8.01.2018 18:24
Quelle: schweizerbauer.ch - ral
Bern
Avenir Suisse will mehr Freihandel
Avenir-Suisse-Direktor Peter Grünenfelder zeigte Mut. Er kritisierte die Agrarpolitik, die zu vielen Fehlinvestitionen, und forderte echten Freihandel. Erst damit würden die Bauern wieder auf einen grünen Zweig kommen.

Robert AlderPeter Grünenfelder brauchte klare Worte. Er provoziere gerne, sagte er. Am Podium Berner Landwirtschaft im Schlossgutsaal in Münsingen erhielt er die Plattform dazu. Er nutzte sie. Ein wahres Sperrfeuer liess der Avenir-Suisse-Direktor auf seine Zuhörer prasseln.

Die Bauern hätten eine zu hohe Verschuldung,  eine ineffiziente und zu teure Infrastruktur, das seien Fehlinvestitionen. Die Arbeitsbelastung bleibe dennoch gleich hoch und die Direktzahlungen pro Stunde nähmen zu.  Trotzdem kämen die Bauern auf keinen grünen Zweig. Die Zeche zahle der Steuerzahler.

Faire Wertschöpfung

Nicht genug: Auch die vor- und nachgelagerten Bereiche bekamen ihr Fett ab. Sie würden die Bauern nur als «Durchlauferhitzer» benutzen, Fenaco und der Schweizerische Bauernverband seien personell überdotiert und die Detailhändler würden zu hohe Margen bis 40 Prozent einstreichen. «Die Wertschöpfung muss fairer verteilt werden», betonte er.

Dabei brauche es Freihandel und Marktöffnung durch einen gestaffelten Zollschutzabbau statt abgeschottete Grenzen. Interessenkartelle seien zu durchbrechen, und mit einer radikalen Deregulierung müsse ein  rasches Angleichen an europäische Standards erreicht werden. Davon würden die Bauern profitieren. Österreich sei das Beispiel. «Wir haben eine Reformblockade», stellte er fest.

Gegenargumente von Fenaco-Geschäftsleitung

Das Gehörte galt es ins rechte Licht zu rücken. Das jedenfalls fanden die Podiumsteilnehmer. «Das ist schon etwas schwierig nachzuvollziehen. Der Vergleich hinkt massiv.» Die effektive Handelsmarge der Migros Aare liege bei 2,1%, machte Reto Sopranetti, Leiter Direktionsbereich Supermarkt klar. Die Wettbewerbssituation habe deutlich zugenommen und sei vergleichbar mit jener Europas. Nur: Auch diese Zahlen haben Interpretationsbedarf.

Auch Martin Keller, Vorsitzender der Fenaco-Geschäftsleitung, hatte Gegenargumente bereit. «Die Marge zeigt nach unten. Von den Avenir-Suisse-Geldgebern ist mit Sicherheit keiner mit solchen Zahlen zufrieden. Und trotzdem: Wir arbeiten seit 25 Jahren profitabel.» Und im Fenaco-Vorstand seien aktive  Bauern gut vertreten.  Damit sprach Keller die von Grünenfelder kritisierte einseitige und undurchsichtige Governance, die Unternehmensleitung, an.

Gegenseitig abhängig

«Wir haben im Winter 91 Mitarbeitende, meist Landwirte, die an den Skiliften und auf den Pisten arbeiten. Wir investieren 1 Million Franken an Bergschaften. Die Abhängigkeit ist bei uns gegenseitig», betont Urs Kessler, CEO der Jungfraubahnen. «Aber wir haben es gewagt, in neue Bereiche vorzustossen. Etwa in die Gastronomie, wo wir den Verkauf von regionalen Produkten fördern.»

Der Luzerner Jakob Lütolf geht mit Grünenfelder in einem Punkt einig. Die derzeitige Agrarpolitik sei nicht zielführend und der Landwirtschaftskuchen müsste neu aufgeteilt werden. «Aber ich habe den Eindruck, Avenir Suisse möchte die Schweiz von der Landwirtschaft befreien. Sie täte gut daran, mehr von der Schweizer Kaufkraft, statt nur von ausgegebenen Franken, zu reden.»

Potenzial erkennen

Und wie sieht Mut zu mehr Markt konkret aus? Da gibt es wohl noch Luft nach oben. Urs Kessler appelliert an langfristiges und zielorientiertes Denken. «Wir können unsere Berge nicht woandershin versetzen.» Es  sei wichtig, zu erkennen, wo es noch Potenzial gebe. Die Jungfraubahnen hätten sich auf den asiatischen Raum fokussiert. «So bringen wir heute eine Million Touristen in die Region.

Und auch der Schoggi-Egge floriert», so Kessler. Martin Keller führt das Schweizer Ei an, das trotz Preisfaktor 1:2 den Verkaufsanteil von 50 auf 60 Prozent habe steigern können. «Das sind echte Erfolgsgeschichten, die dem Schweizer Bauern etwas bringen.» Man müsse dem Konsumenten die Wahlfreiheit lassen, ob er ein brasilianisches Steak essen wolle, warf Grünenfelder ein. Da meldete sich Nationalrat Andreas Aebi: «Aber Brasilien hat Produktionsmöglichkeiten im Faktor 1:500. Und wenn Sie nach offenen Grenzen mit Indonesien rufen, heisst das dann Palmöl statt hiesiges Rapsöl.»

 

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE