6.09.2017 14:24
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Bundesrat
Aktionsplan Pflanzenschutz
Die Risiken sollen halbiert und Alternativen zum chemischen Pflanzenschutz gefördert werden. Dass sieht der Aktionsplan Pflanzenschutz vor, welcher der Bundesrat am Mittwoch verabschiedet hat. Die Schweizer Landwirtschaft soll so nachhaltiger positioniert werden.

Die Diskussion um die Pflanzenschutzmittel (PSM) bewegt derzeit die Gemüter. So wird über Rückstände von PSM in Gewässern, Böden und Nahrungsmittel diskutiert und welche Auswirkungen diese auf Mensch und Natur haben. Mit dem am Mittwoch verabschiedeten Aktionsplan will die Landesregierung klare Ziele definieren. Zusammengefasst sollen die PSM-Einträge in die Gewässer reduziert werden. PSM, die im Boden nur langsam abgebaut werden, sollen sparsamer eingesetzt werden.

Nicht nur Bauern gefordert

Insbesondere sollen weniger Pestizide in Gewässer und Böden gelangen. Hierzu werden rund 50 bereits bestehende Massnahmen ausgebaut und gleichzeitig neue eingeführt. «Wir sind auf gutem Weg, müssen aber noch weiter gehen», sagte Bernard Lehmann, Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW), vor den Medien in Bern. Gefordert sind aber nicht einzig die Bauern. «Alle Akteure stehen in der Pflicht», sagte Christian Leu, Leiter der Sektion Wasserqualität beim Bundesamts für Umwelt (BAFU). Verantwortung trügen auch die Hersteller von Pestiziden sowie die Detailhändler und Konsumenten.

Die umgesetzten Massnahmen reduzieren das Risiko und den Einsatz von PSM. «Doch diese reichen nicht aus, um die ambitiösen Ziele zu erreichen», schreibt der Bundesrat. Zum Schutz der Gewässer wird die Abschwemmung von PSM mit strengeren Anwendungsvorschriften vermindert werden. Mit modernen Spritzgeräten und mechanischer Unkrautbekämpfung soll eine zielgerichtete und emissionsarme Behandlung der Kulturen gefördert werden.

Ziele

Die Anwendungen von PSM mit besonderem Risikopotenziall werden bis 2027 um 30% gegenüber der Periode 2012-2015 reduziert. Die Emissionen von PSM, verursacht durch die verbleibenden Anwendungen, werden bis 2027 um 25% gegenüber der Periode 2012-2015 reduziert.

Weiterbildung

Die Züchtung von robusten Kultursorten wird ebenfalls vorangetrieben. In Weiterbildungskursen und durch die Beratung regelmässig über den neusten Wissensstand zum korrekten Umgang mit PSM aufgeklärt werden. Der Aktionsplan wird an neue Erkenntnisse angepasst werden. Mit der Stärkung der Forschung nach alternativen Pflanzenschutzmöglichkeiten und präziseren Anwendungstechniken wird eine weitere Reduktion der Risiken angestrebt. Ein erster Bericht in sechs Jahren wird zeigen, welche Fortschritte erreicht wurden und welche Massnahmen angepasst werden sollen.

Keine Lenkungsabgabe


Nicht im Aktionsplan enthalten ist die ursprünglich vom Bund vorgeschlagene Lenkungsabgabe für PSM, die im Vorfeld von der Industrie kritisiert worden war. Lenkungsabgaben würden in einem grösseren Zusammenhang bei der Diskussion zur Agrarpolitik 2022 wieder Thema sein, sagte BLW-Direktor Lehmann.

Auch keine direkte Erwähnung im Aktionsplan findet der umstrittene, aber in der Schweiz zugelassene Unkrautvernichter Glyphosat. «Mit den Direktzahlungen an Bauern, die einen herbizidarmen Einsatz von PSM verfolgen, wird das Mittel aber indirekt angesprochen», sagte BLW-Vizedirektorin Eva Reinhard. Die EU werde wohl im Oktober über den weiteren Umgang mit Glyphosat entscheiden.

Den Aktionsplan mit sämtlichen Massnahmen finden Sie hier

Ohne Pflanzenschutzmittel geht es nicht

Der Bundesrat hält aber fest, dass ein vollständiger Verzicht auf PSM in der Schweiz nicht möglich. Ohne Pflanzenschutz würde die Landwirtschaft «wesentlich» weniger produzieren, heisst es in der Mitteilung. Zudem seien die Anforderungen der Verarbeiter und des Handels so hoch, dass die Bauern wegen Qualitätseinbussen ihre Erzeugnisse mit PSM schützen müssten. Deshalb appelliert der Bundesrat auch an die Konsumenten, bei der Qualität, respektive der Ästhetik von Lebensmitteln toleranter zu werden und sich beim Kauf von Früchten und Weinen für Sorten zu entscheiden, welche weniger krankheitsanfällig sind, um den PSM-Verbrauch senken zu können. 

Kritik

Die Schweizer Agrarindustrie kritisiert in einer Mitteilung, dass der gesamte Aktionsplan den Nutzen des Pflanzenschutzes nicht genügend berücksichtigt. Der Plan müsste darlegen, wie regulatorische Rahmenbedingungen zu gestalten sind, um die notwendige Wirkstoffvielfalt für die Landwirtschaft zu erhalten: Ohne diese entsprechende Auswahl droht Resistenzbildung, so die Agrarindustrie.

Zudem würden Zielkonflikte ausgeblendet. Dem Ziel einer ressourceneffizienten Produktion sei Rechnung zu tragen: Eine zu weitgehende Extensivierung führe zu geringerer Flächenproduktivität, bei der die Emissionen von Treibhausgasen je Ertragseinheit steigen. Auch die zusätzliche Mechanisierung beim Verzicht auf Pflanzenschutzmittel bedeuten Mehrkosten für die Landwirte bei gleichzeitiger Verschlechterung der Energie- wie CO2-Bilanz im Anbau.

Die Industriegruppe Agrar umfasst folgende Mitglieder: BASF Schweiz AG, Bayer (Schweiz) AG, Leu+Gygax AG, Omya Schweiz AG Agro, Stähler Suisse SA und Syngenta Schweiz.

Einige der Massnahmen

Verzicht oder Teilverzicht auf Herbizide

Ab 2020 soll der Anbau mit Verzicht oder Teilverzicht auf Herbizide bei den Direktzahlungen gefördert werden. Im Rahmen bestehender Programme wird der Anbau ohne Fungizide und Insektizide gefördert (Extenso-Programme). Es sollen neu auch Programme zur Förderung des Anbaus ohne Herbizide oder mit reduziertem Einsatz von Herbiziden eingeführt werden.

Reduktion der Aufwandmenge durch blattflächenangepasste Dosierung

- Ab 2018 sollen die Bewilligungen von PSM für Indikationen im Obst-, Reb- und Beerenbau mit der Pflicht ergänzt werden, dass die Brühmenge an die zu schützende Blattfläche angepasst werden muss.
- Ab 2018 soll die blattflächenangepasste Dosierung in Raumkulturen in der Ausbildung und Beratung stärker gefördert werden.

Agroscope hat für Raumkulturen (Obst, Reben, Beeren) Methoden entwickelt, welche es erlauben, die Dosierung von PSM abhängig von der Grösse der zu schützenden Blattfläche zu bestimmen. Im Vergleich mit der noch weit verbreiteten Methode zur Bestimmung der Aufwandmenge, erlaubt diese Methode eine substanzielle Reduktion der angewendeten Brühmenge.

Reduktion der Anwendung von Fungiziden durch Anbau resistenter Sorten


Bis 2020 soll geprüft werden, wie der Anbau resistenter Kernobst-, Reb- und Kartoffelsorten und die Nachfrage nach den entsprechenden Produkten verstärkt werden kann.

Förderung emissionsarmer Spritzgeräte

Die Förderung von emissionsarmen Spritzgeräten über die Direktzahlungen soll verlängert werden.

Strengere Anwendungsvorschriften zur Reduktion der Abschwemmung

Heute wird ein 6 m bewachsener Pufferstreifen zu Oberflächengewässern in den Anwendungsvorschriften der Bewilligung verfügt, wenn das Abschwemmungsrisiko für Gewässerorganismen zu hoch ist. Damit kann der Eintrag um etwa die Hälfte reduziert werden. Für gewisse PSM kann mit einem 6 m Pufferstreifen das Risiko aber nicht ausreichend gesenkt werden. Deshalb sollen bei der Zulassung weitere risikomindernde Massnahmen verfügt werden.

Mögliche Massnahmen sind: 

- Begrünung der Fahrgassen
- Begrünung zwischen den Reihen inkl. Vorgewende
- Konservierende Bodenbearbeitung
- Pufferstreifen grösser als 6 m

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE