2.04.2019 09:17
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Gewässer
Kleine Bäche: zu viele Pflanzenschutzmittel
Die Forschungsanstalt Eawag und das Oekotoxzentrum zeigen erneut, dass kleine Bäche mit landwirtschaftlich genutzten Einzugsgebieten stark mit Pflanzenschutzmitteln belastet sind. Es besteht demnach ein Risiko für Schäden an Pflanzen- und Tierwelt. Die pauschalen Grenzwerte hätten teils wenig Aussagekraft, so die Experten.

Die beiden Institutionen überwachten fünf kleinere Bäche mit landwirtschaftlich genutztem Einzugsgebiet von Frühjahr bis Herbst 2017. In zwei Artikeln in der Fachzeitschrift «Aqua&Gas» berichten die Fachleute nun von den Ergebnissen: Pro Standort fanden sich zwischen 71 und 89 Wirkstoffe, insgesamt 145, wie die Eawag am Dienstag mitteilte.

Wochenlang erhebliches Risiko

Bei allen fünf Bächen wurden Umweltqualitätskriterien überschritten. Diese werden für jeden Stoff aus Tests abgeleitet. Über mehrere Monate hinweg - zwischen dreieinhalb und sechseinhalb Monaten, also teils während der gesamten Vegetationsperiode - lagen die Werte einzelner Stoffe demnach so hoch, das mit einer schleichenden Schädigung der Tiere und Pflanzen zu rechnen sei, hiess es weiter.

Zwischen zwei und knapp elf Wochen war das Risiko so hoch, dass mit einer akuten Beeinträchtigung der Lebensgemeinschaften gerechnet werden müsse, schrieb die Eawag. Dies aufgrund einzelner Stoffe, aber auch der ganzen Mischung aus verschiedenen Unkraut-, Pilz- und Insektenvernichtungsmitteln.

Wetter und Lage

Beispielsweise lag das berechnete Risiko im Eschelisbach im Thurgau bis 36 mal und im Weierbach im Kanton Basel-Land bis 50 mal über der Schwelle, ab welcher Fortpflanzung, Entwicklung und Gesundheit von Pflanzen, Tieren und Mikroben beeinträchtigt sind. Beide Bäche wurden bereits in einer früheren Studie von 2015 untersucht.

Der Vergleich zeigte, dass sich die Stoffzusammensetzung teils deutlich unterschied: Beispielsweise gab es im Weierbach insgesamt 21 Substanzen, die für Wasserlebewesen problematisch sind. Davon lagen aber nur vier in beiden Jahren in problematisch hohen Konzentrationen vor. Mögliche Gründe seien das Wetter und die Lage der landwirtschaftlich genutzten Flächen zum Gewässer, halten die Fachleute fest. Insgesamt ging die Belastung im Weierbach im Vergleich zu 2015 zurück, im Eschelisbach lag sie leicht höher.

Grenzwerte mit wenig Aussagekraft

Dass Schweizer Gewässer stark mit Pflanzenschutzmitteln belastet sind, ist bereits aus früheren Untersuchungen bekannt. Allerdings stellte sich dabei die Frage, welchen Anteil Wirkstoffe aus nicht-landwirtschaftlichen Quellen ausmachen, und ob die Messungen repräsentativ für die Schweiz seien. Bei den Messungen von 2017 stellten die Fachleute daher sicher, dass praktisch keine Siedlungsabwässer mitgemessen wurden und dass die Messstandorte nicht aussergewöhnlich waren.

«Bei vier von fünf Bächen würde selbst eine zehnfach extensivere Landwirtschaft im Einzugsgebiet wohl noch zu Überschreitungen der Qualitätskriterien führen», sagte Christian Stamm von der Eawag gemäss der Mitteilung, «in diese Kategorie fallen rund 13'000 Kilometer Schweizer Bachläufe.» Der aktuell gültige Grenzwert (Anforderungswert) für organische Pestizide der Gewässerschutzverordnung von 0.1 µg/L wurde von 66 Wirkstoffen ein- oder mehrmals überschritten, darunter von den zwei Herbiziden Glyphosat und Mecoprop. Doch gerade diese zwei Beispiele von häufig eingesetzten Stoffen zeigen, dass der pauschale Anforderungswert wenig über die Gefahr für die Gewässerorganismen aussagt, weil er die ökotoxikologische Wirkung der Substanzen nicht berücksichtigt, so die Forscher.

So sind negative Wirkungen von Glyphosat im Gewässer erst ab Konzentrationen zu befürchten, die über 120 µg/L liegen; gemessen wurden im Mittel 0.16  µg/L. Dagegen verletzten 18 Stoffe, die bereits in extrem tiefen Konzentrationen schädlich sind, ihre unterhalb von 0.1 µg/L liegenden Umweltqualitätskriterien. Einige als Nervengift wirkende Insektizide, welche erst seit kurzem überhaupt gemessen werden können, sind dabei noch gar nicht berücksichtigt.

Gewässerschutz konsequent umsetzen

Um die Gewässerbelastung zu reduzieren sei ein ganzes Bündel an Massnahmen notwendig: «Dazu zählen der Ersatz von besonders kritischen Stoffen, eine generelle Reduktion des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln und das Minimieren von Verlusten aus den Anbauflächen», so Stamm. All dies seien Punkte, die im Nationalen Aktionsplan Pflanzenschutzmittel vorgesehen sind und nun möglichst rasch umgesetzt werden müssten.

Die Untersuchung fand im Auftrag des Bundesamts für Umwelt (BAFU) im Rahmen der Nationalen Beobachtung Oberflächengewässerqualität (NAWA) statt und wurde von fünf Kantonen und der Plattform Wasserqualität des Verbands Schweizer Abwasser und Gewässerschutzfachleute unterstützt.

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