22.09.2018 18:00
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Niederlande
Wo 12 Mrd. Blumen versteigert werden
In den Niederlanden befindet sich die Wall Street der Blumen. Wie eine Blume vom Gewächshaus über das Auktionshaus in einem Blumengeschäft landet, sehen Sie im Video.

Die Landwirtschaft und die Gärtner in Holland produzieren äussert effizient und produktiv. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass der Export eine sehr wichtige Rolle einnimmt. 2016 betrug der Export für landwirtschaftliche Produkte und Lebensmittel 94 Mrd. Euro (106 Mrd. Fr.) – ein Rekord. 

85 Mrd. Euro davon entfielen auf Agrarprodukte und 9 Mrd. auf landwirtschaftliche Materialien, Wissen und Technologie. Gemäss der Universität Wageningen zeichnet sich der Sektor für landwirtschaftliche Produkte und Lebensmittel für beachtliche 22% des Gesamtexportes verantwortlich.
Nicht nur Gemüse und Milchprodukte, sondern auch Schnitt- und Topfblumen haben im Land mit dem vielen Wasser eine grosse Bedeutung.

Die Wall Street der Blumen

Viele der in der Schweiz verkauften Schnittblumen wurden in den Niederlanden gehandelt. In Aalsmeer, rund 20 km südwestlich von Amsterdam, befindet sich die Blumenhauptstadt der Welt. Es ist die eigentliche Wall Street der Schnitt- und Topfblumen. Das Gebäude, wo diese gehandelt werden, ist riesig. Die Hallenfläche der Genossenschaft FloraHolland hat in etwa das Ausmass des Kleinstaates Monaco. Es weist eine Länge von einem Kilometer auf. Und das Gebäude wird laufend erweitert.

Die Anfänge der Kooperative gehen ins frühe 20. Jahrhundert zurück. Blumengärtner und Händler aus Aalsmeer haben sich dort getroffen. Damals wurden die Blumen noch mit dem Schiff herbeigeführt, heute erledigen dies Lastwagen und Flugzeuge. 1911 schlossen sich Züchter zusammen und verkauften ihre Produkte an einem gemeinsamen Ort. So stärkte sie ihre Marktposition und konnten bessere Preise für ihre Blumen und Pflanzen aushandeln.

FloraHolland

Die Genossenschaft hat 4300 Mitglieder, über 600 davon kommen aus dem Ausland. 2017 wurde ein Umsatz von 4,7 Milliarden Euro (5.36 Mrd. Fr.). Davon entfielen 2.7 Mrd. (3.1 Mrd. Fr.) mit Schnittblumen, 1.6 Mrd. (1.8 Mrd. Fr.) mit Topfpflanzen und 400 Millionen Euro mit Gartenpflanzen. Die Genossenschaft verlangt bei der Auktion keine Gebühren, sondern alimentiert sich über die Mitgliederbeiträge und Dienstleistungen wie Verpackungsräume und Wassereimer. Sie stellt den Züchtern und Käufern dafür die Halle als Handelsplattform zur Verfügung.

Fast 12 Milliarden Blumen versteigert

Die an der Auktion verkauften Mengen sind beeindruckend. 2017 wurden nicht weniger 11.7 Milliarden Schnitt- oder Topfblumen versteigert. Die Anlieferung der Blumen in die rund 1 Million Quadratmeter grosse Halle durch die Blumengärtner erfolgt ab 16 Uhr und endet am frühen Morgen. Die Blumen werden in einen Wassereimer gestellt und je nach Blumensorte gekühlt oder in einen geheizten Raum gestellt. 60 Prozent der Blumen stammen aus den Niederlande, viele Blumen werden aber auch aus Kenia, Äthiopien oder Ecuador nach Aalsmeer geflogen.

Um 4 Uhr startet jeweils die Auktion. Ziel ist es natürlich, sämtliche Posten zu versteigern. Das ist der Job der Händler. Diese kaufen im Auftrag von Detailhändler, Blumenketten oder anderen übrigen Wiederverkäufern ein. Innerhalb weniger Sekunden werden die Blumen auf mehreren Versteigerungsuhren an die Frau oder an den Mann gebracht. Der Zeiger beginnt bei einem hohen Cent-Wert und läuft raschen Tempo gegen Null zu – so lange, bis ein Bieter zuschlägt. Ist dies nicht der Fall, werden die Blumen vernichtet. Dies kommt aber nur bei 0.5 Prozent der Fälle vor.

Zwei Stunden nach Auktion abfahrbereit

Alle drei Sekunden ist eine Auktionsrunde beendet, Einstiegspreise und Sorten wechseln ebenso schnell. Die Händler sind entweder vor Ort in Aalsmeer – und immer wie mehr an den Computern in aller Welt. Imposant: Über die insgesamt vier Handelsplätze von FloraHolland laufen 40 Prozent des weltweiten sowie 60 Prozent des europäischen Marktes.

Ist die Auktion beendet, muss es schnell gehen. Die Blumen werden aus den Lagerräumen in die riesige Halle gefahren. Dort übernehmen in der Folge 600 Mitarbeiter mit «Mini-Elektrotrucks». Jede Partie Blumen kommt auf den richtigen Weg. Sie sind Barcodes versehen, die eingescannt werden. Die Mitarbeiter werden über die Headsets mittels einer Computerstimme informiert, wo sie die Blumen wieder abladen müssen. Die neu zusammengestellten Wagen enthalten genau die Blumen, die der Händler zuvor ersteigert haben. Von der Versteigerung bis zum Einladen in den Lastwagen dauert es nur zwei Stunden. 

Das Treiben in der riesigen Halle ist beeindruckend. Auf dem Boden der Halle sind Fahrspuren, Mittelstreifen und Codes angebracht. Wie auf einer Stadtautobahn brausen die Elektro-Trucks durch die Halle. Trotz grossem Zeiteindruck kommt selten Hektik auf. Pro Tag werden bis zu 130'000 Transaktionen durchgeführt. Mehrere Millionen Blumen werden zu Ladungen zusammengestellt. Die Schnittblumen werden anschliessend mittels Lastwagen in Europa verteilt oder mit dem Flugzeug in die ganze Welt geflogen.

30 Millionen Stiele auf 60'000 Quadratmeter

Einer der Blumenzüchter, der nach Aalsmeer liefert, ist Harry Wubben aus Nootdorp. Er produziert Chrysanthemen und Santini. Wie viele Blumenzüchter hat er sich damit auf einige Schnittblumensorten spezialisiert. Im Gewächshaus von einer Fläche von 60'000 Quadratmeter werden jährlich nicht weniger als 30 Millionen Stiele verarbeitet. Wubben beschäftigt insgesamt 20 Mitarbeiter, dazu gesellen sich in Spitzenzeiten 20 Aushilfen.

Bereits nach 7 respektive 9 Wochen nach der Pflanzung werden die Blumen geerntet. Mittels Förderband gelangen die Stiele in die Verarbeitungshalle. Dort werden sie gebündelt, zu einem Strauss zusammengefügt und anschliessend gekühlt. Pro Stunde können bis 16'000 Stiele verarbeitet werden.

Insgesamt pflanzt er 8 verschiedene Sorten Chrysanthemen und Santini an. 95 Prozent der Produktion wird exportiert - so nach Grossbritannien und nach Polen. Seine Blumen finden aber auch den Weg in die Schweiz. Pro Woche werden durchschnittlich 260’000 Stiele Chrysanthemen mit einem Gewicht von 75g und einer Länge von 70 cm geschnitten. Von den Santini verlassen wöchentlich 310'000 Stiele den Betrieb. «Wir verkaufen unsere Ware über die Börse. Die grossen Abnehmer fahren aber direkt zu uns nach Nootdorp und laden die Blumen auf», sagt Wubben zu den Teilnehmern der «Schweizer Bauer»-Leserrreise. Der direkte Verkauf ab Gewächshaus werde immer wichtiger, hält der Blumenzüchter fest.

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