10.10.2015 12:35
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Rohstoffe
Palmöl: Der unersetzbare «Klimakiller»?
Pizza, Schokoladenriegel, Waschmittel: In vielen Produkten steckt Palmöl. Kritiker klagen, Palmöl sei ein Klimakiller. In der Schweiz erhält die Diskussion auch durch die Verhandlungen der Freihandelsabkommen mit Malaysia und Indonesien neuen Auftrieb.

Indonesien und Malaysia sind für mehr als 80 Prozent der weltweiten Palmölproduktion verantwortlich. Fast alles davon wird exportiert. Fast jedes zweite Supermarktprodukt in Europa enthält Palmöl: Margarine, Pizza, Schokoladenriegel, Lippenstift, Waschmittel. Man müsse aufhören, Nutella zu essen, denn in dem Aufstrich stecke Palmöl, für dessen Anbau Urwald gerodet werde, sagte die französische Umweltministerin Ségolène Royal unlängst in einem Interview, entschuldigte sich aber wenig später für die Polemik.

Zertifikate sollen's richten

Denn Palmöl ist nicht gleich Palmöl. Nutella-Hersteller Ferrero entgegnete, man habe sich schon lange verpflichtet, nur nachhaltiges Palmöl zu verwenden. Für die Plantagen würden keine Primärwälder gerodet, erklärte eine Sprecherin auf Anfrage. Ausserdem macht der Konzern die Lieferketten transparent. Auch andere Nahrungsmittelkonzerne wie etwa Nestlé setzen auf Gütesiegel, die zeigen, dass die Umweltschädigung minimiert wird.

Zertifiziertes Palmöl gibt es seit 2008. Die Organisation Runder Tisch für nachhaltiges Palmöl (RSPO), ein Zusammenschluss aus Anbauern, Händlern, Produzenten, Banken sowie Nichtregierungsorganisationen, vergibt die Siegel. 20 Prozent der globalen Produktion erhielten den Stempel bereits, heisst es auf der RSPO-Homepage. Einige RSPO-Teilnehmer darin - die Palmöl-Innovations-Gruppe - entwickelt derzeit schärfere Kriterien. Mit dabei sind Agropalma aus Brasilien, Daabon Organic aus Kolumbien und New Britain Palm Oil Limited.

Gute Noten für Schweizer Firmen

In der Schweiz hat die Umweltorganisation WWF 2013 eine grosse Untersuchung zu Palmöl aus nachhaltigem Anbau durchgeführt. 60 Prozent der Firmen nutzten Palmöl mit der entsprechenden Zertifizierung. «Wir möchten Verbesserungen erzielen bei der grossen Masse der Anbieter. Das geht über Mindeststandards wie RSPO am ehesten», sagte Katrin Oswald, Projektleiterin Standard & Zertifizierung beim WWF Schweiz zur Nachrichtenagentur sda.

Im kommenden Jahr werden die RSPO-Standards international überprüft. In diese Untersuchung werden nur die grössten Schweizer Palmöl-Verwender einbezogen, etwa Migros, Coop, Nestlé, Lindt & Sprüngli sowie der Schokoladenhersteller Barry Callebaut. Diese Unternehmen erhielten bei der Untersuchung 2013 zum grossen Teil gute Noten.

Die Warenhauskette Manor etwa kam schlecht weg, kündigte aber Verbesserungen an. Per Ende 2015 würden alle Lieferanten für Manor-Eigenmarken auf nachhaltiges Palmöl umstellen oder die Rezeptur anpassen. »In diesem Prozess sind wir auf gutem Weg«, sagte Mediensprecherin Elle Steinbrecher am Freitag zur sda.

Maya Graf will Vorschriften

Umweltorganisationen, aber auch Politiker hoffen, dass Vorschriften zur nachhaltigen Produktion in das Freihandelsabkommen mit Malaysia und Indonesien einfliessen. Tatsächlich sei Palmöl das sensibelste Verhandlungsprodukt in dem Abkommen, schreibt der Bundesrat in einer Antwort auf eine Interpellation der Nationalrätin Maya Graf (BL/Grüne). Den ökologischen und sozialen Bedingungen soll gemäss Antwort Rechnung getragen werden.

RSPO ist kein Öko-Label. Vielmehr geht es gemäss WWF darum, dass auf den Plantagen freiwillig mehr für Umweltschutz und Menschenrechte getan wird, als gesetzlich vorgeschrieben. Also: sparsamer Pestizideinsatz, besseres Wassermanagement, schonende Entsorgung der Abfälle, Fürsorge für die Mitarbeiter. Ausserdem gibt es das Siegel nur für Flächen, für die seit 2005 kein Regenwald zerstört wurde.

Abholzung geht unvermindert weiter

Die Abholzung aber geht weiter - schliesslich sind 80 Prozent des Palmöls nicht zertifiziert. Kein anderer Faktor sei in den vergangen Jahren so sehr für die Zerstörung der indonesischen Wälder verantwortlich wie Palmöl, sagt der dortige Greenpeace-Aktivist Bustar Maitar. »Die meisten der grossen Produzenten in Indonesiens Zellstoff- und Palmöl-Industrie haben sich dazu verpflichtet, die Abholzung zu stoppen. Aber wir sehen davon noch nichts«, sagt er.

Indonesien verliert mittlerweile mehr unberührten Regenwald pro Jahr als Brasilien, wie eine Studie der Zeitschrift »Nature Climate Change« zeigt. Zwischen dem Jahr 2000 und 2012 waren es demnach mehr als sechs Millionen Hektar - das ist die Fläche von Kroatien. Malaysia verlor im gleichen Zeitraum 14,4 Prozent seiner Waldoberfläche. Das bedeutet: mehr Kohlendioxidemissionen, Verlust der Artenvielfalt, oft Vertreibung der lokalen Bevölkerung.

Boykott ist keine Lösung

Doch Palmöl biete auch 200'000 Kleinbauern ein Einkommen, erklärt der malaysische Palmölrat, der die Anbauer vertritt. Für viele sei das Pflanzen der Palmen ein Weg aus der Armut. Ausserdem sei Palmöl das ertragreichste Pflanzenöl - für die Gewinnung jedes anderen Öls müssten also an anderer Stelle viel mehr Flächen aufgetan werden.

»Ein Boykott von Palmöl wird das Problem nicht lösen«, sagt auch WWF-Sprecherin Ilka Petersen. Denn die Substitute seien kaum besser: Für Kokosöl müssten Plantagen in den Philippinen und Indonesien geschaffen werden, für Soja in Lateinamerika. Und Sonnenblumen- oder Rapsöl benötige viel grössere Flächen pro Liter Öl. »Da kommt man vom Regen in die Traufe.«

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