30.05.2018 10:35
Quelle: schweizerbauer.ch - blu/sda
Umfrage
«Pestizid-Initiative»: Chance oder Gefahr?
Ein Komitee hat vergangene Woche die Initiative «für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» eingereicht. Die Lebensmittelversorgung sei absolut möglich. Bauernverbände warnen: Die einheimische Produktion werde sehr stark eingeschränkt. Folge seien stark steigende Preise. Was sagen Sie? Chance oder Gefahr für die Bauern? Abstimmen und mitdiskutieren

Hinter der Initiative steht das Komitee «future3.0» mit 7 Personen, das nach eigenen Angaben 145'099 Unterschriften gesammelt hat. Im Initiativkomitee sind unter anderem ein Winzer, ein Professor für Bodenbiologie sowie Unternehmer, wie es auf der Webseite von future3.0 heisst.

Auch Einfuhr soll verboten werden

Die Initianten wollen synthetische Pestizide in der landwirtschaftlichen Produktion, in der Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse und in der Boden- und Landschaftspflege verbieten.

Verboten werden soll auch die Einfuhr von Lebensmitteln, die synthetische Pestizide enthalten oder mit Hilfe solcher Substanzen hergestellt worden sind. Die Initiative müsste innerhalb von zehn Jahren auf Gesetzesebene umgesetzt werden.

«Absolut möglich»


Die Initianten schreiben, dass es heute bereits «absolut möglich» sei, die Versorgung der Schweizer Bevölkerung durch die einheimische Produktion und den Import von Nahrungsmitteln ohne synthetische Pestizide sicherzustellen.

Hunderte Schweizer Landwirtschaftsbetriebe zeigten, dass dies mehr als nur rentabel sei. «Es gibt auch das Bewusstsein für eine gegenüber Mensch und Boden respektvolle Bewirtschaftung zurück. Zudem werden qualitativ höherwertige Nahrungsmittel produziert», halten die Initianten auf ihrer Website fest.

Synthetische Pestizide teuer

Bezüglich der höheren Kosten schreibt «future3.0», dass es Beispiele gäbe, die zeigten, dass Bauern, die ohne diese Stoffe produzierten, signifikant tiefere Kosten hätten. «Synthetische Pestizide und ihre Verwendung sind sehr teuer», betonen die Initianten.

Das Komitee will synthetische Pestizide verbieten. Substanzen wie Kupfersulfat wären weiterhin erlaubt, und dasselbe würde für Behandlungen im ökologischen Landbau gelten. Düngemittel und andere Produkte, die zur Anreicherung von Böden zur Stimulierung von Nutzpflanzen bestimmt sind, fallen nicht unter das Verbot.

Glyphosat verbieten


Verbieten wollen die Initianten hingegen das in der EU vor Kurzem für weitere fünf Jahre zugelassene Herbizid Glyphosat. Der Bundesrat stufte dieses in einem Bericht als unbedenklich für Konsumenten ein.

Verboten würden auch die für Bienen gefährlichen Neonicotinoide Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam. Diese Neonicotinoide dürfen nach Angaben des Bundesamtes für Landwirtschaft ab Ende Jahr nur noch in Gewächshäusern verwendet werden.

Nahrungsmittelverschwendung

Dass es zu Engpässen in der Versorgung kommen würde, dementiert das Komitee. «Jährlich werden in der Schweiz 2,3 Millionen Tonnen Lebensmittel entsorgt. Diese massive Nahrungsmittelverschwendung zeigt, dass die Angst vor einer Nahrungsmittelknappheit völlig unbegründet ist», halten sie fest. 

Die Initiative könne eine Gelegenheit sein, über die Optimierung der Ressourcen und deren Nutzung nachzudenken. Vor allem die hohen Verluste bei den Konsumenten gilt aus Sicht der Initianten zu senken.

Fordert «Bioland Schweiz» 

Der Bauernverband (SBV) lehnt die Initiative ab. Diese fordere faktisch ein «Bioland Schweiz» und würde die Produkte der Bauern massiv verteuern, so der Verband. Nur ein kleiner Teil der Konsumenten setze konsequent auf Bio-Lebensmittel.

Pestizide würden auch im Bau-, im Hygiene- und im Gesundheitsbereich eingesetzt, macht der SBV geltend. Diese Anwendungen verbiete die Initiative nicht. Der SBV setzt auf den nationalen Aktionsplan Pflanzenschutz. Ein sorgfältiger und verantwortungsvoller Umgang mit Pflanzenschutzmitteln sei wichtig, hebt der Bauernverband hervor.

Initiative bekämpfen

Der Verband Schweizer Gemüseproduzenten will die Initiative bekämpfen, weil er befürchtet, dass Gemüsebauern nach einem Ja deutlich weniger Gemüse und Gemüsesorten als bisher produzieren könnten. Für weniger Ertrag wären wesentlich mehr Anbauflächen nötig. Ausserdem würden die Produkte teurer.

Die Annahme der Volksinitiative würde den Obstbau in der Schweiz massiv beeinträchtigen, warnt der Schweizer Obstverband (SOV). Denn ohne Einsatz von Pflanzenschutzmitteln könnten Obstbauern ihre Kulturen nur ungenügend vor Krankheiten und Schädlingen schützen. Die Umsetzung der Initiative – die explizit auch die Importe umfasst – würde die landwirtschaftliche Produktion massiv verteuern, da wesentlich weniger Ertrag auf den vorhandenen Flächen erwirtschaftet würde. Zudem würde die Wahlfreiheit der Konsumenten erheblich eingeschränkt.

Was denken Sie, liebe Leserinnen und Leser? Bieten die Initiative eine Chance für die Bauern? Oder ist sie eine Gefahr, weil die die Produktion einschränkt und die Preise ansteigen lässt? Mitdisktuieren und abstimmen

Die Volksinitiative lautet:

Die Bundesverfassung1 wird wie folgt geändert:

Art. 74, Abs. 2bis
2bis Der Einsatz synthetischer Pestizide in der landwirtschaftlichen Produktion, in der Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse und in der Boden- und Landschaftspflege ist verboten. Die Einfuhr zu gewerblichen Zwecken von Lebensmitteln, die synthetische Pestizide enthalten oder mithilfe solcher hergestellt worden sind, ist verboten.

Art. 197 Ziff. 122
12. Übergangsbestimmungen zu Art. 74 Abs. 2bis 
1Die Ausführungsgesetzgebung zu Artikel 74 Absatz 2bis tritt spätestens zehn Jahre nach dessen Annahme durch Volk und Stände in Kraft. 
2 Der Bundesrat erlässt vorübergehend auf dem Verordnungsweg die notwendigen Ausführungsbestimmungen und achtet dabei auf eine schrittweise Umsetzung von Artikel 74 Absatz 2bis. 
3 Solange Artikel 74 Absatz 2bis nicht vollständig umgesetzt ist, darf der Bundesrat vorübergehend unverarbeitete Lebensmittel, die synthetische Pestizide enthalten oder mithilfe solcher hergestellt worden sind, nur dann bewilligen, wenn sie zur Abwehr einer gravierenden Bedrohung von Mensch oder Natur unverzichtbar sind, namentlich einer schweren Mangellage oder einer ausserordentlichen Bedrohung von Landwirtschaft, Natur oder Mensch. 

1 SR 101 
2 Die endgültige Ziffer dieser Übergangsbestimmungen wird nach der Volksabstimmung von der Bundeskanzlei festgelegt.

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