21.06.2017 14:41
Quelle: schweizerbauer.ch - sal
Pflanzenschutz
Pflanzenschutz: Das sagt der SBV
Die Schweizer Landwirtschaft hat ein Problem mit Pflanzenschutzmitteln. Der Bauernverband (SBV) fordert daher vom Bund, nicht bei der entsprechenden Forschung zu sparen. Zugleich spricht sich der SBV gegen zwei Initiativen aus, die dem Einsatz von Pestiziden den Kampf angesagt haben. Die Kern-Aussagen an der Medienkonferenz. Mit Video und Bildergalerie

Sandra Helfenstein, Leiterin Kommunikation des Schweizer Bauernverbands: 

Wir vom Schweizer Bauernverband verkaufen keine Pflanzenschutzmittel (PSM) und möchten diese auch nicht unter allen Umständen verteidigen. Die Bauern kommen aber nicht immer um sie herum.

Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbands: 

Was tun wir, wenn wir schwer krank sind? Wir nehmen Medikamente. Im Pflanzenbau ist das prinzipiell nicht anders. Was im einen Fall selbstverständlich erscheint, ist im anderen Fall immer stärker umstritten. Wir Bauern produzieren heute pflanzliche Produkte wie Weizen, Raps, Kartoffeln, Obst, Gemüse, Weintrauben und vieles mehr im Wert von über Milliarden Franken. Die Hersteller von Pflanzenschutzmitteln müssen diese von einer staatlichen Stelle bewilligen lassen. Wir Bauern müssen darauf vertrauen, dass die Mittel halten, was die Hersteller versprechen und die Behörden erlauben.

Dank immer feineren Instrumenten ist es heute möglich, im Bodensee ein Stück Würfelzucker nachzuweisen.

Ohne Pflanzenschutzmassnahmen gehen die Erträge um 20 bis 40 Prozent zurück.

Die beiden Volksinitiativen «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» und «Sauberes Wasser für alle» werden dem komplexen Thema Pflanzenschutz nicht gerecht. Viele zentrale Aspekte sind ausgeblendet, vereinfacht oder ignoriert. Der SBV unterstützt den Aktionsplan Pflanzenschutz des Bundes.  

Wenn es der Schweiz ernst ist, das Problem wirkungsvoll einzugehen, dann muss sie Geld in die Erforschung beispielsweise der Eintragspfade von PSM in die Umfeld investieren.

Die Landwirtschaft will Klarheit und Lösungen. Wir bieten Hand, diese umzusetzen.  

David Brugger, Leiter Pflanzenbau SBV: 

Die verkaufte Menge an PSM ist seit Jahren stabil. Darin eingeschlossen sind auch PSM, die Private, Bahnen, Forstbetriebe, Gartenbaubetriebe einsetzen oder die z. B. für Fungizidentfernungen an Fassaden gebraucht werden.  

Da haben wir einen klassischen Zielkonflikt: Um den Boden zu schonen, empfiehlt man den Bauern, auf die Bodenbearbeitung wie Pflügen oder Eggen zu verzichten. Diese Anbauverfahren wie Direktsaat oder Mulchsaat erhöhen aber den Einsatz von Herbiziden, um dem munter spriessenden Unkraut Herr zu werden. Wir brauchen nicht mehr PSM als unsere Nachbarn, gegenüber Deutschland brauchen wir sogar 40% weniger.

Auch das Desinfektionsmittel Bétadine ist ein Pestizid.

Simon van der Veer, Landwirt und Landwirtschaftslehrer: 

Als Landwirt spritze ich nicht einfach so zur Freude, sondern es ist eine Notwendigkeit, ob im Bio-Landbau oder im konventionellen Anbau. Diese Mittel kosten ja auch Geld. 50 Prozent der Schweizer Getreidefläche oder rund 83'000 ha werden extensiv angebaut, das heisst, es kommen keine Fungizide, Insektizide oder Wachstumsregulatoren – wie im Ausland üblich – zum Einsatz.  

Die Gentechnik würde weitere Möglichkeiten bieten, unsere Pflanzen noch robuster gegen Krankheiten und Schädlinge zu machen. Ob dies aber im Sinne der Gesellschaft ist, wage ich zu bezweifeln.

Wer Kartoffeln produzieren und abliefern will, muss dieses dicke Vorschriftenheft einhalten. Wenn mehr als 10% der Kartoffeln Drahtwurmschäden aufweisen, werden sie nicht angenommen.  

Jedes Qualitätsproblem geht ins Geld. Eine Hektare Kartoffeln zu produzieren, kostet mich zwischen 10'000 und 15'000 Franken. Wenn ich die Qualität hinkriege, war die Investition für die Katze.

Pascal Occhini, Gemüseproduzent:
 

Sie sehen hier ein Salatkopf, der heute Vormittag um 5 Uhr zurückkam. Vielleicht sehen Sie die Raupe noch, die daran schuld war. Eine einzige Raupe reicht, damit das ganze Palett retourkommt. Heute Morgen kamen 5000 Salatköpfe retour, die kann ich jetzt auf den Kompost werfen.

In unserer Gegend müssen wir z. B. auch auf die Möhrenfliege achten, welche die Karotten bedroht. Wir können nicht auf PSM verzichten. Sonst können wir die geltenden Anforderungen der Abnehmer nicht mehr erfüllen.  

Martin Winkelmann, Obstproduzent und Obsthändler:   

Es ist nicht möglich, Äpfel ohne Pflanzenschutzmassnahmen zu produzieren. Das gilt für den integrierten wie für den biologischen Anbau. Die schönsten Äpfel können wir zum besten Preis verkaufen. Ich sehe das auch bei meinem Direktverkauf ab Hof: Die schönsten Äpfel sind immer zuerst weg.

Jacques Bourgeois, Direktor des SBV: 

Wer will heute noch einen Salatkopf mit Blattläusen im Laden kaufen, Kartoffeln mit Drahtwurmlöchern schälen oder einen Apfel mit Schorfflecken essen?

In den letzten Jahren hat sich bereits viel bewegt beim Thema Pflanzenschutz: Optimierte Fruchtfolge, hacken statt spritzen gegen Unkräuter, Nützlinge oder Pheromone statt Insektizide, natürliche Alternativmittel, präzise Düngen und GPS-Technologie, PSM-freie Zonen um Oberflächengewässer, um nur einige Beispiele zu nennen. Doch uns ist bewusst, dass man sich auf Lorbeeren nicht ausruhen kann. 

Betrieb Occhini

Pascal Occhini ist in Ins BE Pächter eines Betriebs in Kantonsbesitz, welcher der Landwirtschaftsschule Inforama Ins angeschlossen ist. Auf diesen Betrieb kommen also viele Gemüsegärtner in Ausbildung. Der Kantonsbetrieb umfasst rund 30 ha Landwirtschaftliche Nutzfläche (LN), dazu hat Occhini von Privaten noch etwa 20 ha gepachtet. Occhini produziert zusammen mit seinem Team auf rund 30 ha vor allem Lagergemüse: Kartoffeln, Zwiebeln, Kohl und Sellerie. Auf mehreren Hektaren pflegt er Apfelanlagen und baut mehrere Ackerkulturen (darunter Weizen, Kartoffeln, Zuckerrüben) an. Occhini hat auf diesem Betrieb bereits sein zweites Lehrjahr absolviert, dann viele Jahre als Mitarbeiter gearbeitet, bevor er ihn deutlich über zehn Jahren in Pacht bekam. Er hat also fast sein ganzes Leben dort verbracht, wie Occhini im Gespräch lachend sagt. Sein italienischer italienischer Name geht übrigens darauf zurück, dass seine Grosseltern in die Schweiz eingewandert sind.   



 

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