12.08.2013 10:21
Quelle: schweizerbauer.ch - Christa Wellauer
Tessin
Tessiner Reis auf Erfolgskurs
Die Reisfelder im Maggia-Delta bestehen seit 1930. Der Betrieb Terreni alla Maggia fand im Anbau von Reis eine Alternative, als die Preise für Mais und Getreide einbrachen. Das Unternehmen erhält als AG keine Direktzahlungen.

Der Reisanbau im Tessin ist in mehrfachem Sinne eine unerwartete Erfolgsgeschichte, sowohl kommerziell als auch ökologisch und kulinarisch. Dies ist umso erstaunlicher, wenn man weiss, dass Versuche anderer Anbauer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts scheiterten. Damals wurden die Felder, wie in Italien und Asien üblich, während der ganzen Wachstumsperiode geflutet.

Ökologische Vorteile

Der Nassanbau eignet sich für die Böden im Tessin nicht. Das Wasser ist im Frühjahr zu kalt, und die sandigen Böden im Maggiadelta würden wie ein Sieb wirken. Der Reis wird deshalb hier trocken angebaut, d.h. die Reispflanzen werden bei Bedarf bewässert.

Das hat den Vorteil, dass nur ein Viertel der beim Nassanbau nötigen Wassermenge gebraucht wird. Vor allem aber wird kein Methan freigesetzt. Dieses Treibhausgas entsteht in den gefluteten Feldern aufgrund der sauerstoffarmen Bedingungen. Damit schneidet der Tessiner Reis im Vergleich mit anderen Sorten am klimafreundlichsten ab («climatop» 2010).

Kommerzieller Erfolg

Die erste kommerziell genutzte Ernte konnte 1997 eingefahren werden. Seither ist die Anbaufläche auf 90 Hektaren gewachsen und der Ertrag auf ca. 400 Tonnen. Zuvor musste aber die richtige Reissorte gefunden werden, was Renato Atrocchi in den 90er Jahren nach einigen Experimenten gelang.

Er ist Agronom und war langjähriger Direktor der Terreni alla Maggia (Landgut an der Maggia), des einzigen Betriebs in der Schweiz, der Reis anbaut. Sein Nachfolger Moreno Maderni führt den Anbau weiter und kann sich über ein Produkt freuen, bei dem die Nachfrage grösser als die Produktion ist.

Qualitätsreis

Auch kulinarisch ist der Tessiner Reis, der unter dem Label «Riso Nostrano Ticinese» verkauft wird, ein Spitzenprodukt. Er eignet sich vorzüglich für ein sämiges Risotto mit noch bissfesten Körnern, wie es traditionell im Tessin gekocht wird. Im zum Gutsbetrieb gehörenden Hotel «Castello del Sole» wird der Reis in vielen Varianten serviert.

Die Sorte Loto erwies sich als die geeignetste für das Tessin. Sie wird auf 60% der Anbaufläche kultiviert. Die Körner sind lang und konvex und binden beim Kochen die Flüssigkeit gut, womit sie ein exzellentes Risotto ermöglichen. Die Aussaat kann frühestens Ende April erfolgen, da der Reis keinen Frost erträgt. Er blüht ab Juli und ist nach etwa 150 Tage erntereif, also im Oktober bis November. Der Trockenanbau hat neben den oben beschriebenen Vorteilen den grossen Nachteil, dass Unkraut mühsamer bekämpft werden muss (in überfluteten Feldern liesse sich das unerwünschte Beikraut leichter ausreissen).

IP-Produktion

Die Terreni alla Maggia arbeiten nach den Richtlinien der integrierten Produktion IP und setzen möglichst wenig Herbizide ein. Es kommt auch vor, dass von Hand gejätet wird. Die Fruchtfolge wird mit Mais, Hartweizen, Biergerste, Kartoffeln oder gar Chinakohl (letzterer als Gründüngung) gemacht. Reis kann zwei Jahre auf demselben Feld bleiben.

Nebst Unkrautbekämpfung kann auch eine Fungizidbehandlung nötig werden. Tierische Schädlinge gibt es wenige. Hin und wieder frisst ein Hirsch an den Reispflanzen. Da die Felder jedoch nicht von Wald umgeben sind, hält sich der Schaden in Grenzen. Ärgerlicher sind die Verwüstungen, die andere grosse «Tiere» hinterlassen, wenn sie mit Zelt oder Jeep in die Reisfelder eindringen.

Selber verarbeiten

Dem Grundsatz der integrierten Wertschöpfungskette folgend werden möglichst alle Verarbeitungsschritte vom Roh- bis zum Fertigprodukt auf dem Betrieb gemacht. Geschält wird in der betriebseigenen Anlage. Lediglich gemahlen und raffiniert wird der Reis auswärts. Als Nebenprodukt entsteht ca. 20% Bruchreis, aus dem Reisbier, Reisbranntwein und Futtermehl hergestellt wird.

Reisteigwaren fanden zunächst auf dem Markt zu wenig Nachfrage, aber die Idee wird angesichts der immer verbreiteteteren Weizenallergien wohl wieder aufgegriffen. Ein weiteres zukünftiges Produkt könnte Reislikör sein. Mit diesem und weiteren innovativen Projekten führt das Unternehmen seine Erfolgsgeschichte weiter.

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