mit einer indischen Partnerorganisation, PAN India, auf eine epidemiologische Studie in vier indischen Bundesstaaten. Eine US-Studie habe zudem ein erhöhtes Risiko für Lymphdrüsenkrebs gefunden - ohne allerdings eine direkte Verbindung zu Paraquat beweisen zu können.

Im indischen Bundesstaat Karnataka geben die in der Shivamogga-Region konsultierten Krebsspezialisten an, es gebe keine medizinische Beweise für Krebserkrankungen. Trotzdem fordert einer der Verantwortlichen des Instituts für Medizinwissenschaften von Shivamogga (SIMS), KS Gangadhara, ein Verbot des Produkts.


Augen, Haut, Lunge

Schon alleine der wiederholte Kontakt mit dem Unkrautvernichtungsmittel führe zu Schäden an Augen, Haut und Lunge. Werde es eingenommen, könne es sogar tödlich wirken, begründet Gangdhara seine Verbotsforderung. Als SIMS-Direktor habe er 2013 innert dreier Monate 14 Fälle behandeln müssen. Nur ein Patient habe überlebt.

«Unersetzlich» ist das Mittel trotz Gefahren für Krishnayya, den Kleinbauern aus Hassan. Seit er Paraqaut anwende, habe er keine Verluste mehr bei seinen Kulturen hinnehmen müssen.

Anweisungen für Analphabeten


Man müsse aber die nötigen Vorsichtsmassnahmen einhalten, sagte er. Dies habe ihm der Mann eingeschärft, der ihm das Produkt verkauft habe: Maske und Handschuhe anziehen, das Mittel nicht länger als eine Woche bei sich aufbewahren und die Felder nach der Verteilung eine Woche lang meiden. Auch Tiere müssten ferngehalten werden. Die Überreste und den Sack verbrenne er nach der Nutzung.

Ob diese Anweisungen aber bei allen ankommen, ist fraglich. Viele indische Bauern seien Analphabeten und anfällig für die Werbung von Syngenta, sagte Srinivas Vaus vom NGO Green Foundation. Den Bauern die richtige Anwendung zu zeigen, werde dadurch erschwert, dass Paraquat unter verschiedenen Markennamen vertrieben werde und auf den Märkten ohne weiteres in einfachen Kartonbehältern erhältlich sei.

Geld für Werbung, nicht für Schulung


HR Basavarajappa, Präsident einer Gewerkschaft, weiss um die Gefahren um Paraquat - im Gegensatz zu vielen anderen Gewerkschaftsverantwortlichen. Er klagt, dass die Gewerkschaften nicht annähernd so viele Mittel wie die multinationalen Unternehmen hätten, die ihre Produkte mit Millionen von Rupien bewerben könnten. «Wir gehen zu den Leuten. Aber es ist schwierig, alle Kleinbauern gleichzeitig in der richtigen Anwendung zu schulen», sagte er.

Die chemische Verbindung Paraquat ist in der Schweiz und in der EU wegen ungenügendem Schutz für Mensch und Tier nicht zugelassen. Versuche, das Mittel auf eine Liste verbotener chemischer Substanzen nach dem Rotterdamer Übereinkommen zu setzen, scheiterten in der Vergangenheit aber regelmässig am Widerstand von Ländern wie Indien.

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