26.08.2020 17:20
Quelle: schweizerbauer.ch - blu/Video: ral
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Wer soll die Entschädigung zahlen?
Produkte mit Chlorothalonil dürfen die Bauern seit Anfang Jahr nicht mehr einsetzen. Mit einer schweizweit einzigartigen Aktion spannen Bauern und ein Wasserversorger zusammen. Der Wasserversorger entschädigt Landwirte für die Rückgabe dieser Mittel. Wer müsste Ihrer Meinung nach die Entschädigung ausrichten? Abstimmen und mitdiskutieren -> Mit Video

Das Bundesamt für Landwirtschaft bewilligte den Einsatz von Chlorothalonil in den 1970er-Jahren. Der Wirkstoff wurde im Getreide-, Gemüse-, Wein- und Zierpflanzenbau gegen Pilzbefall eingesetzt. 

Seit Anfang 2020 verboten

Aufgrund neuer Forschungsergebnisse hat der Bund Chlorothalonil im vergangenen Jahr als «wahrscheinlich krebserregend» bezeichnet und die Anwendung per Anfang 2020 verboten. Dies deshalb, weil auch im Grund- und Trinkwasser möglicherweise gesundheitsgefährdende Rückstände nachweisbar sind.

Im Dezember 2019 hatte das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) alle Abbauprodukte (Metaboliten) von Chlorothalonil als Trinkwasser-relevant eingestuft. Für diese Stoffe gilt somit ein Höchstwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter für Trinkwasser, der in diesem Fall auch für das Grundwasser als Grenzwert gültig ist.

200 Liter von 36 Bauern

Weil die Hersteller der chlorothlonilhaltigen Pflanzenschutzmittel noch rechtliche Schritte gegen das Verbot eingereicht haben, ist von dieser Seite vorerst keine Entschädigung zu erwarten. Ein Wasserversorger und eine Bauernorganisation wollen aber nicht so lange warten und haben zusammen nach Lösungen gesucht. Beim Werkhof der Seeländischen Wasserversorgung in Worben BE konnten am Mittwoch Landwirte Reste von nicht verwendetem chlorothlonilhaltigen Pflanzenschutzmitteln zurückbringen. Pro Liter erhielten die Überbringer 12 Franken bar auf die Hand. 

Nach rund drei Stunden waren 36 Landwirte vorbeigekommen und lieferten über 200 Liter ab. Diese werden via Landi Ins zur fachgerechten Entsorgung zurückgenommen. Die Aktion für die Bauern aus dem Einzugsgebiet der Seeländischen Wasserversorgung SWG wurde zusammen mit der landwirtschaftlichen Organisation Seeland LOS durchgeführt.

Schicksalsgemeinschaft

Daniel Wiget, Geschäftsführer der Seeländischen Wasserversorgung (SWG), ist mit dem Anlass zufrieden. «Bauern und Wasserversorger haben zusammen nach Lösungen gesucht. Das zu zeigen, war uns wichtig. Denn in den vergangenen Wochen standen wir uns eher konfrontativ gegenüber», sagt Wiget gegenüber schweizerbauer.ch.

Wasserversorger und Bauern sind eine Schicksalsgemeinschaft, so Wiget. «Wir sind so eng verwoben durch das Grund- und Trinkwasser, landwirtschaftliche Nutzung und Bewässerung. Wir kommen nicht aneinander vorbei», fährt er fort.

Ziel erreicht

Für Daniel Weber, Präsident der der Landwirtschaftlichen Organisation Seeland (LOS), ist das Ziel der Aktion erreicht. Einerseits seien Produkte zurückgebracht worden und andererseits haben mit den Bauern gute Diskussionen führen können. 

Man habe im Vorfeld nicht abschätzen können, wie viele Produkte zurückgebracht werden, so Weber. Mit dem Erreichten sei man aber zufrieden. «Die Spritzmittel, die hier abgeben wurden, werden nicht mehr eingesetzt», so Weber.

Wasserversorger zahlt Entschädigung

Pro Liter werden die Bauern mit 12 Franken entschädigt. Dies entspricht einem gemittelten rabattierten Durchschnittspreis von 2019. Wer richtet diese Entschädigung aus? «Das übernimmt die Wasserversorgung, also die Gebührenzahler», so Wiget. Die Frage sei aber legitim. «Ist es gerechtfertigt, dass nicht jene die Kosten übernehmen, die die Produkte herstellen und vertrieben haben? Doch jene, die diese Produkte hergestellt oder vertrieben haben, bieten solche Rückkaufaktionen nicht an», hält Wiget gegenüber schweizerbauer.ch fest.

Die Wasserversorger verstünden den Frust der Bauern. Diese hätten die Produkte rechtmässig gekauft. «Von einem Tag auf den anderen wurden diese Pflanzenschutzmittel verboten, ohne Aufbrauchfrist. Und den Bauern wurde keine Entschädigung angeboten. Uns war es ein grosses Anliegen, diese Produkte aus dem Verkehr zu ziehen», macht Roman Wiget deutlich.

«Aus Wasser herausfiltern x-Fach teurer»

Die Wirkung auf das Grund- und Trinkwasser seien bekannt und würden die Wasserbezüger langfristig betreffen. «Der tiefe vierstellige Betrag ist gut eingesetzt. Müssen wir die Stoffe mit grossem Aufwand aus dem Wasser herausfiltern, kostest das ein X-Faches mehr», so Wiget.

Wiget hat sich bei der Rückgabe ein wenig mehr erhofft. Doch zahlreiche Bauern teilten mit, sie hätten die Produkte gar nicht eingesetzt. Wiget freut sich aber, dass rund 36 Bauern an der Aktion teilgenommen haben. 

Bauern nehmen Hersteller in Pflicht

Weber zeigt sich mit der Rückkaufaktion zufrieden. Das sei etwa das, was man erwarten konnte. «Denn einige Bauern haben diese Produkte gar nicht an Lager gehabt oder haben diese gar nie eingesetzt, weil sie diese Kulturen nicht anbauen», so Weber. 

Auch für Weber steht nicht der Wasserversorger in der Pflicht. «Mit wäre es lieber, wenn der Hersteller oder jene, die die Produkte vertreiben, eine Entschädigung ausrichten», sagt er zu schweizerbauer.ch. «Dass für die rechtmässig gekauften Produkte bisher weder eine Aufbrauchfrist noch eine Entschädigung geboten wurden, finden viele Bauern stossend», so Weber weiter.

Was halten Sie von der Rückkaufaktion? Und müssten nicht die Hersteller diese Entschädigung ausrichten? Abstimmen und mitdiskutieren

Syngenta hat gegen den Entscheid der Verwaltung, Chlorothalonil zu verbieten, Beschwerde eingelegt. «Dabei geht es nicht nur um den Wirkstoff selbst, sondern vor allem auch darum, dass Behörden Zulassungsentscheide auf Basis von wissenschaftlichen und nachvollziehbaren Erkenntnissen zu fällen haben», begründet der Hersteller den Schritt. Nur so sei auch in Zukunft Innovation möglich. Behördenentscheide bedürften eines klaren rechtlichen Rahmens und sollten nicht zum Spielball der Politik werden, so Syngenta. «Dies ist aber im Fall Chlorothalonil geschehen. Die Behörden ignorieren die eigenen Erkenntnisse und befeuern gegen besseres Wissen eine polemisch geführte Debatte», so der Pflanzenschutzmittelhersteller weiter.

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