26.01.2014 09:31
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Silber
Aufschrei beim Gold - Schweigen beim Silber
Die Schweiz ist eine Drehscheibe im Goldhandel, deshalb interessiert auch die Herkunft des Goldes. Beim Silber hingegen schaut die Öffentlichkeit weg.

Die Sonne blendet den Goldschmied im Berner Kirchenfeldquartier. Jörg Eggimann sitzt an einer Werkbank und biegt ein Silberstäbchen zu einem Ring. Dann misst er den Durchmesser, rümpft die Nase und sagt: «Zu gross.» Mit einer Säge schneidet er ein Stückchen Silber aus dem Ring und nimmt es zwischen Daumen und Zeigefinger. «Ich kann mir nicht leisten, Material zu verschwenden», sagt er.

Eggimann besitzt ein rares Gut: fair gehandeltes Silber. In der Schweiz ist er einer von wenigen, die damit schmieden. Er kauft das Silber von einem deutschen Geologen, der es im Rahmen eines Entwicklungsprojektes aus Bolivien bezieht.

Mediale Aufmerksamkeit liegt auf Gold

Im Vergleich zu den Abbaumethoden beim Gold ist die Herkunft des Silbers kaum ein Thema in der Öffentlichkeit. «Die mediale Aufmerksamkeit richtet sich vor allem auf Gold aus dem Kongo», sagt Christoph Wiedmer, Geschäftsführer der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), welche die Kampagne «No dirty gold» führt.

«Mit solchem Gold werden teilweise Konflikte finanziert», sagt er. Da es im Gebiet der Grossen Afrikanischen Seen kaum Silbervorkommen gibt, wird Silber von den meisten Nichtregierungsorganisationen nicht als Konfliktmineral eingeschätzt.
Ein weiterer Grund für den Fokus auf Gold ist der Kleinbergbau: Um nach Gold zu suchen, dringen die Bergbauleute tief in den Urwald ein. «Dabei entstehen enorme Umweltschäden», sagt Wiedmer. Da Silber rund 60 Mal weniger Wert ist als Gold, lohnt sich Kleinbergbau nicht.

Dennoch gibt es auch beim Silber Probleme: «Die gleichen Firmen, die Gold abbauen, fördern oft auch Silber», sagt Wiedmer. Denn reine Silberminen gibt es nur wenige, da das Edelmetall meist als Nebenprodukt beim Blei-, Kupfer- und Goldabbau anfällt. Am meisten Silber stammt aus Mexiko, China und Peru.

Glencore Xstrata erntet Kritik

Die GfbV wirft einzelnen Firmen vor, gegen die Menschenrechte zu verstossen. In einem im Dezember veröffentlichten Bericht beschuldigt die GfbV mehrere Rohstofffirmen, peruanische Polizisten für Einsätze gegen Demonstranten zusätzlich zu entlöhnen. «Jeder Polizist erhält vom Minenbetreiber einen Bonus, wenn er aufgeboten wird.» Dies trage nicht zu einer friedlichen Lösung bei.

Auch der Schweizer Rohstoffkonzern Glencore Xstrata zahle vermutlich solche Prämien, sagt Wiedmer: «Wir wissen, dass ein solcher Vertrag existiert, kennen aber den genauen Wortlaut nicht.» Der Konzern mit Sitz in Zug betreibt in Peru die Tintaya-Kupfermine, wo auch Silber abgebaut wird. Vor eineinhalb Jahren starben bei Protesten drei Menschen.

Am Glencore-Xstrata-Hauptsitz in Baar nimmt man die Vorwürfe ernst. Man habe in Tintaya nie Demonstrationen unterbinden wollen, heisst es auf Anfrage. Im Gegenteil: «Wir verurteilen Gewalt und respektieren die Menschenrechte unserer Angestellten und der lokalen Bevölkerung.»

Kleinere Betriebe als Umweltsünder


Nebst Menschenrechtsorganisationen kritisieren auch Umweltschützer die Minenbetreiber, denn je nach Abbaumethode werden giftige Chemikalien eingesetzt. Bei der Goldgewinnung etwa - wo Silber als Nebenprodukt anfällt - werden Zyanid und Quecksilber verwendet. In den meisten Fällen respektierten die Grosskonzerne die Umweltvorgaben, sagt der deutsche Professor Hermann Wotruba, der die Abteilung Aufbereitung mineralischer Rohstoffe an der Technischen Hochschule Aachen leitet: «Die Multis können sich keine negativen Schlagzeilen leisten. Das wirkt sich auf den Aktienkurs aus.»

Die Umweltsünder macht Wotruba anderswo aus: «Schlimmer für die Umwelt sind mittelgrosse Betriebe in Entwicklungs-und Schwellenländern.» Hier schaue die Öffentlichkeit kaum hin.

Richtlinien gelten nicht für Silber

Während der Handel mit Gold in den letzten Jahren transparenter geworden ist, bleibt beim Silber vieles im Dunkeln. So gibt es beim Gold inzwischen internationale Richtlinien und Labels, die den Abbau, die Aufbereitung und den Transport des Edelmetalls regeln. Wegweisend sind dabei etwa die Zertifikate der britischen Organisation Responsible Jewellery Council (RJC) oder die OECD-Richtlinien zu Konfliktmineralien. Bei all diesen Verträgen fällt auf: Sie gelten nicht für Silber.

Bei der Menschenrechtsorganisation Erklärung von Bern (EvB) bedauert man dies, will aber selber nicht aktiv werden. «Das Thema ist zweifellos auch wichtig, die Schweiz spielt beim Silber jedoch keine so bedeutende Rolle wie beim Gold», sagt etwa EvB-Sprecher Oliver Classen. «Wir bündeln unsere Ressourcen dort, wo in der Schweiz politisch etwas bewirkt werden kann.»

Beim Bund tönt es ähnlich. «Wir wollen mit unserer wirtschaftlichen Entwicklungszusammenarbeit eine Hebelwirkung erzielen», sagt Hans-Peter Egler. Er leitet das Ressort Handelsförderung im Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO). Die Goldgewinnung könne die Schweiz stärker beeinflussen als den Silberabbau. «In Peru gehen beispielsweise rund 40 Prozent des abgebauten Goldes in die Schweiz», erklärt Egler, der sich auf peruanische Angaben beruft. Beim Silber sei es weniger als ein Prozent.

Herkunft unbekannt

Insgesamt wurden in der Schweiz 2012 rund 2300 Tonnen Silber eingeführt - mengenmässig etwa gleich viel wie Gold. Während dies beim Silber weniger als zehn Prozent des weltweit verfügbaren Silbers ausmachte, war es beim Gold etwa die Hälfte.

Woher die Edelmetalle kommen, ist unklar, denn in der Schweiz gibt's für die letzten Jahrzehnte keine statistischen Angaben zu den Ursprungs- und Bestimmungsländer. In der Zollstatistik erschien für Silber und Gold nur die Gesamtmenge. Diese Verschwiegenheit stammt aus den Achtzigerjahren, als südafrikanische Goldminen vom Apartheid-Regime kontrolliert wurden. Kritiker sagen, Banken und Raffinerien hätten dank dieser Verschleierung das Handelsembargo für südafrikanische Edelmetalle umgehen können.

Schweiz kippt Entscheid aus Apartheid-Zeit

Eine Woche nach dem Tod des südafrikanischen Freiheitskämpfers Nelson Mandela hat der Bundesrat im Dezember entschieden, die Ein- und Ausfuhr von Gold und Silber im laufenden Jahr wieder nach Ländern aufzuschlüsseln. Die Schweiz leiste damit einen Beitrag zur Transparenz im Edelmetallhandel, teilte die Regierung mit.

Im Berner Kirchenfeld-Quartier streicht Goldschmied Eggimann eine weisse Paste auf den Ring und hält ihn mit einer Zange ins Feuer. Als er ihn kurz in eine Plastikschüssel mit Wasser taucht, zischt es. Er hämmert nun mit regelmässigen Schlägen auf den Ring und sagt: «Vielleicht muss ich ihn nochmals aufsägen.»

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