31.10.2014 11:40
Quelle: schweizerbauer.ch - Franziska Imhof, lid
Basel-Stadt
"Stadtbauern" ackern in Ex-FCB-Stadion
Ernten ist des Bauern grösstes Glück. Doch nicht nur für ihn. Zunehmend entdecken auch Stadtbewohner die Freude am Graben, Säen, Stecken, Jäten und eben: Ernten.

Diesem Trend folgen auch die Basler Städter im Gemeinschaftsgarten Landhof. Auf dem Areal des ehemaligen FCB-Stadions, umrandet von Reihenhauszeilen und mit Baustellenlärm im Hintergrund, kommt der Garten auf den ersten Blick etwas unordentlich daher. Wer sich jedoch hineintraut und genauer hinschaut, erkennt: Das scheinbare Chaos ist durchdachtes System.

Für jede der über 250 essbaren Pflanzen wird mit Wissen aus Permakultur und bio-dynamischem Landbau ein geeigneter Platz gesucht. Gärtner werde man hier durch "learning by doing", erzählt Tilla Künzli, Vorstandsmitglied des Urban Agriculture Netzes Basel (UANB) auf der ganztägigen Führung durch verschiedene UANB-Projekte im Raum Basel.

Frustration als Motivation

Gemeinsam gärtnern und ernten, das ist es, was das Urban Agriculture Netz Basel will. Die naturnahe Erzeugung von Lebensmitteln durch die Stadtbevölkerung soll gefördert werden. Aus diesem Ziel heraus entstand eine regelrechte Bewegung, der sich immer mehr Leute anschliessen. Alte wie Junge, Menschen aus allen Bereichen und Nationen. Der Vorstand von Urban Agriculture mit einer Altersspanne von 17 bis 70 verbildlicht diese Vielfalt. Seine Aufgabe ist das Iniitieren, Fördern, Koordinieren und Vernetzen der über 40 Projekte in und um Basel.

Tilla ist eines der neun Vorstandsmitglieder. Seit der Gründung vor vier Jahren ist sie mit dabei. Zuvor studierte sie Kunst und Gestaltung in den USA – und erlebte dort die grosse Ernüchterung. "Frustration war meine Motivation", sagt die 28-jährige, die sich seither der Umweltsensibilisierung verschrieben hat. "Aktiv sein gibt mir mehr Zufriedenheit und Sicherheit als daheim Frust zu schieben." So arbeitet sie grösstenteils freiwillig im Netzwerk. Ihren Lebensunterhalt bestreitet sie mit Nebenjobs und den wenigen Einnahmen, die sie durch Führungen und die Leitung dreier UANB-Projekte generiert.

Alles hat seinen Nutzen

Zurück im Garten. Tilla zeigt die Highlights des Landhofs: In der Mitte der Kompost, Herz des organisch angelegten Gartens. Daneben eine Kräuterspirale, ein Hochbeet, eine Insekten-Lodge, ein Beet im Betonfundament eines ehemaligen FCB-Ticketschalters.

In diesem Garten hat alles seine Funktion – selbst die umgekehrten, mit Stroh gefüllten Tontöpfe. Sie sind das Daheim der Ohrwürmer, geschätzte Nützlinge, etwa gegen Blattläuse. Neben dem symbiotischen Erdbeer-Zwiebel-Beet erklärt Tilla, wie aus Brennnesseln Jauche hergestellt wird, ein natürlicher Flüssigdünger. Vieles lernen die Stadtgärtner von einer biodynamischen Landwirtin, die an drei Tagen die Woche im Garten arbeitet. Den Rest eignen sie sich durch Erfahrung oder Lektüre an.

Auch ein Sozialprojekt

Jeweils Mittwoch und Samstag nachmittags wird im Landhof gemeinsam gegärtnert. Drei- bis 75-jährige Stadtgärtner tauschen sich in drei Sprachen aus – über die hartnäckige Schneckenplage, das kommende Landhoffest oder den Fussballmatch vom Vorabend. "Wir empfangen alle, auch jene, die am Rande der Gesellschaft leben. Trotzdem sind wir keine Selbsthilfegruppe." Humorvoll, aber deutlich stellt Tilla klar, dass der Landhof zwar auch ein soziales, in erster Linie jedoch Umweltsensibilisierungs-Projekt sei.

Entstanden ist der Landhof-Garten in offizieller Zusammenarbeit mit der Stadtgärtnerei Basel. Die Stadt sollte "cool" werden - und "essbar". Basler sollen sich begegnen und gemeinsam ernten können. Tilla unterlässt es nicht, zu unterstreichen: "Diese Fläche gehört nicht uns, sie gehört euch."

Von der Stadtgärtnerei lernt und profitiert der Landhof, manchmal jedoch gehen die Ansichten auseinander. Etwa bei der Frage, was angepflanzt werden soll. Während es für die Stadtgärtnerei einfach hübsch aussehen sollte, streben die Leute von Urban Agriculture eine "essbare" Stadt an: "Warum importierte Ziersträucher in den Strassen anstatt Apfelbäume?"

Veränderung mitgestalten

Wer im Landhof mithilft, darf auch ernten. Aber nicht nur. Jeder ist eingeladen – ob zum Pflegen oder Pflücken. Für jene, die nur letzteres tun, steht ein Kässeli bereit, das nach Gutdünken gefüllt werden kann. Und Ernteklau? Damit habe man keine Probleme, meint Tilla. "Es ist eher so, dass die Leute sich nicht trauen die Ernte mitzunehmen, weil sie merken, wie viel Arbeit dahintersteckt."

Auf dem Gang durch den Garten betont sie immer wieder: "Der Garten ist für alle offen. Kein Tor ist geschlossen." Hinter Worten wie diesen steckt stets das gleiche Ziel: Die Menschen motivieren, am Prozess der Lebensmittel, bis hin zu deren Genuss, teilzunehmen.

Hauptsache einbinden

Der Landhof ist zwar ein grosses, jedoch lange nicht das einzige Projekt des Urban Agriculture Netzes Basel. Alles, was mindestens den Bio Suisse-Richtlinien entspricht und Menschen in den Kreislauf der Lebensmittelproduktion einbindet, ist eingeladen, sich anzuschliessen. So treffen sich auch Senioren in drei Baselstädter Alterssiedlungen wöchentlich zum Gärtnern – wobei diese exotisch bunte Blumen, Kohl und Karotten vorziehen. Die Begegnung steht hier im Vordergrund. Anders in den mittlerweile vier Unigärten der Stadt. Hier pröbeln engagierte Studenten mit Permakultur herum, damit Zucchini und Kürbisse noch grösser und aromatischer werden.

Auch das Bio-Bistro, einziges Knospe-zertifiziertes Restaurant Basels, unterstützt die urbane Landwirtschaft. Restaurantbetreiber Andreas Seiler bezieht alle seine Produkte aus der Region. Auf dem Dach des Bistros, umgeben von Wohnblöcken, hält er zudem seine Bienen. Diese fühlen sich in der erstaunlich hohen Biodiversität der Stadt wohl. Es seien "Bastardbienen", so Seiler, ungezüchtet und dadurch aggressiver, aber auch widerstandsfähiger. Aus der Handvoll Völker gewinnt er "StadtHonig", ein weiteres UANB-Projekt, das die Stadtbevölkerung für den landwirtschaftlichen Kreislauf "Kultivierung – Verarbeitung/Verteilung – Genuss" sensibilisieren soll.

Keine Konkurrenz für Bauern

Urban Agriculture Basel ist ein Sensibilisierungs-Netzwerk für die Landwirtschaft. Unter dem Motto "Für eine essbare Stadt" sei keineswegs das Ziel der Selbstversorgung zu verstehen. Vielmehr gehe es um mehr Verständnis für den landwirtschaftlichen Kreislauf, sagt Tilla Künzli. Das Bedürfnis danach sei gross, weshalb die UANB-Bewegung in regelmässigem und engem Kontakt mit Landwirten der Umgebung ist. Die professionelle Landwirtschaft verfüge über Wissen, Fläche und Material, das für Städter oft unerreichbar sei.

Konkurrenz ist die urbane Landwirtschaft daher in keiner Hinsicht. "Was wir vielmehr möchten, ist, in der Stadt wieder ein Bewusstsein zu schaffen für den langen Weg der Nahrungsmittel – vom Boden auf den Teller und zurück auf den Kompost." Spätestens an diesem Punkt treffen die Interessen der Stadtgärtner auf jene der traditionellen Landwirtschaft.

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