22.06.2016 06:06
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Forschung
Gebirgswälder verlieren Humus
Die Bergwälder der Alpen haben während der letzten 30 Jahre an Humus verloren, wie Forscher der Technischen Universität München (TUM) festgestellt haben. Sie vermuten den Klimawandel als Ursache.

Wissenschaftler um Jörg Prietzel von der TUM haben untersucht, wie sich der Humus in Bergwäldern der bayrischen Alpen während 30 Jahren entwickelt hat. Dabei zeigte sich, dass die Humusvorräte der Böden während dieser Zeit deutlich zurückgegangen sind - um 14 Prozent. Der Humusverlust war insbesondere dort deutlich feststellbar, wo erhöhte Temperaturen gemessen worden waren, wie die Hochschule in einer Mitteilung vom Dienstag schrieb.

Humus essenziell für die Widerstandskraft

Humus ist wichtig für die Fruchtbarkeit, den Wasserhaushalt und die Nährstoffversorgung von Böden. Da Wetterextreme wie Trockenheit oder Starkregen mit dem Klimawandel häufiger und heftiger werden, sei eine dicke Humusschicht essenziell für die Widerstandskraft von Bergwäldern, schrieb die TUM. Bisher war nicht exakt erhoben worden, wie sich diese Schicht in den Alpen über die Zeit entwickelt hat.

Die Forschenden um Prietzel analysierten Daten von 35 Gebirgswäldern und Alpwiesen aus zwei unabhängigen Untersuchungen. Eine davon umfasste das gesamte Gebiet des deutschen Teils der Alpen zwischen den Jahren 1987 und 2011, mit verschiedenen Wald- und Bodentypen. Die zweite befasste sich mit typischen Gebirgsfichtenwäldern im Berchtesgadener Land von 1976 bis 2010.

Besonders auf Kalkböden

Wie die Wissenschaftler kürzlich im Fachjournal «Nature Geoscience» berichteten, war der Humusverlust in Böden aus Kalk- und Dolomitgestein am deutlichsten. Dort ging im Durchschnitt ein Drittel der Humusmasse verloren. Keinen Rückgang stellten die Wissenschaftler allerdings in Alpwiesenböden fest.

Das lasse sich damit erklären, dass der Humus in den Bergwäldern mehr an der Oberfläche liege und aus relativ frischer Streu bestehe, sagte Stephan Zimmermann von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. «Diese organische Auflage besteht aus viel leicht abbaubarem Material.» Die Mikroorganismen, die den Humus abbauen und mineralisieren, reagieren positiv auf wärmere Temperaturen. «Kommen noch weitere Faktoren hinzu, wie zum Beispiel Feuchtigkeit, begünstigt das den verstärkten Humusabbau», so Zimmermann weiter.

Wahrscheinlich auch in der Schweiz

Für die Schweiz gebe es zwar keine solchen Vergleiche der Bodenentwicklung im Zeitverlauf. Die letzte Untersuchung des Bodenzustands in der Schweiz fand 1993 statt. «Aber gerade in Bergwäldern auf den kalkreichen Böden des Alpenvorlands findet wahrscheinlich auch in der Schweiz eine ähnliche Entwicklung statt.»

In einer früheren Studie hatten Zimmermann und seine Mitarbeitenden allerdings bereits festgestellt, dass durch höhere Temperaturen vermehrt Kohlendioxid aus dem Boden freigesetzt wird; eine Folge des Humusabbaus. So könnte die Klimaerwärmung die Wirkung von Schweizer Waldböden als Kohlenstoffsenke über lange Zeit herabsetzen, schlussfolgerten die WSL-Forschenden.

Mit Waldmanagement Abbau bremsen

Damit Gebirgswälder angesichts des Klimawandels und vermehrter Wetterextreme widerstandsfähig bleiben, empfehlen die TUM-Wissenschaftler um Prietzel, durch entsprechendes Waldmanagement die Zusammensetzung der Humusschicht zu beeinflussen. Dadurch hoffen sie, den Abbau zu bremsen oder aufzuhalten.

An den Temperaturen ändere das jedoch nichts, gibt Zimmermann zu bedenken. «Allein durch Forstmanagement wird es schwierig sein, den Humus bei gleichzeitiger Temperaturerhöhung zu stabilisieren.»

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