6.05.2020 07:00
Quelle: schweizerbauer.ch - khe
Bern
Schweizer Spargeln dank Schweizer Hand
Weil Ronny Köhli die ausländischen Helfer fehlen, lässt er seine Spargeln in Kallnach BE von Schweizern ernten. Ein Versuch, der sich lohnt.

Bei Köhlis in Kallnach läuft eigentlich alles wie immer. Der Frühling ist da, die Spargeln sind gesprossen und zur Ernte bereit. Doch vielen Bauern fehlen wegen des Coronavirus die Helfer auf dem Feld.

Zwei, die profitieren

Tausende Erntemitarbeiter sind nicht angereist. Nicht der geschlossenen Grenzen wegen: Die Schweiz hatte längst eine Sonderregelung zur Einreise von Saisonmitarbeitern beschlossen. Doch lahmgelegter Flugverkehr, lange Wartezeiten bei der Durchreise. Und nicht zuletzt die Angst vor der ansteckenden Krankheit hält viele davon ab, ihr Land zu verlassen. 

Für Junglandwirt Ronny Köhli ein Schock: Seine Erntehelfer aus Polen kommen seit Jahren. Sie wussten, «wie der Karren läuft». Sind fleissig und die harten Arbeiten auf dem Feld gewohnt. Eine Lösung musste her. Da viele Unternehmen während des Lockdowns Kurzarbeit anmeldeten oder Mitarbeiter entliessen, stehen Menschen ohne Beschäftigung da. Arbeitslose auf dem Feld bei den Bauern einsetzen – das erscheint als Win-win-Situation.

RAV war keine Option

Daniel Blaser hat die Arbeitsschuhe geschnürt. Um 6.30 Uhr morgens startet der Tag auf Köhlis Spargelfeld. Mit dem Wagen fährt der Bauer seine Helfer dorthin, wo am Vortag ihr Karren stehen geblieben ist. Sonnencreme, Trinkflasche, Kopfhörer für die Musik, ein Stecheisen und viel Energie – das ist alles, was Blaser braucht. Normalerweise ist Blaser als Logistiker für die Buvetten, Bars und Restaurants beim EHC Biel zuständig.

Nach Saisonende hilft er den Sommer über bei einer Cateringfirma an Festivals mit. Wegen Corona ist jedoch sowohl Eishockey als auch der Festivalsommer abgesagt – Blaser hat gar keine Arbeit mehr. Nichts tun, das kam für den jungen Mann nicht in Frage. «Mir würde sofort die Decke auf den Kopf fallen», sagt er. So hat Blaser die Option Arbeitslosengeld (via RAV) gar nicht erst wahrnehmen wollen.

Arbeit auf Probe

Als die Polen im März absagten, suchte Ronny Köhli dringend nach Ersatz. Er bezweifelte, dass Schweizer den harten Bedingungen auf dem Feld gewachsen sein könnten. «Bei Wind und Wetter von frühmorgens bis spätabends Spargeln stechen, das ist keine ‹Büetz für jedermann›, meint er. Köhli meldete sich beim Bauernverband, der ihm innert kürzester Zeit sechs Helfer aus der Slowakei vermittelte.

Helfer, die jedoch wenig landwirtschaftliche Erfahrung mitbrachten und deren Hilfe nicht ausreichte, um seine zehn Hektaren Spargeln aus dem Boden zu stechen. Weitere ausländische Erntehelfer aufzutreiben, war kaum möglich, Köhli war nicht der einzige Landwirt, der beim Bauernverband angefragt hatte. Als sich bei ihm aber immer mehr Leute meldeten, die wegen verlorener Arbeit nach Beschäftigung suchten, wagte er einen Versuch. 

Einen halben Tag Probearbeiten. Das war die Bedingung. Den meisten war danach die Arbeit zu hart. Oder der Lohn dafür zu tief. «Für 15 Franken die Stunde steht kein Schweizer auf», sagt Köhli nüchtern. «Ich gebe ihnen nun drei Franken mehr. Mehr kann ich nicht.» Blaser willigte ein. Er kannte Köhlis Freundin von der Arbeit und wusste, wie es um die Löhne in der Landwirtschaft steht.

Blasen und Schmerzen

«Die ersten Tage waren hart. Ich hatte Rückenschmerzen und Blasen an den Händen», sagt er. «Noch heute, nach zwei Wochen, bin ich abends erschöpft.» Mittags gibt es eine gute Stunde Pause – «ich esse Käse und Brot und strecke die Beine» – am Nachmittag gehts weiter bis 18 Uhr. Die letzte Stunde sei die härteste, meint der Walliser. Weil die Tage auf dem Spargelfeld so lang sind, hat sich Blaser bei Kollegen, die in der Nähe von Kallnach wohnen, ein Zimmer genommen.

 Am Anfang war sein Ertrag auf dem Feld noch ziemlich mager: knapp eine Kiste Spargeln, die meisten zu kurz oder angestochen. «Ich hatte ein schlechtes Gewissen.» Köhli hat ihn einen Vormittag lang auf dem Acker begleitet. Ihm Tipps gegeben, Tricks gezeigt und ihn ermuntert. Mittlerweile füllt Blaser bis zu 15 Gemüsekisten pro Tag. 

Positiv überrascht

«Ich bin zufrieden und überrascht», sagt Ronny Köhli. Die Schweizer schlagen sich gut. Nebst Blaser helfen noch zwei junge Frauen aus. Eine ausgelernte Tierärztin, die ab Juni einen neuen Job anfängt. Und eine Kauffrau, die ihre Australien-Reise abbrechen musste. Die beiden sind jedoch nicht wie Blaser bei den weissen Spargeln eingeteilt. Die Arbeit mit dem Stecheisen wäre zu streng für sie. Stattdessen helfen sie beim Schneiden der grünen Spargeln mit.

Köhlis Stängel sind heuer gefragt wie nie. Die Familie verkauft einiges mehr als  in vergangenen Jahren. «Die Leute können nicht ins Restaurant und haben Zeit zum Kochen», versucht der Landwirt den Ansturm zu begründen. Damit immer genügend Spargeln bereit sind, hat Köhli die Arbeitseinsätze seiner Erntehelfer so eingeteilt, dass täglich Arbeiter auf dem Feld stehen. Schweizer Spargel dank Schweizer Hand – ein einmaliges Angebot im Corona-Jahr. 

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