4.06.2017 16:46
Quelle: schweizerbauer.ch - Michael Götz, lid
Deutschland
Hopfen als Standbein
Der Anbau von Hopfen nimmt in der Schweiz eine ganz kleine Nische ein. Unweit der Schweizer Grenze haben sich damit die Bauern der Region Tettnang ein wichtiges Standbein aufgebaut.

„Hopfen und Malz, Gott erhalt’s“, ist ein altes Sprichwort der Bierbrauer. Malz, gekeimtes Getreide, liefert dem Bier die Stärke, während ihm der Hopfen sein Aroma verleiht. Ein bedeutendes Hopfenanbaugebiet ist die Gegend um Tettnang bei Friedrichshafen am Bodensee. Dort befinden sich in Dietmannsweiler der Hof und die Brauereigaststätte der Familie Bentele.

Hopfenanbau hat Tradition

Robert Bentele, der 31-jährige Landwirt, hat den Betrieb von seinen Eltern übernommen, aber die zum Betrieb gehörende Gaststätte führen diese weiterhin als Pächter. Der Anbau von Hopfen hat Tradition auf dem 60 Hektaren grossen Betrieb. Die Hopfenfelder sind überzogen mit 7,5 m hohen Stangen, die mit Drähten verbunden sind. Es ist Mitte Mai und von den Hopfenpflanzen sieht man noch nicht viel.

Aus den mehrjährigen Wurzelstöcken sprossen allerdings schon grüne Triebe, so dass der Acker von grünen Tupfen übersät ist. Erntehelfer und Familienmitglieder wickeln die Triebe, Reben genannt, um Drähte, die vom Gerüst herunterhängen und reissen die überschüssigen Reben ab. Sie achten darauf, die Reben im Uhrzeigersinn um die Drähte zu wickeln, damit sie sich nach oben schlingen. In umgekehrter Richtung würden sie sich wieder aufwickeln, da sie immer der Sonne nach wachsen.

Ernte ist mechanisiert

„Der Hopfen wächst wie Unkraut“, erklärt der Hopfenbauer. In einer warmen Nacht klettern die Reben um bis zu 30 cm. Schon Ende Juni sollen sie das Ende der 7,5 m hohen Stangen erreicht haben und das jetzt noch kahle Feld wird kaum wieder zu erkennen sein. Die Ernte des Hopfens beginnt Ende August und ist heute weitgehend mechanisiert.

Ein Reissgerät am Traktor schneidet die Reben zusammen mit den Drähten ab und legt sie auf einen Wagen, der sie zur Hopfenpflückmaschine in der Scheune bringt. Dort werden die Blätter von den Dolden getrennt, die dann gleich in die Hopfendarre kommen. „Bei der Ernte darf keine Maschine ausfallen“, betont Bentele, denn sonst steht die ganze Kette still. 25 Hektar Hopfen baut der Landwirt an. Pro Tag kann die Pflückmaschine 1,3 ha verarbeiten, das heisst, die Ernte dauert auf dem Betrieb etwa drei Wochen, wobei die Arbeitstage lange sind.

Hohe Investitionen und gutes Marketing

Wer Hopfen anbaut, muss nicht nur viel Arbeit, sondern auch viel Geld investieren. Für die Gerüstanlagen muss der Hopfenbauer mit 20'000 bis 25‘000 Euro/ha rechnen und für die Erntetechnik vom Schneiden auf dem Feld bis zum Trocknen mit 1,5 bis 1,6 Mio. Euro. Die hohen Kosten setzen voraus, dass der Hopfen einen entsprechenden Preis erzielt und ein sicherer Markt vorhanden ist. Bentele baut vor allem die althergebrachte Landsorte „Tettnanger“ an, die von den Bierbauern gesucht ist und einen deutlich höheren Preis erlöst als manch andere Hopfensorten, nämlich etwa 12 Euro/kg gegenüber 6 bis 7 Euro/kg.

Allerdings ist der Ertrag der alten Landsorte mit 15 dt/ha nur etwa halb so gross wie bei den modernen Sorten. Die Einnahmen liegen somit bei etwa 18‘000 Euro/ha. Der Tettnanger Hopfen insbesondere die Sorte „Tettnanger“ ist offensichtlich auf der ganzen Welt gefragt. „70 % des Hopfens der Gegend gehen in den Export“, berichtet Bentele. Sein entferntester Kunde ist eine Brauerei in Philadelphia (USA). Ein grosser Vorteil bei der Vermarktung des Hopfens ist das Hopfensiegel. „Ohne dieses Siegel lässt sich kein Hopfen verkaufen“, hält Bentele fest

„Tettnanger Hopfen“ ist eine in der EU geschützte geografische Angabe (g.g.A.), die für alle in der Region Tettnang angebauten Hopfensorten gilt. g.g.A entspricht der geschützten Ursprungsbezeichnung (AOP) in der Schweiz. Bevor der Hopfen das Siegel erhält, wird er im Tettnanger Hopfenlabor einer neutralen Qualitätskontrolle unterworfen. Weltweit gesehen ist die Menge des Tettnanger Hopfens klein, denn die Anbaufläche von etwa 1‘300 Hektaren beträgt nur 3 Prozent der gesamten Weltanbaufläche. Doch für die Tettnanger Bauern ist es eine wertvolle Nische, weshalb sie ihren Hopfen auch als „grünes Gold“ bezeichnen.

Möglichst alles direkt vermarkten

Familie Bentele verkauft ihren Hopfen nicht nur, sondern verwendet ihn auch in der eigenen Brauerei. Das Wasser dazu stammt aus dem Brunnen vor Ort und die Braugerste aus der Region Oberschwaben. Im 12 Hektoliter grossen Sudbehälter braut Robert Bentele Biersorten, wie das „Schörebräu Hell“, „Schörebräu Dunkel“, „Schöre-Pilsner“, das obergärige „Schöre-Weisse“ und je nach Jahreszeit ein „Erntepils“, „Schöre-Bock“ oder das „Bulldog-Bier“. Er ist nicht nur Landwirtschaftsmeister, sondern auch Braumeister und - was ihm bei der Führung des vielseitigen Betriebes von grossem Nutzen sein dürfte - auch Betriebswirt.

Im familieneigenen Gasthof kann der Gast eine Bierprobe machen. Um herauszufinden, welches Bier ihm am besten schmeckt, werden ihm gleich vier Biersorten in 0,1 Liter Gläsern angeboten. Nicht nur der Hopfen stammt vom eigenen Hof, sondern auch das Fleisch, das im Gasthof aufgetischt wird. In einem grossen, hellen Stall halten Benteles 100 Mastochsen in Buchten mit eingestreuter Liegefläche. Die Tiere sollen es gut haben. Viele Betriebe in der Umgebung sehen sich gezwungen, mehr Tiere zu halten und mehr Fläche zu bewirtschaften. Doch Familie Bentele verfolgt eine andere Strategie: „Wir wollen nicht immer noch grösser werden“, sagt der junge Landwirt. Stattdessen möchte er durch Direktvermarktung eine möglichst hohe Wertschöpfung aus den Hofprodukten erzielen.

Hopfenanbau in der Schweiz

In Deutschland gibt es sechs grössere Hopfenanbaugebiete mit einer Gesamtfläche von 18‘500 ha. Die Hallertau in Bayern ist das grösste zusammenhängende Hopfenanbaugebiet der Welt. In Raum Tettnang werden etwa 1‘300 ha Hopfen angebaut. Der Anbau in der Schweiz nimmt sich dagegen mit 17 bis 18 Hektaren sehr bescheiden aus. Anbauflächen befinden sich im Zürcher Weinland in der Gemeinde Unterstammheim, im Fricktal (AG) und bei der Kartause Ittingen (TG); in Wolfwil (SO) gibt es sogar einen Bio-Hopfenbauer.

Trotz der kleinen Anbaufläche sei es eher schwierig, einen Markt für Schweizer Hopfen zu finden, sagt Stefan Ulrich aus Unterstammheim, Präsident des Vereins Schweizerischer Hopfenproduzenten. Schweizer Hopfen stehe betreffend Ertrag und Gehalt an Geschmackstoffen dem ausländischen Hopfen nicht nach. Doch werde immer mehr Bier im Ausland gebraut und die Ausbeute des Hopfens werde dank moderner Technik immer besser, so dass die Brauereien weniger Hopfen einkauften. Für 100 Liter Bier sind nur etwa 100 bis 150 g Hopfen notwendig. 90 Prozent des Hopfenbedarfs importierten die Brauereien, denn der Hopfen aus dem Ausland sei bedeutend günstiger. Beim Absatz sind die Schweizer Hopfenbauern vor allem auf die Brauereien Carlsberg und Heineken angewiesen, die 80 Prozent der Ernte übernehmen.

Obwohl die Absatzaussichten für die Schweizer Hopfenbauern nicht rosig sind, so spürt man doch Leidenschaft für die – wie Ulrich sich ausdrückt – „spannende Kultur“. „Wen der Hopfen einmal gekratzt hat, den lässt er nicht mehr los“, zitiert er ein Sprichwort. Das Kratzen bezieht sich auf die kleinen Widerhaken der Reben, mit Hilfe derer sie sich nach oben hangeln. Vielleicht sieht die Zukunft des Schweizer Hopfenanbaus gar nicht so schlecht aus. Denn regionale Produkte sind im Aufwind. Für das „Quöllfrisch“ oder den „Eidgenoss“ verwenden die Brauerei Locher bzw. die Brauerei Falken Hopfen aus Schweizer Anbau. Die St. Galler Brauerei Schützengarten braut anlässlich der 75. Austragung der Olma im Oktober 2017 ein Jubiläumsbier mit Stammheimer Hopfen.


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