28.08.2020 07:34
Quelle: schweizerbauer.ch - David Eppenberger, lid
Luzern
Nicht mehr vom Boden abhängig
Weil mehr Leute ihre Sommerferien in der Schweiz verbrachten, ist die Himbeer-Nachfrage gestiegen. Das freut Beerenproduzenten wie Adrian Geissmann in Altwis LU. Besonders zu schaffen macht ihm in diesem Jahr dafür die Kirschessigfliege.

Auf ein Gewitter nach der Sommerhitze reagieren die Himbeeren jeweils am nächsten Tag prompt mit einem Reifeschub. Für Beerenproduzent Adrian Geissmann im luzernischen Altwis heisst es dann: Mehr Leute für die Ernte einplanen und seinem Abnehmer eine höhere Tagesernte melden.

Starkes Wachstum

Der Abkühlungs-Effekt ist unter den Anbauern bekannt. Vom Regen bleiben die heiklen Früchtchen dank dem Regendach aber verschont. «Ohne diesen Schutz funktioniert der moderne Himbeeren-Anbau gar nicht mehr», erklärt Geissmann. Drei Viertel der in der Schweiz professionell kultivierten Himbeeren stehen deshalb geschützt unter einer Schutzfolie.

Himbeeren sind beliebt: Der Schweizer Obstverband (SOV) meldete einen Anstieg des Konsums um beachtliche 22 Prozent im letzten Jahr. Damit fiel das Wachstum deutlich höher aus als bei der Erdbeere, die aber in der Schweiz weiterhin klar die Nummer eins unter den Beeren bleibt. Eigentlich müsste man bei den Himbeeren aber trotzdem schon fast von einem Boom sprechen.

Spezialkulturen sind kostenintensiv

Doch vom zusätzlichen Absatz profitieren in erster Linie spanische Produzenten. Sie «fluten» den Markt jeweils bereits vor dem Start der Schweizer Beerensaison mit günstiger Ware, ganz zur Freude der preissensiblen Kundschaft. Während der Schweizer Ernte werden ausländische Himbeeren mit einem hohen Einfuhrzoll belegt, um die kostenintensivere einheimische Produktion wie bei den Geissmanns zu schützen.

Die Himbeeren-Anbauflächen in der Schweiz sind seit Jahren stabil. Nur im Bio-Segment findet auf tiefem Niveau ein höheres Wachstum statt. Total wuchsen im letzten Jahr in der Schweiz auf rund 170 Hektaren Himbeeren. In diesem Jahr rechnet der Schweizer Obstverband mit einer Ernte von 2070 Tonnen. Die Menge deckt allerdings nicht einmal ein Drittel der Inlandnachfrage ab. Da wäre eigentlich noch Luft nach oben für Schweizer Beerenproduzenten. Doch Spezialkulturen wie Himbeeren sind anspruchsvoll im Anbau, erfordern hohe Investitionen und sind im Hochlohnland Schweiz ein Risikogeschäft, in das man nicht einfach so von heute auf morgen einsteigt.

Notwassertank

Die rund 5000 Himbeerstöcke wachsen bei Adrian Geissmann in 10-Liter-Töpfen. Sie sind mit einem speziellen Substrat gefüllt sind, in dem die Pflanzen einen optimalen Nährboden finden. Durch jeden Topf läuft ein Bewässerungsschlauch. Geissmann schmunzelt: «Man könnte hier auch von Infusion sprechen». Durch die Schläuche fliesst nicht nur tröpfchenweise Wasser, sondern auch der für das Wachstum der Kultur nötige Dünger.

Käme es zu einem Unterbruch der Wasserversorgung, würden die Kulturen schon nach einem halben Tag massiv Schaden nehmen. Doch Profi Geissmann hat für diesen Fall mit einem 400 m3 grossen Notwassertank vorgesorgt.

Die Himbeere

Anders als der Name vermuten lässt, zählt die Himbeere botanisch nicht zu den Beeren, sondern zur Familie der Rosengewächse. Es handelt sich um eine Sammelsteinfrucht. Traditionellerweise wird unterschieden zwischen Sommer- und Herbsthimbeeren. Letztere tragen ihre Früchte am einjährigen Trieb, Sommerhimbeeren hingegen am zweijährigen Trieb. Himbeeren haben hohe Gehalte an Vitamin C und Magnesium. Ihnen werden zudem antibiotische, verdauungsfördernde, blutbildende und fiebersenkende Wirkungen nachgesagt.

Arbeitsintensive Kulturen

Geissmann setzt seit ein paar Jahren voll auf die Beerenproduktion. Die Mutterkuh- und Schweinehaltung hat er deshalb vor ein paar Jahren aufgegeben. Er baut vier Arten von Beeren und Grünspargeln an: Am wichtigsten für den Betrieb sind die 2,2 Hektaren Erdbeeren. Dann kommen bereits die Himbeeren mit 1,2 Hektaren sowie die Brombeeren und Heidelbeeren mit je 0,3 Hektaren Anbaufläche.

Fünf rumänische Erntehelfer sowie ein paar langjährige temporäre Mitarbeiterinnen aus der Umgebung sind in der Himbeeren-Anlage in Altwis gerade am Ernten. Da viel Handarbeit nötig ist, gehören Beeren zu den arbeitsintensivsten Kulturen innerhalb der Landwirtschaft. Während der Erdbeeren-Saison braucht es deshalb noch deutlich mehr Personal. Die Himbeeren werden jeden zweiten Tag geerntet. Vor ein paar Jahren galt noch ein drei-Tages-Rhythmus.

Kirschessigfliege bereitet Sorgen

Doch seit sich die Kirschessigfliege in der Schweiz breit macht, gehe das nicht mehr, erklärt Geissmann. Sie wütet in diesem Jahr wieder stärker als sonst in den Obst- und Beerenkulturen. «Sobald die Kirschen abgeerntet sind, fliegen sie zu uns rüber in die Himbeeren und legen in ihnen ihre Eier ab.»

Damit sich der Eindringling aus Asien nicht in der Anlage festsetzen kann, müssen die reifen Früchte deshalb häufiger abgeerntet werden. Die geübten Pflückerinnen und Pflücker erkennen die betroffenen, matschig werdenden Himbeeren jeweils sofort und sorgen dafür, dass sie gar nicht erst in den Handel gelangen. Den grössten Teil der Himbeeren liefert Geissmann über Händler an den Detailhandel und an die Gastronomie.

Nützlinge bekämpfen Milben

Manche Himbeerenproduzenten haben ihre Anlagen wegen der Kirschessigfliege vollständig eingenetzt. Das hilft recht zuverlässig gegen die ungeliebte Einwanderin aus Asien, doch die Netze sind teuer. Zudem steigt im speziellen Klima unter den Netzen die Gefahr eines stärkeren Befalls mit Milben, was bei Himbeeren oft vorkommt.

Es ist deshalb ein dauerndes Abwägen, auf welche Strategie man setzt. Geissmann hat sich vorerst gegen die Netze entschieden. Gegen Milben setzt Geissmann als natürliche Gegenspielerin präventiv Raubmilben ein. Das funktioniere gut, sagt er. Gegen die Kirschessigfliege spritzt er eine Kalkmischung, die aber bei starkem Befall kaum etwas nütze. Trotzdem komme er mit deutlich weniger Pflanzenschutzmitteln aus als in früheren Jahren, sagt er. Der Grund dafür liegt vor allem am Anbausystem mit den «Long Canes», auf das er seit ein paar Jahren setzt.

«Long Canes» werden Standard

Traditionellerweise wird bei den Sorten immer noch unterschieden zwischen Sommer- und Herbsthimbeeren. Erstere werden im Vorjahr gepflanzt und sind im Folgejahr zwischen Mitte Juni und Ende Juli erntereif. Die Herbsthimbeeren hingegen wachsen an Trieben des aktuellen Jahres und werden ab Juli bis Oktober beerntet. Im Privatgarten funktioniert das weiterhin nach diesem Schema.

Im professionellen Himbeerenanbau setzen aber immer mehr Produzenten wie Geissmann auf das System mit dem Kultivieren von fertigen «Long Canes» (übersetzt: Lange Ruten). Diese 1.80 Meter lange Ruten von Sommerhimbeeren kauft er im Frühling bei einem Pflanzgutvermehrer in Holland ein. Dort wurden sie im Vorjahr in Töpfe gesetzt und bis zur Auslieferung im Kühlraum überwintert. Damit fällt bei Geissmann ein ganzer Arbeitsschritt weg. «Anstatt wie bisher fast zwei Jahre, muss man nur noch rund drei Monate zu den Sommerhimbeeren schauen.»

Nicht mehr vom Boden abhängig

Er spart so Kosten für Löhne und Pflanzenschutz ein, weil beispielsweise das Aufbinden und Ausdünnen wegfällt. Die jetzt im August geernteten Himbeeren wurden erst Anfang Mai in Altwis in grössere Töpfe umgetopft. Zehn bis zwölf Wochen später sind sie bereits erntereif. «Wir ernten jetzt im August also immer noch Sommerhimbeeren.» Damit das Ganze rentiert, müssten pro Pflanze aber mindestens zwei Kilogramm Früchte geerntet werden können, erklärt er.

Weil die Himbeeren in Töpfen wachsen, ist Geissmann nicht mehr direkt auf den Boden angewiesen. Und das ist ein Vorteil: Je länger Pflanzen nämlich am gleichen Ort in der Erde stehen, desto anfälliger werden sie für Krankheiten und Schädlinge. Pflanzenschutzmassnahmen werden dann nötig, die heute von der Bevölkerung aber immer weniger toleriert werden. Das System mit den immer frischen und vitalen Long Canes löse viele dieser Probleme und ermögliche eine umweltfreundliche Produktion, sagt Geissmann.

Ein Nachteil des Systems sei allerdings, dass man nicht mehr so früh am Markt sei wie früher, was preislich interessant wäre. Dafür greift er in die Trickkiste. Er macht mit seinen Herbsthimbeeren das Gleiche, wie früher bei den Sommerhimbeeren. Er zieht Ranken im Vorjahr, die dann Anfang Juni reif sind. Herbsthimbeeren sind dann sogar früher reif als die Sommerhimbeeren. Allerdings sind die Erträge tiefer. Geissmann produziert sie vor allem für den Hofladen.

Mehr Himbeeren verkauft wegen Corona

Die Himbeere steht in der Gunst der Konsumentinnen und Konsumenten stets etwas im Schatten der Erdbeere. Noch im letzten Jahr hatte es eher zu viel konventionelle Himbeeren auf dem Markt und die Marktlage war angespannt, sagt Geissmann. In diesem Jahr ist der Absatz aber bis jetzt gar kein Problem, obwohl die Erntemengen in diesem Jahr hoch sind.

Es gibt kaum Preisdiskussionen mit den Abnehmern. Was geerntet wird, kann zu einem guten Preis verkauft werden. Für Geissmann ist klar, weshalb: «Viele Leute bleiben wegen Corona in der Schweiz.» Beatrice Rüttimann vom SOV bestätigt auf Anfrage, dass der Beerenabsatz in diesem Jahr tatsächlich sehr gut laufe. Das liege sicher nicht nur am guten Wetter. Auch sie vermutet, dass wegen Corona mehr Leute als in anderen Jahren hiergeblieben sind und entsprechend mehr Himbeeren kauften. 

Mehr Schweizer Biohimbeeren

Der Anbau von Himbeeren nach den Vorschriften des Biologischen Landbaus ist in den letzten Jahren in der Schweiz deutlich angestiegen. In diesem Jahr wuchs die Fläche im Vergleich zum Vorjahr um 4,2 ha auf 17,8 ha. Für die Biobauern drängt sich eher der Anbau von Herbsthimbeeren auf, weil weniger Probleme mit Ruten- und Wurzelkrankheiten bestehen. Doch in den letzten Jahren nahm vor allem der Anbau von Sommerhimbeeren zu, um vermehrt auch im Sommer Himbeeren in Bioqualität anbieten zu können. 

Mittlerweile gibt es sogar «Long Cane»-Himbeerpflanzen in Bioqualität. Diese können früher beerntet werden, sind weniger arbeitsintensiv und benötigen weniger Pflanzenschutzmassnahmen, weil die Kulturzeit kürzer ist. Das «Long-Cane»-System ist in Biokreisen aber umstritten, weil die Pflanzen nur für kurze Zeit oder gar nicht mit dem Boden in Kontakt kommen und zudem über Flüssigdünger ernährt werden. Dies wiederspricht dem Bio-Grundsatz, dass Pflanzen über einen gesunden Boden ernährt werden sollten.

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