25.07.2019 08:45
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda, lid
Pflanzenschutzmittel
Pestizide im Zahlen-Dschungel
Ein altes Sprichwort lautet: „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“. Aber Fälschen ist heutzutage gar nicht mehr nötig. Es gibt so viele Statistiken, dass jeder für sich die Passende findet. Auch für die Verwendung von Pflanzenschutzmitteln.

"Ich muss Sie bitten zu klären, ob diese Zahl von 27 Prozent richtig ist." Nicht nur Nationalrat Beat Jans, sondern auch andere Redner waren in der Nationalratsdebatte über die Trinkwasser- und Pestizidinitiative im Juni 2019 verunsichert.

Andere Zahlen passen besser

Sie kannten die Zahlen nicht, die zeigen, dass der Einsatz von konventionellen Pflanzenschutzmitteln (PSM) in den letzten zehn Jahren um 27 Prozent gesunken ist und der Herbizid-Einsatz um 45 Prozent abgenommen hat. Sie hatten eher andere Zahlen im Kopf, die zeigen, dass Schweizer Bauern mehr PSM verwenden als ihre Kollegen in anderen europäischen Ländern. Diese passten auch besser zum Gegenvorschlag. Denn Zahlen sind - nicht nur im Parlament - noch immer die besten Argumente. Aber nicht immer ist klar, was sich hinter den Zahlen verbirgt. 

"Schweizer Bauern sind die eifrigsten Giftspritzer", titelte im Oktober 2011 das Konsumentenmagazin Saldo. Die Schlagzeile bezog sich auf eine europäische Statistik, welche die verkaufte Menge PSM ins Verhältnis zur landwirtschaftlichen Nutzfläche (ohne Grünfläche) setzt. Laut dieser Berechnung werden in der Schweiz mehr PSM pro Hektar eingesetzt als z. B. in Deutschland. Warum das so ist, hat eine Studie von Agroscope vor einigen Jahren untersucht. Sie rechneten die Daten von rund 300 Betrieben hoch, die im Rahmen des Agrar-Umweltmonitorings genaue Aufzeichnungen über ihren PSM-Einsatz machen.

Mehr Reben und Kernobst

Dabei kamen sie auf vergleichbare Werte mit den Nachbarländern, ausser beim Getreidebau. Dort setzen die Schweizer, wegen dem hohen Anteil an Extenso-Getreide deutlich weniger ein - nehmen dafür aber tiefere Hektarerträge in Kauf. Am Ende kamen die Autoren Simon Spycher und Otto Daniel zum Schluss: "Ein Teil der Differenz lässt sich dadurch erklären, dass in der Schweiz der Anteil an Kulturen, in denen die PSM-Mengen hoch sind, höher ist als in Deutschland." 

Die Schweiz hat einen fünfmal höheren Anteil Reben und Kernobst an der Gesamtfla¨che als Deutschland. Und das sind die Kulturen, welche am meisten Pflanzenschutzmittel benötigen. Rund 40% aller PSM werden im Kernobst- und Weinbau einsetzt. Deutschland baut dagegen prozentual mehr Raps, Wintergerste und u¨briges Getreide an, welche weniger PSM benötigen.

Machtlos gegen Fehlinterpretationen

Im Tagesanzeiger war z.B. kürzlich zu lesen, dass 12 Prozent von 185 einheimischen Früchte- und Gemüseproben wegen Pestiziden beanstandet werden mussten. Und weiter: "Bei Gemüse aus dem EU-Raum lag der Wert bei 7 Prozent; bei den Früchten bei 5 Prozent." Als Quelle wurde der Jahresbericht des Kantonalen Labors Zürich angegeben. Allerdings sagt diese Untersuchungsstatistik kaum etwas über die Belastung von Lebensmitteln der jeweiligen Länder aus. 

Kantonschemiker Martin Brunner ärgert sich über solche Aussagen: "Das war einfach schlecht recherchiert!" Schliesslich steht im Jahresbericht ausdrücklich: "Der Anteil der beanstandeten Proben lässt keine Schlüsse auf die durchschnittliche Qualität der angebotenen Lebensmittel zu. Die Untersuchungsstatistik sieht daher weit ungünstiger aus als die Produkte auf dem Markt." 

Dass die Ergebnisse zwar aufrüttelnd, aber nicht repräsentativ sind, liegt an der Vorgehensweise. Das Kantonale Labor Zürich kontrolliert risikobasiert: Wo Mängel vermutet werden, wird intensiv kontrolliert (z.B. bei Produkten aus Asien), wo eine geringere Wahrscheinlichkeit für Fehler besteht, wird weniger kontrolliert. "So versuchen wir die zur Verfügung gestellten Ressourcen möglichst effizient zugunsten des Verbraucherschutzes einzusetzen."

Und wo immer möglich versucht das Labor auch den Grund für die Überschreitung von Grenzwerten herauszufinden. Bei den 15 beanstandeten Proben aus der Schweiz wurde meistens Abdrift von einem Nachbarfeld vermutet, einmal wurde offenbar ein Mittel verwechselt. Hinweise auf einen systematischen PSM-Missbrauch fehlten jedenfalls. Brunner: "Leider sind wir gegen solche Fehlinterpretationen unserer Daten schier machtlos. Sie deshalb nicht mehr zu publizieren, ist im Zeitalter der transparenten Verwaltung wohl auch keine Option." ed

Vergleiche sind schwierig 

Der übrige Teil der höheren Verkaufsmenge ist darauf zurückzuführen, dass in der Schweiz mehr Wirkstoffe mit hohen Dosen (kg/ha), aber geringer Umweltbelastung, wie z.B. Öle eingesetzt werden. Dazu kommt, dass in Deutschland gewisse Stoffe wie Kaolin oder das Backtriebmittel Kaliumbicarbonat als Pflanzenstärkungsmittel gelten und deshalb nicht in der PSM-Statistik auftauchen, während sie in der Schweiz den PSM zugeschlagen werden. 

Andere Staaten wie Grossbritannien verzichten in ihrer Statistik auf Parallelimporte und erfassen die PSM für nicht-landwirtschaftliche Anwendungen separat. Das zeigt: Internationale Vergleiche sind und bleiben schwierig, es besteht immer die Gefahr, dass Äpfel mit Birnen vergleichen werden.

Verwendung von 800 Tonnen Pestiziden unklar

Wer wo wieviel Pestizide bzw. Pflanzenschutzmittel einsetzt, ist nach wie vor unklar. Es gibt zwar Betriebe, die am Agrarumweltmonitoring mitmachen und die PSM-Anwendung genau erfassen. Aber wenn man ihre Zahlen  für die ganze Schweiz hochrechnet, deckt sie das nicht mit den PSM-Mengen, die eingekauft wurden. Im Jahr 2009 betrug diese Differenz 800 Tonnen, das ist rund ein Drittel.

In der Zwischenzeit dürfte die Lücke nicht viel kleiner geworden sein. Als Erklärung kommen mehrere Faktoren in Frage. So werden z.B. nicht alle Kulturgruppen im Monitoring erfasst, Intensivgemu¨se und Gartenbau fehlen. Auch einzelne Applikationsarten (wie Saatbeizmittel) sind nicht darin enthalten. Aber das macht nicht 800 Tonnen aus.  Das Problem kennt man nicht nur in der Schweiz. Im Nachbarland Österreich wurden 2012 rund 2'000 Tonnen PSM anwendungsmässig erfasst, aber 3'500 Tonnen verkauft. Mit „Kauf auf Vorrat“ lässt sich das nicht erklären, denn das müsste sich auf die Folgejahre auswirken. 

Die Statistiken Grossbritanniens führen auf eine andere Spur. Dort werden die Mengen für landwirtschaftliche und nicht-landwirtschaftliche Anwendung (Privatgebrauch und Freizeitanlagen) separat erfasst. Die verkaufte PSM-Menge für den nicht-landwirtschaftlichen Bereich macht in Grossbritannien immerhin 19% der Gesamtmenge aus. Selbst wenn die gartenverrückten Briten ihre Golfplätze, den Rasen und die Rosen möglicherweise häufiger behandeln als die Schweizer oder Österreicher, könnte es doch ein Hinweis darauf sein, dass die Verwendung von PSM ausserhalb der Landwirtschaft mehr ins Gewicht fällt als gedacht. ed

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