Montag, 8. März 2021
24.01.2021 06:08
Deutschland

«Wald-Wild-Konflikt»: Kommunikation als Schlüssel zur Lösung

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Von: AgE

Deutsche Waldbewirtschafter leiden oft unter dem Verbiss von waldbaulich relevanten Baumarten. Darum sollen Jäger und Waldbewirtschafter nun Massnahmen zum Wildtiermanagement gemeinsam abstimmen. 

Die Wiederaufforstung hunderttausender durch Trockenheit und Käferbefall geschädigter Hektare mit klimastabilen Baumarten wird nur gelingen, wenn Waldbewirtschafter und Jäger vor Ort kommunikativ aufeinander zugehen und sich über die notwendigen Maßnahmen zum Wildtiermanagement abstimmen. Darüber waren sich die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Internationalen Grünen Woche (IGW) einig, bei der der Deutsche Bauernverband (DBV) mit Vertretern aus Jägerei und Forstwirtschaft vergangene Woche die Frage debattierte, wie die geplante Novelle des Bundesjagdgesetzes (BJG) ausgestaltet werden sollte, um den «Wald-Wild-Konflikt» zu befrieden.

Ursächlich für die teils unversöhnlich geführte Diskussion sind nach Einschätzung des stellvertretenden DBV-Generalsekretärs Gerald Dohme forstwirtschaftliche Schäden, die vor allem das Rehwild durch Verbiss den waldbaulich relevanten Baumarten zufügt. Zielstellung der geplanten BJG-Novelle sei deshalb unter anderem, die Verjüngung des Waldes im Wesentlichen ohne Schutzmaßnahmen zu ermöglichen. Dohme geht davon aus, dass dieses Ziel bei einer besseren Kommunikation zwischen Jägern, Landwirten und Waldeigentümern weitgehend konfliktfrei erreicht werden kann. Dann könne auch die «ordnungspolitische Komponente» ein Stück weit zurückgedreht werden. Nach Auskunft des Vorsitzenden der Bundesarbeitsgemeinschaft der Jagdgenossenschaften und Eigenjagdbesitzer (BAGJE), Clemens Freiherr von Oer, gibt es selbst bei der ganz normalen Neubegründung von Forstbeständen – egal ob per Naturverjüngung oder Pflanzung – Probleme, die jungen Pflanzen aus dem «Reh-Äser» herauszubringen. Für ihn ist vor diesem Hintergrund klar, warum der Konflikt zwischen Jägern und Waldbesitzern schon so lange schwelt.

Waldbestand nicht gefährdet

Dagegen will der Vizepräsident des Deutschen Jagdverbandes (DJV), Dr. Dirk-Henner Wellershoff, von einem «Wald-Wild-Konflikt» nichts wissen. Dies sei eine falsche Terminologie, da Wald und Wild seit Menschengedenken einvernehmlich nebeneinander existierten. «Auch wenn wir aktuell 300000 ha Schadfläche haben, ist der Waldbestand in Deutschland nicht gefährdet», stellte Wellershoff klar. Wo es Schadflächen gebe, seien die Jäger selbstverständlich zur Zusammenarbeit mit den Waldbewirtschaftern angehalten, um Pflanzungen und Naturverjüngung zu ermöglichen.

Der Präsident des Deutschen Forstwirtschaftsrats (DFWR), Georg Schirmbeck, sieht die Waldeigentümer nach drei trockenen Jahren sowie verbreitetem Borkenkäferbefall und anderen Kalamitäten vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen. «Wenn bei mir im Teutoburger Wald eine Naturverjüngung oder Pflanzung nur mit Zäunung hochkommt, läuft etwas verkehrt», betonte Schirmbeck. Im Normalfall gehörten Zäune aber nicht in den Wald, weshalb für eine angepasste Regulierung der Schalenwildbestände gesorgt werden müsse.

Keine Glashaus-Kultur

DJV-Vize Wellershoff gab zu bedenken, dass es im Wald keine Kulturen gebe, die im Glashaus groß würden. Das Augenmerk der Jägerschaft gelte einem artenreichen, gesunden Wildbestand, der im Wald lebe. «Und wo Wild lebt, wird der Wald auch gefressen, da er eine natürliche Nahrungsgrundlage darstellt», so Wellershof. Entscheidend sei die Frage, wie viel Wild ein Biotop vertragen könne. Daher fordere der DJV schon sehr lange eine sogenannte Lebensraumanalyse. «Für uns ist selbstverständlich, dass Naturverjüngung im Wald gelingen muss», betonte der Vizepräsident des DJV.

Hingegen könne es keine Garantie dafür geben, dass gesäte Verjüngungen oder Pflanzungen nicht heimischer Baumarten ohne Wildverbiss groß würden. Dafür seien Maßnahmen wie Wildruhezonen, Wildäsungsflächen oder eine passende Waldsaumgestaltung notwendig. «Ganz ohne Schutz wird der Waldumbau nicht gelingen», steht für Wellershof fest. Er sieht die Forstwirtschaft gefordert, neue Konzepte vorzulegen, wie großflächige Monokulturen kurzfristig umgebaut werden könnten. Denn ohne neue Methoden werde der Umbau hin zu klimaresilienten Wäldern 70 bis 100 Jahre dauern. Zudem müsse es im Klimawandel ein hohes ökologisches Ziel sein, gesunde, ausgeglichene und artenreiche Wildbestände zu erhalten.

Fichte verschwindet

Der DFWR-Präsident wies bei der Podiumsdiskussion darauf hin, dass die Waldbegründung auch ein Kostenfaktor sei. Hierbei sei die Naturverjüngung eine für den Waldbewirtschafter kostengünstige Variante. Schirmbeck geht davon aus, dass die Fichte wie einige andere, bisher in Deutschland heimische Baumarten aufgrund der Klimaveränderung keine Zukunft haben werden. Daher sei vielfach ein Baumartenwechsel gefragt. Damit alle Pflanz- und Verjüngungsarten erfolgreich seien, seien angepasste Wildbestände notwendig. Dazu müssten die Jäger mit entsprechenden Abschüssen ihren Teil beitragen.

Der DFWR-Präsident äußerte die Hoffnung, dass die BJG-Novelle im weiteren Gesetzgebungsverfahren so nachgeschärft wird, dass in deutschen Wäldern künftig möglichst wenig gezäunt werden muss.

Rehwild regulieren

Auch der BAGJE-Vorsitzende von Oer geht davon aus, dass es bei der Schaffung klimaresilienter Wälder häufiger zu einem Baumartenwechsel kommen muss, beispielsweise zu der bisher vor allem südlich der Alpen vorkommenden Esskastanie. «Wenn man dazu Pflanzen zukaufen muss, dann hört das Geldverdienen schon auf», stellte von Oer klar. Es würden absehbar Baumarten verschwinden oder auf Refugien zurückgedrängt.

Um ökologische Leistungen des Waldes wie die Wasserhalte- und Filterfähigkeit zu erhalten, müsse die Fläche aber neu bestockt werden. Dabei dürfe das Wild keinen spürbaren negativen Einfluss ausüben. Um den Waldumbau erfolgreich durchführen zu können, sei zumindest örtlich eine Senkung der territorial lebenden Rehwildbestände notwendig. «Wenn wir die Kosten für den Waldumbau auf uns nehmen, dann muss es eine rechtlich durchsetzbare Möglichkeit geben, den Rehbestand so zu bejagen, dass ein Baumartenwechsel auch gelingt», forderte der BAGJE-Vorsitzende.

Herkulesaufgabe Waldumbau

Unterdessen sieht der Bayerische Bauernverband (BBV) die BJG-Novelle in der entscheidenden Phase. Ziel der Neufassung sei eine an den Klimawandel angepasste Waldbewirtschaftung, bei der der dringend notwendige Waldumbau hin zu klimastabilen Mischwäldern möglichst ohne Schutzmaßnahmen durchgeführt werden könne.

«Wir unterstützen das große und ganze Ziel», sagte BBV-Waldpräsident Josef Wutz. «Für die Grundeigentümer als Jagdrechtsinhaber seien die geplanten Regelungen zu einer konsequenten Ausrichtung der Jagd an den Zielen des Aufbaus klimastabiler Wälder von zentraler Bedeutung.» Schließlich müssten die Waldbesitzer im Freistaat die riesigen Kalamitätsflächen der letzten Jahre wiederaufforsten und weitere rund 200000 ha Wald bis 2030 «klimafit» machen.

«Das ist eine Herkulesaufgabe», betonte Wutz. Eine im Bundesjagdgesetz verankerte, flächendeckend stärker waldorientierte Jagd sei deshalb zwingende Voraussetzung, damit die Waldbesitzer überhaupt in der Lage seien, zukunftsfähige Wälder zu erhalten beziehungsweise aufzubauen.

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