4.04.2014 12:33
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann
Cannabis
«20'000 Franken für eine Are legalen Hanf»
Drogen-Experte Thomas Kessler will den Anbau und Konsum von Cannabis legalisieren. Das Hanfkraut anbauen sollen die Schweizer Bergbauern. Für Kessler ist die Regulation bei Wein und Tabak beispielhaft.

«Schweizer Bauer»: Warum sollen Bergbauern im Auftrag des Staates Hanfkraut anbauen?
Thomas Kessler: Dafür gibt es sehr gute Gründe. Der Hanfmarkt in der Schweiz umfasst in Franken fast eine Milliarde Franken und mengenmässig zwischen 50 und 100 Tonnen. Das wird heute alles illegal produziert oder importiert. Diese Ware ist unkontrolliert, mit Schadstoffen und Pestiziden belastet und enthält Streckmittel. Das ist hoch problematisch, und es ist wesentlich vernünftiger, Hanf im eigenen Land unter klaren Bedingungen zu produzieren, biologisch, gut kontrolliert, und zwar dort, wo es landwirtschaftspolitisch sinnvoll ist.

Und das ist im Berggebiet?
Genau. In den Bergzonen III und IV, in den sogenannt strukturschwachen Randregionen. Dort bringt der Hanfanbau finanziell einiges, er kann relevant sein für die Erhaltung der Betriebe. Der Hanf eignet sich für Berglagen mit Süd-Exposition. Der Hanf kann vollständig biologisch gezogen werden, es braucht keine Pestizide.

Das gäbe dann also einen Knospen-Hanf?
Ja, das gäbe es. Hanf ist sehr robust und leicht zu pflegen. Er ist sogar selbstverträglich, wenn man ihn mehrere Jahre am gleichen Ort anbaut. Das ist auch der Grund dafür, weshalb man im Schweizer Berggebiet für die Faserproduktion bis in die 1970er-Jahre hinein Hanf angebaut hat. Der Hanf hat dort eine lange Geschichte, die längste im Bündnerland. Und dann kommt der Sicherheitsaspekt hinzu.

Es bräuchte weniger Zäune?
Ja. Die Parzellen müssen möglichst abgelegen sein, an Orten mit einer Sackgassensituation  und wo die Bauernfamilie sieht, wer vorbeifährt. Und man würde den Anbau nur klein parzelliert zulassen, das heisst maximal zwei Aren pro Betrieb.

Warum diese Beschränkung?
Der finanzielle Ertrag auf einer kleinen Fläche ist sehr hoch, und dies bei wenig Aufwand.

Wie lukrativ wäre dies denn in Ihrem Konzept?
1 Are ergibt rund 20 Kilogramm reines Hanfkraut. Die Vergütung für den Bauern wäre 1 Franken pro Gramm. Das wären dann also 20'000 Franken auf 1 Are. Und wir wollen eben, dass möglichst viele Bergbetriebe profitieren können. Je nach Hof und Eignung wären 1, 1.5 oder 2 Aren Anbau möglich. Eine Obergrenze ist auch eine Frage der Gerechtigkeit.

Und wenn zu viele Betriebe Hanf anbauen möchten?
Dann könnte man die Limite pro Betrieb auf 1 Are senken.

User von schweizerbauer.ch befürworten Anbau grossmehrheitlich

Die "SonntagsZeitung" berichtete vor knapp zwei Wochen von den Plänen Thomas Kessler. schweizerbauer.ch startete eine Umfrage zur Idee von Kessler. Das Resutat ist eindeutig. 83 Prozent der User befürworten einen Anbau von Hanf zur Produktion von Cannabis bei Bergbauern. Nur 14 Prozent lehnen den Vorschlag ab. 3 Prozent der Abstimmenden ist es egal. Teilgenommen haben an der nicht-repräsentativen Abstimmung 436 Personen. Über die Pläne von Kessler wurde intensiv debattiert. Die Meinungen divergierten dabei stark. blu

Wie viel läge für die Bauern insgesamt also drin?
Der Verkaufspreis wäre abgestuft nach THC-Gehalt. Für Hanfkraut mit 5 bis 10% THC schlagen wir 10 Franken pro Gramm vor. Vom Verkaufspreis gingen 10% an die Produktion (die Bauern), 10% an Handel und Gewerbe, 10% in die Forschung, 10% in die Prävention, 8% würden als Mehrwertsteuer abgeschöpft und 52% gingen an AHV/IV. Bei einem Gesamtmarkt von 1 Milliarde Franken kämen also 100 Millionen Franken den Bauern zugute.

Hansjörg Hassler, Präsident des Bündner Bauernverbands, sprach von einem möglichen Image-Problem für die Bergbauern. Wie sehen Sie das?
Aus heutiger Sicht und aus Sicht des Mittellandes kann ich dies verstehen. Das Thema ist drogenpolitisch mit Ideologie belastet. Das ist aber nicht das Problem der Bergbauern, und das Imageproblem kann man schnell lösen. Schliesslich wäre es ein staatliches Monopol mit einem Bio-Label, das an alte Traditionen anknüpft. Die Frage ist, ob es gesetzlich geregelt ist oder nicht. Die moralische Belastung kann nicht grösser sein als diejenige eines Weinbauern, der den Trester noch in einen guten Marc umwandelt, oder diejenige eines Obstbauern, der die überschüssigen Äpfel in einen Obstler verwandelt. Man muss Hanf als Genussmittel nehmen, das man vorsichtig geniessen muss, das nur für Erwachsene und nur für mässigen Konsum geeignet ist. Man muss diese Substanz ähnlich sehen wie Likör und Spirituosen.

Aber bis zu dieser Akzeptanz bräuchte es schon einige Zeit?
Sicher. Aber ich spüre in der Schweizer Gesellschaft, inklusive den Bauern (die ich aus meinen Bauernlehrjahren, aus der Bauernberatung und aus Ferien-Aufenthalten in den Bergen gut kenne), eine Aufgeschlossenheit. Denn die Bauern gehen nicht von der Problematisierung im Unterland aus, sondern von der Eignung des Hanfs für ihren Hof, von dessen Nutzen und haben aus meiner Sicht eine viel entspanntere Beziehung zum Hanf als die aufgeregten Städter, welche dies nur als Problem für die Kinder sehen. Und es ist ein Problem, wenn die Kinder Cannabis konsumieren – der Jugendschutz muss massiv verstärkt werden. Das Staatsmonopol wäre für die Bauern nichts Neues: Wein, Tabak und Spirituosen sind heute schon einer solchen Regulation unterworfen.

Was wären die nächsten Schritte zur Umsetzung Ihres Konzepts?
Mein Regulationsmodell braucht eine Gesetzesgrundlage. Im Hinblick auf ein Gesetz müsste man sich auf das Modell einigen. Es gibt auch ein solches von Olivier Guéniat, dem Chef der Neuenburger Kriminalpolizei. Er schlägt ein Lizenzsystem vor, bei dem Konsumenten eine Lizenz zur Eigenproduktion kaufen können. Dort wären die Bauern ausgeschlossen. Ich bin überzeugt, dass mein Modell eine gute Mischung zwischen Freiheit und Sicherheit bietet.

Zur Person

Thomas Kessler wurde nach den Lehrjahren in Denezy VD und Colombier VD und der Schule am Strickhof ZH als Landwirt diplomiert. Anschliessend bildete er sich zum dipl. Tropen-Agronomen und zum dipl. Ing. agr. HTL weiter. Von 1982 bis 1991 hatte er ein eigenes Beratungsunternehmen. 1991 wurde er Drogendelegierter, 1998 Delegierter für Migrations- und Integrationsfragen im Kanton Basel-Stadt. Im gleichen Kanton ist er seit 2009  Leiter der Kantons- und Stadtentwicklung. Kessler ist Experte der Eidgenössischen Kommission für Drogenfragen. sal 

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