8.05.2016 06:59
Quelle: schweizerbauer.ch - Reto Blunier
Aargau
2,6 Millionen Salate auf 1,3 Hektaren
In Oftringen AG wurde das erste Hydrogewächshaus in Betrieb genommen. Dies erlaubt die Produktion von einheimischen Salat während 365 Tagen. Patrick Forster kann durch die neue Technik effizienter und ressourcenschonender produzieren. Hauptabnehmer der Salate ist die Migros. Mit Videointerviews

Das Gelände, eingequetscht zwischen Kehrichtverbrennungsanlage, Autobahn und Wohnhäusern, sieht auf den ersten Blick nicht nach einem Ort für Gemüsebau aus. Doch auf der Parzelle bei Oftringen wurde in den vergangenen Monaten ein topmodernes Gewächshaus erstellt. In diesen Tagen sind die ersten Salate in die Regale der Migros Aare, Luzern und Zürich gelangt.

Von der Landwirtschaftszone zur Intensiv-Landwirtschaftszone

Besitzer des Hydrogewächshauses ist Gemüsegärtner Patrick Forster. Auf die Idee kam der 36-Jährige vor zwei Jahren, als er einen Berufskollegen in den Niederlanden besuchte. „Ich war von Beginn an begeistert“, so Forster. Überzeugt hat den aus dem Berner Seeland stammenden Unternehmer die Effizienz des Systems. 

Die Parzelle, auf welchen das Gewächshaus erstellt wurde, war zuvor Landwirtschaftsland. Es ist im Besitz des Energieunternehmens Axpo. Um eine bodenunabhängige landwirtschaftliche Produktion in Treibhäusern zu ermöglichen, musste es in eine neu zu schaffende Intensiv-Landwirtschaftszone umgezont werden. „Der Kanton Aargau und die Gemeinde Oftringen haben mich unterstützt“, lobt Forster. Innerhalb kurzer Zeit gelang so die Umlegung.

70 Prozent weniger Wasser

Die Dimension des Gewächshauses ist eindrucksvoll. Dieses ist 200 Meter lang und 80 Meter breit. Auf einer Fläche von 16‘000 Quadratmeter, wovon 13‘000 für die Produktion genutzt werden, sollen jährlich 2,6 Millionen Salatköpfe geerntet werden. Im Vergleich zur konventionellen Produktion wird dafür 8 Mal weniger Land benötigt.

Auch in Sachen Wasserverbrauch setzt das mobile Rinnensystem neue Massstäbe. Einerseits stammt 95 Prozent des benötigten Wassers vom Dach. „Regenwasser ist das beste Wasser zum Kultivieren“, macht Forster deutlich. Anderseits kann im Vergleich zur konventionellen Produktion der Verbrauch um 70 Prozent gesenkt werden.

Erntezeit

Die Salate sind im Sommer nach 4 Wochen erntereif. Sie werden nach zwei Wochen in Rinnen mit grösserem Abstand umgepflanzt. Im Winter dauert die Produktionszeit 7 bis 8 Wochen. Je grösser der Salat ist, desto öfter werden die Rinnen mit Wasser geflutet. Die Salatpflanzen sind aber nicht dauernd im Wasser. Die Tische, auf denen die Rinnen stehen, sind 1,2 Meter über dem Boden. Damit wird eine gute Luftzirkulation erzielt. Durch die Höhe des Gewächshauses von 6,5 Meter kann gemäss Forster das Klima des Gewächshauses gezielter gesteuert werden.


Auch beim Dünger führt das Hydrogewächshaus zu grossen Einsparungen. Diese betragen rund 60 Prozent. Der Dünger (Kali, Stickstoff, Phosphor, Spurenelemente etc.) wird flüssig beigegeben. „Das Wasser fliesst durch Rinnen. Anschliessend wird es wieder angereichert“, erklärt Forster. Auch bezüglich Schädlingsdruck ist er positiv gestimmt. Zwar können Schädlinge in das Gewächshaus eindringen. Deshalb müsse man aufmerksam sein. Doch das Gewächshaus biete auch Schutz. Er geht davon, weniger Pflanzenschutzmittel einsetzen zu müssen.

CO2-neutral

„Die Kombination von effizienter und ressourcenschonenden Produktion ist die Zukunft“, ist sich Forster sicher. Auf Grund der schwindenden Landreserven in der Schweiz habe der Anbau im Hydrobereich gute Chancen. In Belgien und den Niederlanden würden bereits viele solcher Hallen in Betrieb stehen.

Ein weiteres wichtiges Kriterium ist die Beheizung des Gewächshauses. Diese erfolgt ohne fossile Brennstoffe. Erwärmt wird die Luft im Gewächshaus mit der Abwärme der unmittelbar an das Gelände angrenzenden Kehrichtverbrennungsanlage. Die Beheizung erfolgt damit CO2-neutral.

Das ist der entscheidende Grund, weshalb die Migros entschied, Salate aus Hydrokultur von Forster zu beziehen. „Die Produktionsweise ist hocheffizient, ressourcenschonend, CO2-neutral und die Wertschöpfung bleibt in der Region. Zudem können wir im Winter Importe durch einheimischen Salat ersetzen“, führt Rolf Bernhard, Leiter Agrarbeziehungen und Labels von der Migros Aare, hervor.

Patrick Forster

Patrick Forster ist in Golaten im Berner Seeland aufgewachsen. Seine Eltern führen in der Ortschaft nahe Kerzers FR einen Gemüsebetrieb. Nach Abschluss der Lehre als Gemüsegärtner arbeitete Forster auf verschiedenen Gemüsebetrieben im Kanton Zürich und St. Gallen. Zudem war er auch auf einem Betrieb in Ungarn tätig. Im Jahr 2007 übernahm Forster den Betrieb Trachsel AG aus Brittnau AG. Das Unternehmen handelt mit Gemüse, Früchten, Tiefkühl-, Frische- und Molkereiprodukten sowie Backwaren. Rund 25 Bauern aus der Region liefern derzeit  an die Trachsel AG.

2010 erfolgte die Übernahme des Handelbetriebes Krenger FGT AG in Uetendorf BE. 2014 begann Forster wieder selber, Gemüse anzubauen. Er konnte den Betrieb Barmettler Gemüsekulturen übernehmen. „Der Gemüsebau war schon immer meine Leidenschaft“, so Forster. Er habe sich durch die Handelsbetriebe zuerst einen Markt aufgebaut und anschliessend selber produziert. Dies mit Erfolg.

60 Prozent geht an die Migros

Die Migros liess von MyClimate eine Studie zur Ökobilanz durchführen. Die Produktion schneide signifikant besser ab als jene von Winter-Import-Salat aus Italien. Und aufgrund des geringeren Flächenbedarfs habe der Salat vom Hydrogewächshaus Vorteile gegenüber der Freilandproduktion in der Schweiz, so die Klimastiftung weiter.

Die Produktion in Oftringen sei eine sinnvolle Ergänzung zur Freilandproduktion, erklärt Bernhard. Auf der freiwerdenden Fläche könne nun eine Kultur, beispielsweise Broccoli, angebaut werden. Die Migros nimmt rund 60 Prozent der produzierten Menge in Oftringen ab. Kultiviert werden Eichblatt grün und rot. Zudem auch ein Triosalat (Lollo rot und grün und Eichblatt). Dieser bleibt länger frisch, da die Wurzeln nicht abgetrennt werden.

Kunden von Salat überzeugt

Die Migros hat zugesagt, während drei Jahren den Salat von Forsters neuem Gewächshaus zu kaufen. Die ermöglicht dem Gemüseproduzenten eine Anbauplanung. „Dies ist eine Win-win-Situation für beide Seiten“, betont Rolf Bernhard.

Das Risiko liegt aber bei Forster. Sollte der Salat bei den Kunden keinen Anklang finden, muss er andere Wege suchen. Insgesamt hat Forster einen hohen einstelligen Millionenbetrag investiert. Forster ist aber überzeugt, dass sich seine Investition lohnen wird (mehr dazu erfahren Sie im Videointerview).

Auch die Migros bietet erstmals Salate aus Hydrokultur an. Erfahrungswerte fehlen daher. Mitbewerber Coop hat gute Erfahrungen gemacht. Und auch bei den Migros-Kunden kommt dieser gut an. Am Dienstag kam der Salat in die Läden der Migros. Innerhalb von wenigen Stunden war dieser ausverkauft. Die Migros bittet die Kunden deshalb um Verständnis, sollte der Salat im Laden nicht immer verfügbar sein. Forster habe nun grössere Mengen des Triosalates angepflanzt, schreibt die Migros weiter. Bis diese allerdings verfügbar seien, benötige es rund 6 bis 7 Wochen Zeit.

Forster Holding

Betreiber des ersten Hydrogewächshauses der Schweiz ist die Forster Salatgarten AG. Gemäss Zofinger Tagblatt steht hinter der neuen Firma die P. Forster Holding AG. Die A. Trachsel Fruchtimport AG, die Barmettler Gemüsekulturen GmbH und die Krenger FGT AG sind hundertprozentige Tochterunternehmen der Holding. Die Forster-Holding erzielt einen Jahresumsatz von rund 45 Millionen Franken. Hauptkunden sind die Gastronomie, Spitäler, Kantinen, das Militär, Tankstellen sowie die Migros. Das Unternehmen besitzt 26 LKWs.

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