4.03.2017 13:12
Quelle: schweizerbauer.ch - Martin Brunner, LID
Pflanzenschutz
Makellose Äpfel brauchen Pflanzenschutz
Am Obstkulturtag an der Messe "Tier und Technik" diskutierten Fachleute über die Zukunft im Umgang mit Pflanzenschutzmitteln. Ein kompletter Ersatz dafür scheint in weiter Ferne zu sein.

Konsumenten wollen makellose Äpfel kaufen und essen. Soll eine stabile Produktion erreicht werden, so geht das gemäss Obstbranche derzeit aber nicht ohne Pflanzenschutzmittel (PSM). Diese allerdings sind verpönt und stehen immer wieder am Pranger. Rückstände auf Früchten und in Gewässern will niemand. Dieses Spannungsfeld schreit geradezu nach Diskussionen und Lösungen. Deshalb erörterte die Branche am 15. Obstkulturtag an der Messe "Tier und Technik" ihre Zukunft und vor allem jene der Pflanzenschutzmittel.

Alternativen prüfen

Ueli Henauer, Obstbauberater am BBZ Arenenberg, war sich bewusst, dass die Akzeptanz der Pflanzenschutzmittel (PSM) schwindet. Ohne sie sei die Produktion im Moment zum grössten Teil aber nicht möglich, sagte er. Trotzdem nannte er als Alternativen die Verwirrungstechnik, nützlingschonende PSM, Nützlinge als Gegenspieler der Schädlinge, schorfresistente Sorten und weitere, die in gewissen Fällen helfen können. Für die Zukunft sah er eine Obstproduktion, die Natur und Umwelt noch besser schützt.

Er sprach von Ressourceneffizienzbeiträgen, der Weiterentwicklung der Produktionssysteme und der Anwendungstechniken durch die Forschung, neuen Sortenzüchtungen usw. Aus Sicht des Verkäufers betonte Lorenz Kreis von der Migros, dass der Konsument keine Schockmeldungen zu PSM wolle, aber einwandfrei Produkte. Er regte die Reduktion der Anzahl bewilligter Wirkstoffe, Lenkungsabgaben, höhere Auflagen, die Prüfung von Alternativen usw. an. Denn der öffentliche Druck werde zunehmen. Die Branche suche deshalb am besten gemeinsam und antizipiert nach Lösungen.

Die Kommunikation intensivieren

Die Branche sei gut beraten, selber und jetzt schon aktiv zu werden, sagte Daniela Hofmann vom WWF an der Podiumsdiskussion. Immerhin laufe bis 2018 die Unterschriftensammlung für die Initiative für ein Verbot von Pflanzenschutzmitteln. Sie hoffte zudem auf staatliche Regelungen, die zum Beispiel vom nationalen Aktionsplan Pflanzenschutzmittel zu erwarten sind. Für sie war klar, dass PSM für die Umwelt immer schädlich sind, ausser bei Alternativen wie biotechnischen und ökologischen Massnahmen.

Im Gegensatz dazu sind staatliche Eingriffe für Lorenz Kreis und Ueli Henauer keine gute Idee. Sie setzten vielmehr auf die Selbstregulierung des Marktes und die Suche nach Lösungen durch die Branche. Robert Wiedmer vom Südtiroler Beratungsring erklärte, dass man vermehrt nach aussen treten und die nichtbäuerliche Bevölkerung einbeziehen müsse. Es gelte, Hintergründe aufzuzeigen und zu erklären, was die Obstbauern machen und warum. Hinrich Holthusen vom Obstbauzentrum Jork in Norddeutschland hoffte auf kostendeckende Preise, damit die Landwirte in Neuentwicklungen und Verbesserungen investieren können. Klar war für alle Podiumsteilnehmer, dass die Entwicklung weitergeht.

Sensible Zonen definiert

Fürs Südtirol beschrieb Robert Wiedmer vom Beratungsring für Obst- und Weinbau eine besondere Situation. Aufgrund der engen Verhältnisse grenzen dort Obstkulturen und Siedlungsgebiet sehr oft aneinander. "Deshalb wurden sensible Zonen wie Schulen, Kindergärten, Spielplätz, Altersheime usw. definiert", erklärte er. "Das bedeutet, dass dort für alle Pflanzenschutzmittel Einschränkungen gelten. Sie dürfen in der Regel erst mit 30 Metern Abstand zum Siedlungsgebiet eingesetzt werden." Trennt allerdings eine drei Meter hohe Hecke die beiden Gebiete, so darf dieser Abstand unterschritten werden. Das Gleiche gilt, wenn eine Spritzpistole verwendet und Richtung Obstkultur gespritzt wird. Zu diesen Ausnahmen gehören auch bessere Geräte. Wiedmer betonte, dass die Einhaltung dieser und weiterer Vorschriften kontrolliert und bei Nichteinhaltung streng bestraft werde.

Verbot könnte kommen

Im Alten Land nordwestlich von Hamburg befindet sich das grösste Obstanbaugebiet Europas. Es ist geprägt durch viele grössere und kleinere Gewässer, die direkt an die Obstkulturen grenzen. Das erfordert spezielle Vorsicht bei der Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln (PSM). Hinrich Holthusen vom Obstbauzentrum Jork nannte deshalb spezielle Injektordüsen, genügend Abstand und Hecken sowie Zäune als Schutz. Eine alternative Technologie sei der kurze Tunnel, der bei der Ausbringung mitfahre. Gegen Fäulnis komme bereits die Heisswasserbehandlung zum Einsatz. Weil die Zulassung von PSM in Deutschland aber generell sehr schwierig sei, müsse man sich so oder so Gedanken machen. Für die Zukunft sah er deshalb PSM, die keine Zulassung brauchen, keine nachweisbaren Rückstände produzieren und ein geringes Risiko für Resistenzen aufweisen. Er war sich nicht zuletzt bewusst, dass ein Verbot von PSM nicht unrealistisch ist.

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