25.02.2019 13:08
Quelle: schweizerbauer.ch - sda/blu
Initiative
«Pestizide: Verbrechen gegen die Zukunft»
Unfruchtbarkeit, genetische Veränderungen, unter Umständen sogar Krebs: Die Urheber der Initiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» warnen eindringlich vor Unkraut- und Schädlingsvertilgungsmitteln. Sie fordern ein totales Verbot.

Vor den Medien in Bern bezeichnete der französische Kinderarzt Charles Sultan am Montag synthetische Pestizide als «Verbrechen gegen die Zukunft». Ein grosser Teil davon verändere das menschliche Genom, beeinträchtige die Reproduktionsfähigkeit, hemme die Entwicklung des Fötus und sei potenziell krebserregend.

Dauer und Zeitpunkt entscheidend

Pestizide sind nach Ansicht des Mediziners eine Zeitbombe, da sich die Gifte in den Böden ansammeln. Hinzu komme, dass die Wirkung einzelner Stoffe zwar untersucht werde, hingegen kaum bekannt sei, wie verschiedene Stoffe zusammenwirkten.

Im Fall von Pestiziden sei auch nicht die Dosis entscheidend, sagte Antoinette Gilson vom Vorstand des Initiativkomitees. Weil viele davon wie Hormone wirkten, sei die Dauer und der Zeitpunkt der Exposition entscheidend. Besonders problematisch ist es laut Gilson, wenn Schwangere mit Pestiziden kontaminierte Lebensmittel konsumieren, weil dadurch das Kind im Mutterleib geschädigt wird.

Lndwirtschaft profitiert

Die Initianten sehen in einem Verbot nicht nur Vorteile für die Gesundheit, sondern auch für die Wirtschaft. Ziel sei eine strukturelle Veränderung, sagte Joël Thiébaud. Falls die Wirtschaft die Chance ergreife, gebe es viel Raum für Innovation und wirtschaftliche Entwicklung. Das Label «Swiss Made» würde aufgewertet. Das nütze auch Export und Tourismus.

Doch vor allem die Landwirtschaft würde profitieren, ist der Weinbauer Jean-Denis Perrochet überzeugt. Ein Verbot synthetischer Pestizide werde zu einer Reaktivierung des Lebens im Boden und der Bodenfruchtbarkeit führen, sagte er. «Die Schweiz könnte zur Pionierin einer nachhaltigen Landwirtschaft werden.»

Übergangsfrist von zehn Jahren

Die Initianten wissen, dass ein solcher Wandel nicht über Nacht stattfindet. Perrochet benötigte rund sechs Jahre, um seinen Weinbaubetrieb auf biodynamische Produktion umzustellen. Die Initiative sieht eine Übergangsfrist von zehn Jahren vor. Die Umstellung sei nicht eine Frage des Könnens, sondern des Wollens, sagte Perrochet.

Die Initiative fordert ein Verbot synthetischer Pestizide in der landwirtschaftlichen Produktion, in der Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse und in der Boden- und Landschaftspflege. Auf der Verbotsliste stehen unter anderem das umstrittene Herbizid Glyphosat oder für Bienen gefährliche Neonicotinoide. Substanzen wie Kupfersulfat hingegen wären weiterhin erlaubt, ebenso Behandlungen im ökologischen Landbau. Auch das Düngen bliebe zulässig.

Importe auch verboten

Damit Schweizer Bauern nicht benachteiligt werden, will die Initiative den Import von Lebensmitteln verbieten, die mit synthetischen Pestiziden hergestellt wurden oder die solche enthalten. Der Bundesrat warnt, dass ein Importverbot gegen WTO-Recht und Freihandelsabkommen verstossen würde.

Er lehnt die Initiative ohne Gegenvorschlag ab. Der Bundesrat sieht die schweizerische Land- und Ernährungswirtschaft in Gefahr. Die inländische Produktion und die Qualität der Lebensmittel wird seiner Meinung nach sinken. Auch die Wahlfreiheit der Konsumentinnen und Konsumenten werde eingeschränkt, warnt die Regierung. Gemäss ersten Umfragen geniesst die Initiative Unterstützung weit über ökologische Kreise hinaus.

Fordert «Bioland Schweiz»

Der Bauernverband (SBV) lehnt die Initiative ab. Diese fordere faktisch ein «Bioland Schweiz» und würde die Produkte der Bauern massiv verteuern, so der Verband. Nur ein kleiner Teil der Konsumenten setze konsequent auf Bio-Lebensmittel.

Pestizide würden auch im Bau-, im Hygiene- und im Gesundheitsbereich eingesetzt, macht der SBV geltend. Diese Anwendungen verbiete die Initiative nicht. Der SBV setzt auf den nationalen Aktionsplan Pflanzenschutz. Ein sorgfältiger und verantwortungsvoller Umgang mit Pflanzenschutzmitteln sei wichtig, hebt der Bauernverband hervor.

Initiative bekämpfen

Der Verband Schweizer Gemüseproduzenten will die Initiative bekämpfen, weil er befürchtet, dass Gemüsebauern nach einem Ja deutlich weniger Gemüse und Gemüsesorten als bisher produzieren könnten. Für weniger Ertrag wären wesentlich mehr Anbauflächen nötig. Ausserdem würden die Produkte teurer.

Die Annahme der Volksinitiative würde den Obstbau in der Schweiz massiv beeinträchtigen, warnt der Schweizer Obstverband (SOV). Denn ohne Einsatz von Pflanzenschutzmitteln könnten Obstbauern ihre Kulturen nur ungenügend vor Krankheiten und Schädlingen schützen. Die Umsetzung der Initiative – die explizit auch die Importe umfasst – würde die landwirtschaftliche Produktion massiv verteuern, da wesentlich weniger Ertrag auf den vorhandenen Flächen erwirtschaftet würde. Zudem würde die Wahlfreiheit der Konsumenten erheblich eingeschränkt

Initiative: Verfassungsartikel

Art. 74 Abs. 2bis 

2bis Der Einsatz synthetischer Pestizide in der landwirtschaftlichen Produktion, in der Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse und in der Boden- und Landschaftspflege ist verboten. Die Einfuhr zu gewerblichen Zwecken von Lebensmitteln, die synthetische Pestizide enthalten oder mithilfe solcher hergestellt worden sind, ist verboten.

Art. 197 Ziff. 122 

12. Übergangsbestimmungen zu Art. 74 Abs. 2bis
1 Die Durchführungsvorschriften zu Art. 74 Abs. 2bis treten innerhalb von zehn Jahren nach Annahme dieser Bestimmung durch das Volk und die Kantone in Kraft.
2 Der Bundesrat erlässt durch eine Verordnung vorübergehend die notwendigen Ausführungsbestimmungen und sorgt für die schrittweise Umsetzung von Artikel 74 (2bis).
3 Solange Art. 74 Abs. 2bis nicht vollständig umgesetzt ist, kann der Bundesrat unverarbeitete Lebensmittel, die synthetische Pestizide enthalten oder für deren Herstellung synthetische Pestizide verwendet wurden, nur dann vorläufig zulassen, wenn sie zur Abwehr einer grundlegenden Bedrohung für Mensch oder Natur, insbesondere eines schwerwiegenden Mangels oder einer außergewöhnlichen Bedrohung für Landwirtschaft, Natur oder Mensch, unerlässlich sind.
1 RS 101
2 Die endgültige Ziffer dieser Übergangsbestimmungen wird nach der Volksabstimmung von der Bundeskanzlei festgelegt

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