20.02.2018 12:42
Quelle: schweizerbauer.ch - AgE
EU
Biobranche kämpft mit Betrug
Der Schutz vor Betrugsfällen im Biolandbau stellt eine zunehmend komplexe Aufgabe für die Kontrollbehörden dar und erschwert seit geraumer Zeit auch erheblich das Geschäft von Händlern.

Wie der Geschäftsführer der Kontrollstelle Gesellschaft für Ressourcenschutz (GfrS), Jochen Neuendorf, erklärte, hat vor allem die Zahl der Betrugsfälle aus dem EU-Ausland sowie aus Drittländern in den letzten Jahren zugenommen.

Schwierig gestalte sich bei der Verfolgung von Verstössen vor allem die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Behörden. Dies ist laut Neuendorf sogar innerhalb Deutschlands der Fall, da die Gesetzgebung in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich gestaltet sei.

3 Prozent verstossen gegen Richtlinie


Die jährliche Rate an ernsten Verstössen gegen die Produktionsregeln habe in den Jahren 2014 bis 2017 zwischen 1 % und 3 % gelegen. „Wir schätzen unser Kontrollsystem als effektiv ein.

Die Zahlen sind kein Indiz dafür, dass wir die Betrüger nicht finden, sondern unsere Aufgabe besteht darin, diese tatsächlichen 1 % bis 3 % auszumachen“, betonte der Geschäftsführer.

Harmonisierung fehlt

Roland van Marlen vom Unternehmen Timeli wies darauf hin, dass der Handel in den vergangenen eineinhalb Jahren eine massive Zunahme der Kontrollen festgestellt habe. Probleme bereite hier vor allem die mangelnde Harmonisierung unter den EU-Staaten.

Derzeit verliere man förmlich den Überblick vor laufenden Rechtsstreitigkeiten, und es könne bis zu acht Monate dauern, bis ein Fall bearbeitet werde. Van Marlen drängte stellvertretend für seinen Berufsstand auf eine Harmonisierung innerhalb der EU und eine bessere Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit darüber, wie weit die Kontrolle im Biolandbau gehen könne.

Produkte bis zu fünfmal kontrolliert

Eine hundertprozentige Rückstandsfreiheit sei schlichtweg nicht realistisch, zeigte sich van Marlen überzeugt. Während Laboratorien damit werben würden, immer geringere Rückstände feststellen zu können, gründeten sich internationale Händlervereinigungen, um eine Lösung für den kaum noch zu bewältigenden Aufwand zu finden.

Mittlerweile würden manche Produkte auf ihrem Weg zum Verbraucher bis zu fünf Mal kontrolliert. Komme es zu einer Rückrufaktion, könne das immensen Schaden bedeuten, da sich dieser schnell auf europäischer Ebene ausdehne.

Gesetze richtig anwenden

Neuendorf geht davon aus, dass die Gesetzgebung zur Lebensmittelkontrolle im Biobereich mit der neuen EU-Ökoverordnung noch einmal komplizierter wird. Hier werde die Lebensmittelauthentizität neben der Lebensmittelsicherheit einen weiteren Schwerpunkt bilden.

Nachbesserungsbedarf sieht auch der Geschäftsführer der Kontrollstelle bei der nationalen Implementierung der EU-Gesetzgebung. Hier bestünden nicht nur grosse Differenzen zwischen den einzelnen Staaten. Zusätzlich konzentrierten sich die Behörden allein auf ihren eigenen Zuständigkeitsbereich.

Kooperation mit Polizei problematisch

Probleme gebe es nicht nur bei der Kooperation der Zertifizierer, sondern auch bei der Kooperation mit der Polizei und der Staatsanwaltschaft. Personell seien die Kontrollstellen indes gut aufgestellt, lobte der GfrS-Geschäftsführer.

Nach seinen Angaben gab es Ende 2016 entlang der ökologischen Wertschöpfungskette in Deutschland insgesamt rund 41'200 Betriebe. Diesen hätten 17 geprüfte und zugelassene Kontrollstellen gegenübergestanden. Bei 548 Prüfern im Biobereich sei ein Prüfer auf 75 Unternehmen gekommen.

Kontrollaufwand wächst weiter

Van Marlen stimmte die Händler ökologisch erzeugter Lebensmittel für die Zukunft auf einen noch einmal deutlich wachsenden Kontrollaufwand ein. Die International Fruit and Vegetable Association (IFU) rate zu drei Kontrollen, um sich in Zukunft vor Betrugsfällen abzusichern.

Geprüft werden müssten die Produkte demzufolge auf Pflanzenschutzmittelrückstände, auf ihre Authentizität und Herkunft sowie auf verwendete Düngemittel. Dadurch explodierten die Untersuchungskosten. „Eine Analyse kostet 518 Franken, und wenn man Glück hat, kommen keine Befunde dabei herum. Andernfalls stehen vier oder fünf weitere Analysen an“, berichtete der Händler zum Status Quo.

Einzelhandel will keine Überraschungen

Druck komme auch vom Einzelhandel, der sich vor jeglichen „negativen Überraschungen“ absichern wolle. Um als Händler etwas an der prekären Lage zu ändern, habe man mit BioTrust ein Modell entwickelt, das der Validierung der Zuverlässigkeit der Lieferanten diene.

Das Modell sei bereits in den Niederlanden implementiert, und Grossbritannien habe Interesse bekundet. Abhilfe könne aber auch eine anonyme Meldestelle schaffen, bei der sich Verdachtsfälle anzeigen liessen. 

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