2.04.2015 14:36
Quelle: schweizerbauer.ch - Michael Wahl, lid
Wald
„Der Bund spart auf unsere Kosten”
Der Wald schützt vor Naturgefahren, bietet Lebensraum für Tiere und Pflanzen, bindet CO2 und bietet Erholung – vor allem, wenn er gezielt gepflegt wird. Doch Waldeigentümer erhalten kaum Geld für ihre Dienste zugunsten der Allgemeinheit. Das soll sich nun ändern.

„Der Bund spart auf unsere Kosten.” Felix Lüscher marschiert an diesem frühlingshaften Mittwochmorgen Mitte März durch den Wald und erklärt, was aus seiner Sicht falsch läuft in der Waldpolitik. Lüscher ist Bereichsleiter Wald bei der Oberallmeindkorporation Schwyz (OAK) und damit Herr über 9‘000 Hektaren Wald. Um das Kyoto-Protokoll zu erfüllen, lasse sich der Bund die 2,2 Mio. Tonnen CO2, die der Schweizer Wald jährlich bindet, anrechnen.

Allgemeinheit profitiert, ohne zu zahlen

Damit spare die öffentliche Hand viele Millionen Franken pro Jahr, die man sonst für Emissionszertifikate ausgeben müsste. Was Lüscher stört: Während der Bund profitiert, gehen die Waldeigentümer leer aus. Denn diese erhalten keinen einzigen Rappen für die Klimaschutzfunktion ihres Waldes. Dabei würden gerade die Pflegemassnahmen der Waldbesitzer zu mehr Umweltschutz beitragen. Denn ein bewirtschafteter Wald binde mehr CO2 als einer, der sich selbst überlassen werde. Die Kosten für die Waldpflege müssten die Waldeigentümer aber alleine schultern.

Die Öffentlichkeit profitiert nicht nur punkto Klimaschutz vom Wald, sondern ebenso punkto Trinkwasser. Viele Trinkwasserzonen liegen im Wald, denn der Waldboden reinigt das Wasser, was eine Aufbereitung erübrigt. Für Lüschers Team bedeutet das Arbeiten in einer Trinkwasserzone aber einen Mehraufwand. So müssen die Forstarbeiter die Trinkwasserzone verlassen, um ihre Kettensägen zu betanken, damit es zu keiner Verunreinigung kommt.

83 Millionen Franken pro Jahr

Dazu kommen weitere Auflagen. All das verteuert die Holzproduktion, ohne dass der Waldeigentümer eine Entschädigung erhält. Das Gleiche gilt auch für Biotopbäume und Altholzinseln. Diese sind zwar gut für die Ökologie, sorgen aber für einen Mehraufwand und somit höhere Kosten.

Die Oberallmeindkorporation Schwyz (OAK), eine der grössten Waldeigentümerinnen der Schweiz, hat anlässlich ihres 900-jährigen Bestehens im letzten Jahr eine Studie in Auftrag gegeben. Diese sollte zeigen, welchen Wert der OAK-Wald hat. Resultat: Jedes Jahr profitiert die Allgemeinheit vom OAK-Wald in der Höhe von 83 Mio. Franken – beispielsweise in Form von Holz, Schutz vor Naturgefahren, Klimaschutz, Biodiversität und Erholung.

Einen Teil dieser Leistungen erbringt der Wald zwar einfach so; oft erfüllt er sie aber nur dank der Pflege der OAK. Finanzieren kann sich diese in erster Linie aber nur über den Holzverkauf, und das sind lediglich 3 Prozent der Gesamtleistung von 83 Mio. Franken. Mit anderen Worten: Laut Studie schafft die OAK zwar viel Wert, hat aber selber wenig davon, weil ein Grossteil der Leistungen nicht abgegolten werden.

Das leistet der Schweizer Wald

  • Der Wald schützt vor Naturgefahren. Rund 45% des Waldes hat eine Schutzwirkung. Diese hat einen Wert von 4 Mia. Franken pro Jahr. Der Bund entschädigt die Schutzwaldpflege mit jährlich 105 Mio. Franken.
  • Der Wald spendet Trinkwasser. Rund 40% des Trinkwassers stammen aus dem Wald. Dieser reinigt das Wasser, womit jährlich ca. 80 Mio. Franken an Aufbereitungskosten gespart werden können.
  • Der Wald lädt zum Erholen ein. Der Wert der Erholungsleistung wird auf 2 bis 4 Mia. Franken geschätzt.
  • Der Wald ist Lebensraum vieler Pflanzen- und Tierarten. Über 25‘000 Arten sind auf den Wald angewiesen. Rund 250 Tonnen Pilze im Wert von ca. 11,5 Mio. werden jährlich gesammelt. Dazu kommen 2‘000 Tonnen Honig, 2‘000 Tonen Wildfleisch und 150‘000 Christbäume.
  • Der Wald schützt das Klima. Bei der Photosynthese speichern Bäume klimaschädliches CO2 und setzen Sauerstoff frei.
  • Der Wald liefert Holz. Jährlich werden 5 Mio. Kubikmeter Holz im Wert von mehr als 400 Mio. Franken geerntet.

    Quelle: Waldwirtschaft Schweiz 

Kosten nicht gedeckt

Zum Spaziergang in den Schwyzer Wald hatte Waldwirtschaft Schweiz eingeladen. Der Dachverband der Waldeigentümer wollte zum Tag des Waldes auf einen Missstand aufmerksam machen: Die Waldeigentümer pflegen den Wald, fördern die Biodiversität, halten Wege in Schuss und müssen viele Auflagen erfüllen, werden für diese Leistungen von der Allgemeinheit aber kaum entschädigt. Obwohl die Öffentlichkeit von der Klimaschutz-, Trinkwasser- und Erholungsfunktionen des Waldes profitiert.

Bislang war das kaum ein Thema: In der Vergangenheit hätten die Forstbetriebe Dienstleistungen kostenlos erbringen können, weil die Holzerei ein einträgliches Geschäft gewesen sei, erklärt Walter Andermatt, Vizepräsident von Waldwirtschaft Schweiz. Heute aber würden die Waldeigentümer so wenig Geld für ihr Holz erhalten, dass oft nicht einmal die Kosten gedeckt seien. „Wer geht am Morgen aus dem Haus zur Arbeit, wenn er weiss, dass er am Abend keinen Franken erwirtschaftet hat”, fragte Andermatt rhetorisch.

Wer profitiert, soll zahlen

Verschärft worden sei die Situation durch das Ende des Euro-Mindestkurses. Schweizer Holz zu exportieren sei dadurch schwieriger geworden, der Importdruck hingegen habe zugenommen. „Die Mehrheit der Forstbetriebe schreibt heute rote Zahlen”, so Andermatt. Zwei Drittel der Waldeigentümer seien Private, Burgergemeinden und Korporationen. Diese könnten die Defizite nicht über Steuereinnahmen kompensieren. Wegen der finanziellen Schieflage könnten viele Betriebe keine Investitionen mehr tätigen.

Für Andermatt ist klar: „Wer vom Wald profitiert oder Kosten verursacht, soll dafür auch bezahlen.” Mit anderen Worten: Die Waldeigentümer wollen für ihre Dienstleistungen, die sie bis anhin weitgehend gratis erbracht haben, die Öffentlichkeit zur Kasse bitten.

Waldklimafonds gefordert

Max Binder, Zürcher SVP-Nationalrat und Präsident von Waldwirtschaft Schweiz, will einen entsprechenden Vorstoss machen. Zum einen will er vom Bundesrat die Schaffung eines Waldklimafonds verlangen, mit dem Waldeigentümer für die CO2-Senkeleistung des Waldes entschädigt werden sollen. Zum anderen soll der Bundesrat rechtliche Voraussetzungen schaffen, damit Waldeigentümer Leistungen, die sie bis anhin weitgehend gratis erbracht haben, künftig vermarkten können.

Man wolle keine allgemeinen Flächenbeiträge, schreibt Binder in der Motion. Stattdessen sollen konkrete Leistungen entschädigt werden, beispielsweise die Waldrandpflege, der Strassenunterhalt, das Stehenlassen von Alt- und Totholz oder die Waldpflege für Trinkwasserfilterung.

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