3.02.2013 14:32
Quelle: schweizerbauer.ch - Hans Käser
Bern
Rehe schädigen den Wald immer mehr
Die Fachleute sind beunruhigt. Sie befürchten ökologische Langzeitfolgen. Denn durch gezieltes und komplettes Herausäsen der schmackhafteren Baumarten entstehen im Laufe der Jahrzehnte artenarme Reinbestände.

Die Waldbesitzer sind sauer. «Der Kanton macht seine Hausaufgaben nicht», beklagt sich Hans Mühlemann. «Wir fordern, dass er endlich dem eidgenössischen Waldgesetz von 1991 nachlebt und die Wildbestände vernünftig regelt.» Als Präsident der Holzproduzenten Herzogenbuchsee, Seeberg und Umgebung kennt er die einschlägigen Paragrafen und verweist auf Artikel 27 Absatz 2 des Bundesgesetzes von 1991 über den Wald: «Sie (die Kantone) regeln den Wildbestand so, dass die Erhaltung des Waldes, insbesondere seine natürliche Verjüngung mit standortgerechten Baumarten, ohne Schutzmassnahmen gesichert ist. Wo dies nicht möglich ist, treffen sie Massnahmen zur Verhütung von Wildschäden.»

Rehbestand überbordet

Im Oberaargau, im Berner Mittelland gelegen, verursachen vor allem die Rehe Wildschäden, denn sie weisen einen sehr dichten Bestand auf. Hans Mühlemann schätzt, dass auf eine Fläche von 100 ha Wald örtlich bis gegen dreissig Rehe kommen. Dadurch werde der Wilddruck unerträglich, sagt er. «Wir haben nichts gegen Wild in unseren Wäldern. Doch der Bestand sollte auf einem vernünftigen Niveau gehalten werden.» Der Grasswiler Landwirt zieht einen Vergleich mit Deutschland. Dort strebe man lediglich sieben Rehe auf 100 ha Wald an, weiss er.

Rehe schädigen junge Forstpflanzen durch das Abbeissen von Knospen, Blättern oder Zweigen. Dies kann den Wuchs verzögern, Krüppelwuchs und Bonsaiformen verursachen oder eine Pflanze absterben lassen. «Die Baumarten, die beim Reh als Leibspeise gelten, zum Beispiel Weisstannen, bringt man heute nicht mehr ohne Schutz hoch», sagt Revierförster Hansueli Eugster, Herzogenbuchsee. «Diese Jungpflanzen kommen aus dem Bonsaistadium nicht mehr heraus, denn sie werden immer wieder verbissen.»

Artenvielfalt ist bedroht

Bedroht ist die Artenvielfalt des Waldes auch durch das Abäsen der Keimlinge von Eichen, Kirschbäumen, Eiben usw. Das gezielte und komplette Heraussuchen der schmackhafteren Baumarten lässt im Laufe der Jahrzehnte artenarme Reinbestände entstehen. Schäden verursachen im Weiteren die Rehböcke durch das Fegen. Sie reiben im Sommer und Herbst an niedrigen Jungpflanzen den Bast von ihren Geweihen und lösen dabei die Rinde von den Stämmchen.

Wald für die Zukunft

Die Sorge der Waldbesitzer um die jungen Forstpflanzen liegt in der Zukunft des Waldes begründet. «Mit der Jungwuchspflege unterstützen wir künftige Generationen», sagt Hans Mühlemann, «denn die jungen Forstpflanzen von heute werden erst in 50 bis 100 Jahren zu schlagreifen Bäumen herangewachsen sein.» Dass man unseren Nachkommen Wälder von lauter Gestrüpp und Bonsaibäumchen überlasse, komme nicht in Frage.

Eine wichtige Rolle gibt Mühlemann dem Holz im Zusammenhang mit dem Atomausstieg. Seiner Meinung nach ist der Wald eine der bedeutendsten erneuerbaren Energiequellen unseres Landes. Dazu kommt, dass Holzenergie CO2-neutral ist und deshalb einen wichtigen Beitrag gegen die drohende Klimaerwärmung leistet.

Vielfalt anstreben

«Die Vielfalt der Bäume im Wald ist deshalb von Bedeutung, weil niemand mit Gewissheit sagen kann, welche Holzart in 50 bis 100 Jahren gefragt sein wird», so der Präsident der Holzproduzenten weiter. Diesem Umstand sei Rechnung zu tragen. «Wenn wir unsere Verantwortung für den Wald wahrnehmen wollen, müssen wir dafür sorgen, dass Laub- und Nadelbäume verschiedener Art gemeinsam vorkommen.»

Auch aus ökologischer Sicht sei es wichtig, dass jede Baumart ausreichend vorhanden sei und ihre besondere Rolle im Ökosystem wahrnehmen könne. «Der Wald muss auch in Zukunft seine vielfältigen Funktionen erfüllen können», fasst Mühlemann zusammen. «Wir müssen schon heute vorsorgen, indem wir eine möglichst grosse Vielfalt der Waldbäume anstreben.»

Jagd müsste helfen

Revierförster und Präsident der Holzproduzenten sind sich einig: Um die Wildschäden zu verringern, müsste der Kanton den Rehbestand mithilfe der Jagd besser regulieren und sich zum Ziel setzen, das ökologische Gleichgewicht wiederherzustellen. Mühlemann fragt sich, ob es nicht angezeigt wäre, die Jagd durch modernere Jagdvorschriften attraktiver zu machen.

Das kantonale Jagdinspektorat sieht sich mit dem Problem stetig sinkender Jägerzahlen konfrontiert. Es sei denkbar, dass mittelfristig die Abschussvorgaben in einzelnen Wildräumen nicht mehr erreicht würden, sagt Fachbereichsleiter Rolf Schneeberger. Vor diesem Hintergrund habe die Volkswirtschaftsdirektion im Jahr 2011 beschlossen, die Gebühr für Rehzusatzpatente zu senken.

Im Weiteren könnten Jagende in Wildräumen mit hoher Rehdichte und grossen Wildschäden bis acht Rehe pro Jagdsaison lösen. Rolf Schneeberger räumt ein, dass die Wildschäden in den letzten Jahren gebietsweise leicht zugenommen haben. «Doch dies stellt den guten Allgemeinzustand des Berner Waldes und seine nachhaltige Entwicklung nicht unmittelbar in Frage.»

Schutz kostet mehr

Trotz erhöhtem Jagdanreiz ist der Rehbestand im Oberaargau örtlich weiterhin sehr hoch. Den Waldbesitzern bleibt nichts anders übrig, als den Jungwuchs mit grossem Aufwand und auf eigene Kosten vor Wildschäden zu schützen. Die Rehe gehören zwar dem Kanton. Aber Schutzmaterial zur Verhütung von Wildschäden kann und will er infolge der Sparmassnahmen nicht mehr zur Verfügung stellen.

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE