21.08.2018 06:02
Quelle: schweizerbauer.ch - Interview: Anja Tschannen
Betriebsführung
«Aktionsplan für Viagra wäre sinnvoller»
Fernand Andrey ist Gründungsmitglied der IG Bauern- Unternehmen. Im Interview sagt er, wieso die produzierende Landwirtschaft endlich eine Stimme braucht und was sie gegen die Trinkwasserinitiative unternehmen.

«Schweizer Bauer»: Wie kam es dazu, dass Sie in den Vorstand der IG Bauern-Unternehmen (BU) gekommen sind?
Fernand Andrey: Als Mitbegründer bin ich seit Beginn dabei.

Und wieso war es nötig, jetzt  die IG Bauern-Unternehmen zu gründen?
Es ist wichtig, dass die produzierende Landwirtschaft wieder eine Stimme hat. Und es braucht die IG, damit jemand dem Druck der grünen Kreise entschieden entgegentritt.

Was ist das Ziel der IG BU?
Den Fokus auf die Produktion zu legen und das Wissen (Know-how) zu erhalten. Wir müssen aufzeigen, dass produzierende Landwirtschaft nicht gleich Umweltverschmutzung ist.

Wie waren die Reaktionen auf die Gründung der IG BU?
Gewaltig. Wir waren nicht auf einen so grossen Andrang vorbereitet. Wir haben 600 Gönner und Supporter aus allen Produktionsrichtungen (ÖLN, IP, BIO).

Wo wird die IG BU künftig aktiv?
Ganz klar politisch. Es werden Treffen stattfinden, gerade im Hinblick auf die Trinkwasser-Initiative. Wir müssen den Konsumenten aufklären, das soll unter anderem mit Plakaten geschehen.

Die Landwirtschaft steht zurzeit permanent negativ in der Presse, was meinen Sie dazu?
Drei Dinge müssen einmal ganz klar gesagt werden. Erstens: Die Schweiz ist im Bereich Ökologie Weltmeisterin. Zweitens: Es gab noch nie so gesunde und sichere Lebensmittel wie heute. Und drittens: Dank dem technischen Fortschritt wird die Bewirtschaftung im Sinn der Natur laufend verbessert.

Die produzierende Landwirtschaft geht also in Ihren Augen gut mit der Natur um?
Die Schweiz hat im Umgang mit der Natur eine Vorreiterrolle. Jeder Landwirt,  einerlei, ob IP oder Bio oder ohne Label, muss in der Schweiz die ÖLN-Richtlinien erfüllen. Das sollte man der Bevölkerung vielleicht auch einmal sagen. Leider wurde in den letzten 15 Jahren sehr wenig Aufklärungsarbeit geleistet. Aussagen von Leuten, die mit der Materie überhaupt nicht vertraut sind, wurden einfach so hingenommen. Unwahrheiten werden protestlos akzeptiert und Tatsachen verschwiegen.

Was meinen Sie mit Unwahrheiten?
Um ein Beispiel zu nennen: Der Import von Soja als Tierfutter. Keine einzige Sojabohne wird für Tierfutter angebaut. In Amerika wird Soja für die Ölproduktion angebaut. Sojaöl ist ein sehr gefragtes Industrieprodukt. Die Amerikaner setzen Sojaöl fast überall ein, sei es als Biodiesel, für Tofu, in Margarine und in Salatsaucen und für die Herstellung von Kunststoff. Wussten Sie, dass die Kunststoffelemente in unseren Mähdreschern aus Soja gemacht sind? Sojaöl kann das Mineralöl ersetzen. Genau wie beim Raps wird auch beim Soja nur das Abfallprodukt aus der Ölgewinnung für die Tierernährung eingesetzt.

Welche Dinge werden verschwiegen?
Zum Beispiel, dass Bio Suisse ihren Produzenten erlaubt hat, die Kartoffeln gegen die Kartoffelkäfer mit dem synthetischen Spritzmittel Audienz zu behandeln: Wenn's brennt, sollen's dann die sonst verteufelten synthetischen Pflanzenschutzmittel richten. Oder dass im Biolandbau vor zwei Jahren konventionelles Saatgut eingesetzt worden ist, weil nicht genügend Biosaatgut vorhanden war. Oder der Fall mit den Biosalatsprossen in Norddeutschland. Die Biosprossen waren mit Bakterien infiziert, die im Biolandbau ganz normal sind, sich dort aber aussergewöhnlich vermehrt hatten. Mehr als 60 Menschen sind daran gestorben, und heute müssen noch Tausende deswegen zur Dialyse. Weiss der Konsument auch, dass das Blut- und Federnmehl, das auf Biofeldern ausgebracht wird, aus Dänemark stammt?  Auch im Biolandbau wird gespritzt und Dünger eingesetzt. Kupfer ist dabei eines der gängigsten Mittel und leider ökologisch absolut bedenklich. Es kann weder vom menschlichen Organismus noch vom Boden abgebaut werden, schädigt Regenwürmer und reichert sich an, bis der Boden als Sondermüll entsorgt werden muss. Die Bioforschung hat schon lange versprochen, Kupfer zu ersetzen, bis jetzt ohne Erfolg. Das heisst für mich einfach: Man soll ehrlich sein und zugeben, dass es nicht ohne Pflanzenschutz geht – auch im Biolandbau. Biolandbau ist nicht einfach gleich ökologisch.

Sind Sie gegen den Biolandbau?
Nein, überhaupt nicht. Biolandwirte sind auch in der IG BauernUnternehmen sehr willkommen. Aber wir sind dagegen, dass mit einem falschen Image geprahlt wird, und das ist auch das Problem, das wir heute haben.

Wie meinen Sie das?
In den letzten Jahren haben Grossverteiler und NGO Millionen von Franken eingesetzt, um den biologischen Landbau voranzutreiben und zu bewerben. Dabei wurde ein falsches Image geschaffen und dem Konsumenten ein falsches Bild der Landwirtschaft vermittelt. Diesem falschen Image wurde in den letzten fünfzehn Jahren nicht entgegengesteuert. Sprich: Der Konsument wurde nicht darüber aufgeklärt, wie die produzierende Landwirtschaft funktioniert. Gleichzeitig hat sich die Gesellschaft immer weiter weg von der Natur bewegt. Konsumenten merken auf einmal, dass das Werbebild nicht mit der Realität übereinstimmt, und fühlen sich getäuscht. Nur dadurch können Dinge wie die Trinkwasser-Initiative überhaupt zustande kommen. Mit Angst und Panikmacherei wird gegen die Landwirtschaft geschossen. Und weil der Konsument nicht aufgeklärt und falsch informiert ist, fällt diese Saat auf fruchtbaren Boden.

Was kann man gegen die falschen Vorstellungen der Bevölkerung gegenüber der Landwirtschaft unternehmen?
Aufklären, aufklären, aufklären. Es gibt nur diesen Weg. Letztendlich muss sich die Bevölkerung entscheiden, ob sie sich auf die nüchterne Wissenschaft stützen will oder ob sie lieber auf die Angstmacherei von Propheten eingehen will.

Die IG BU will hinsichtlich der Trinkwasser-Initiative aktiv werden. Was sagen Sie dazu, dass die Landwirtschaft zu viele Pflanzenschutzmittel einsetzt?
In der Schweiz werden jährlich 2000 Tonnen Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Die NGO monieren, dass diese Mengen nicht zurückgehen. Nur: Ein Drittel davon, also mehr als 600 Tonnen, sind auch im Biolandbau zugelassene Produkte. Die biologischen Produkte aber müssen meist häufiger und vor allem in grösseren Mengen eingesetzt werden als konventionelle Produkte. Die Biobauern, jeder Umsteiger, treibt somit die Verkaufsmengen von Pflanzenschutzmitteln in die Höhe. Zwanzig Prozent, das heisst ungefähr 400 Tonnen, werden zudem im Gleisunterhalt, im privaten und professionellen Gartenbau, auf Golfplätzen und so weiter eingesetzt.  

...das wirft ein anderes Licht auf die Sache...
Ganz abgesehen von diesen Zahlen: Ich kenne keinen Bauer, der zum Spass mit der Spritze und dem Düngerstreuer durch die Gegend fährt. Mit jeder Durchfahrt steigen die Kosten für den Betrieb. Jeder Betriebsleiter versucht deshalb, die Anzahl Durchfahrten so tief wie möglich zu behalten und die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln zu optimieren und zu minimieren. 

Aber mal ehrlich: Braucht es Pflanzenschutzmittel überhaupt, früher wurde doch viel natürlicher produziert?
Früher lag die Kindersterblichkeit aber auch bei 30 bis 40 Prozent, das Durchschnittsalter bei knapp 50, es gab Kinderarbeit und es herrschten Hungersnöte. Leider vergessen die Menschen das gerne ganz schnell. Nur dank der Wirtschaft mit der «bösen Chemie» und mit mineralischem Dünger und stetig verbesserten Züchtungsmethoden gibt es heute überhaupt 7,5 Milliarden Menschen auf dem Planeten. Fakt ist, dass wir noch nie so gesunde und sichere Lebensmittel hatten wie heute. Dank dem sachgemässen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Ich vergleiche Pflanzenschutzmittel mit Medizin. Sie sind dafür da, die Pflanzen vor und bei Krankheit zu schützen. Und wenn man gerade bei der Medizin ist: Viele Medikamente wie z.B. Aspirin werden chemisch-synthetisch hergestellt, oft basierend auf genetisch veränderten Organismen, und viele Medikamente lassen sich im Wasser nachweisen – wo bleibt da der Aufschrei? Wer also gegen den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bei Pflanzen mobilisiert, der soll doch bitte konsequent sein und auch komplett auf Medikamente verzichten. 

Dann sind Pflanzenschutzmittel kein Problem?
Nicht bei sachgemässer Anwendung. Bei den Pflanzenschutzmittelrückständen liegen wir überall im Toleranzbereich. Das sieht bei anderen Substanzen ganz anders aus.

Was für Substanzen sprechen Sie da an?
Wie gesagt Medikamentenrückstände. Drogen. Hormone. Man vergisst, was in den letzten 20 Jahren passiert ist, um den Pflanzenschutz zu reduzieren, auch mit neuer Technologie. Es braucht keinen Aktionsplan Pflanzenschutz, der Bund würde besser einen Aktionsplan Viagra und Pille ins Leben rufen und die Probleme behandeln, die auch wirklich Probleme sind.

Was empfehlen Sie den Initianten der Trinkwasser-Initiative und anderen Kritikern der Schweizer Landwirtschaft?
Man würde den Bauernfamilien in der Schweiz besser einmal ein Kränzchen winden für das, was sie täglich leisten, um gesunde Lebensmittel herzustellen, und für die Landschaftspflege sowie  für den Tourismus, und man sollte sie als Teil der Schweizer Wirtschaft sehen. Man sollte den Landwirten einmal dafür gratulieren, was umwelttechnisch bis jetzt schon gemacht worden ist und dafür, dass man jeden Tag besser wird, anstatt sie tagtäglich für Probleme verantwortlich zu machen, die eigentlich gar keine Probleme sind. Genauso wie Unternehmen auf Nachhaltigkeit achten, macht das auch jeder verantwortungsvolle Landwirt; er will seinen Hof gesund seinen Nachfolgern übergeben. Er will sich genauso wenig wie jeder Unternehmer von aussen sagen lassen, wie er sein Geschäft zu betreiben hat. Als Landwirt darf man stolz darauf sein, was man macht, man sollte Kritiker auf den Hof einladen und sich nicht kleinmachen lassen.

Kommen wir noch einmal kurz auf das Unternehmertum zurück. Was muss man als Unternehmer können?
Produzieren, was der Markt will. Buchhaltung und die Produktion im Griff haben. Vorwärtsdenken und sich anpassen können. In unseren Ausbildungen sollten die Jungen zu Unternehmern geformt werden.

Werden sie das?
Früher wurden wir mehr auf Produktion geformt, die Extensivierung wurde nicht so intensiv behandelt. Heute ist das umgekehrt. Ich finde, den Fokus sollte man wieder vermehrt auf die Produktion legen.

Was empfehlen Sie einer jungen Person, die Unternehmer werden will?
Eine gute Ausbildung zu machen, verschiedene Dinge anzuschauen und den Horizont zu erweitern. Jeder Betrieb muss individuell und für sich selbst ein Betriebskonzept festlegen. Es gibt x Ausrichtungen dazu, was man machen kann. Die Grösse spielt dabei überhaupt keine Rolle. Es ist alles eine Frage der Wertschöpfung. 

Zur Person

Fernand Andrey (42) aus Pierrafortscha FR, verheiratet, Vater von zwei Kindern, landwirtschaftliche Ausbildung in Grangeneuve. Betriebsgemeinschaft mit fünf weiteren Landwirten, Fokus Mutterkuhhaltung (Black Angus, 250 Kühe) und Ackerbau, Inhaber beziehungsweise Mitinhaber einer Transport AG und einer Lohnunternehmen AG. 


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