20.07.2014 17:15
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Bäume
Stadtbäume sind gestresster als Landbäume
Die Bäume in der Stadt sind gestresst: Sie leiden unter Platzmangel, Abgasen, Staub, Unfällen, Vandalenakten und dem Klimawandel. Ihre Wurzeln werden abgeschnitten, ihr Boden durch Hunde-Urin und Streusalz verdreckt. Stadtbäume leben deshalb nur halb so lange wie ihre Verwandten auf dem Land.

Weil sie unter Stress stehen, können die Bäume zur Gefahr werden. Vor Kurzem ist in Vevey VD bei schönstem Wetter ein Baum umgestürzt. Drei jugendliche Passanten wurden verletzt, eine 16-Jährige gar schwer. Der Baum war von einem Pilz befallen. Erst sechs Monate vorher war er kontrolliert worden.

«Bäume sind lebende Wesen, keine Immobilien», sagt Cédric Waelti, Sprecher des Umwelt- und Sicherheitsdepartements der Stadt Genf. Bäume seien empfindliche Lebewesen, die geschützt werden müssten.

Stress bei der Baustelle

Besonders grossem Stress ausgesetzt ist ein Baum, wenn um ihn herum gebaut wird - sei es eine Strasse oder ein Gebäude. Für einen Baum sei dies ein aggressiver Akt, schreiben die Autoren des Buches «L'arbre en milieu urbain» («Der Baum in der Stadt»; Red.) . Bauarbeiten destabilisieren Bäume. Häufigster Grund, weswegen ein scheinbar stabil verankerter, gesunder Baum umstürzt, ist, dass während den Bauarbeiten seine Wurzeln zerschnitten worden sind.

Nicht jeder Baum stirbt danach einen raschen Tod. Doch die Schnitte sind das Anfang vom Ende: «Das öffnet Krankheitserregern Tür und Tor», sagt Eddy Macuglia, der in Neuenburg für die Stadtbäume zuständig ist. Es sind dies Schädlinge wie die Kastanienminiermotte oder Pilze wie jener, der die Eschenwelke auslöst, wie der Leiter des Gartenbauamts der Stadt St. Gallen, Christoph Bücheler, erklärt.

Heute würden die Bäume bei Baustellen besser geschützt als früher, sagte Christian Wieland, Leiter der Stadtgärtnerei Winterthur. Dennoch wird ein 'Trottoir'-Baum gemäss Macuglia im Schnitt etwa 60 Jahre alt. Zum Vergleich: Im Wald sind es etwa 200 Jahre.

Risiken reduzieren

Wegen der Risiken werden Stadtbäume überwacht. Regelmässig wird ihr Gesundheitszustand kontrolliert, wie der für die Zürcher Bäume Verantwortliche, Hans-Jürg Bosshard, in einem Bericht schreibt. In der Stadt Zürich stehen 20'000 Bäume, in Genf gar 40'000. Die Bäume werden von der Wurzel bis zur Krone unter die Lupe genommen. Die Baumpfleger klopfen sie ab und horchen, ob sie hohl klingen oder sie kratzen etwas Rinde ab und schauen, ob diese gesund ist.

Kommen Zweifel am Zustand eines Baumes auf, rufen die Städte Baumsachverständige zu Hilfe. Diese setzen sogenannte Resistographen ein, die mit Hilfe einer spitzen Nadel, die ins Holz gebohrt wird, dessen Widerstand messen. Damit kommen die Experten Hohlräumen, Rissen oder Fäulnis auf die Spur.

Apparate nicht unfehlbar

Auch mit Schallwellen werden Bäume auf innere Schäden untersucht. Doch die Bilder, die der Schalltomograph liefert, sind schwer zu interpretieren. «Der Apparat kann zu Fehlern verleiten», sagt Pascal Fossati von der «Association Suisse pour les Soins aux Arbres» (Bund Schweizer Baumpflege) und nennt ein Beispiel: «Die Dichte des Holzes variiert je nach Pilzart. Wenn man den Pilz nicht kennt, kann man zu falschen Schlüssen kommen.»

Auch der oberste Gärtner der Stadt Freiburg, Thierry Wieland, warnt vor Fehlschlüssen: Je nachdem, wo am Baum die Analysegeräte angesetzt würden, komme man zu einem anderen Ergebnis. Die Apparate seien nicht unfehlbar.

Erst zuletzt kommt die Säge

Wird ein Baum in kritischem Zustand gefunden, dann wird er von den Baumpflegern «wie ein Patient» gehegt und gepflegt, wie der Genfer Wälti sagt. Baumpfleger und -sachverständige setzen Entlastungsschnitte oder sie machen eine sogenannte Kronenverankerung, zählt Bücheler vom St. Galler Gartenbauamt einige Massnahmen auf.

Hilft alles nichts, wird ein Baum gefällt. Weil aber viele Stadtbewohner an ihren Bäumen hängen, informieren die Behörden vorab. «Die Bäume haben für die Stadtbewohner eine grosse Bedeutung. Diese reagieren stark auf Fällungen», sagt Bücheler. In St. Gallen stehen 8000 Bäume.

Mediterrane Alternativen

Werden neue Bäume gepflanzt, setzen die Stadtgärtnereien und Gartenbauämter neben alten Bekannten auch auf in der Stadt neue Baumarten, vor allem mediterrane. Deren gefiederte oder ledrige Blätter können der Wärme besser trotzen.

In den Städten haben Bäume es wegen der Strahlungswärme von Gebäuden noch heisser als im Wald. Und so mischen sich an Strassenrändern, auf Trottoirs oder in Pärken neuerdings auch Silberlinden aus Ungarn oder Flaumeichen und Hopfenbuchen aus dem Tessin unter Platanen, Kastanien oder Ahornbäume.

Unfälle lassen sich aber nie ausschliessen. Der St. Galler Bücheler und der Neuenburger Macuglia sind sich einig: Wollte man eine hundertprozentige Sicherheit, müsste man alle Bäume fällen. Eine Schweizer Stadt ohne Bäume? Unvorstellbar.

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