26.01.2015 14:16
Quelle: schweizerbauer.ch - Susanne Künsch
Luzern
Bauern bangen um die Existenz
Die geplanten Massnahmen zum Hochwasserschutz und zur Renaturierung der Reuss stossen auf Kritik. Mehrere Bauernbetriebe stehen vor einer ungewissen Zukunft und wollen sich gegen den Landverlust zur Wehr setzen.

Auf dem rund 13 Kilometer langen Abschnitt zwischen Emmenbrücke und der Kantonsgrenze von Zug soll die Reuss umfassend saniert und renaturiert werden. Das 167 Millionen teure Generationenprojekt wurde vor zwei Wochen in die Vernehmlassung geschickt. Neben 37 Hektaren umgenutzte Flächen beträgt der Landverbrauch je 28 Hektaren Wald- und Landwirtschaftsfläche. Von den insgesamt 31 vom Landverlust betroffenen Landwirtschaftsbetrieben trifft es einige besonders hart.

Keine Notwendigkeit

Kaspar Kretz im luzernischen Honau ist einer dieser Bauern. Er müsste auf 5 Hektaren bestes Weide- und Ackerland am Flussufer der Reuss verzichten. «Bis anhin haben wir uns mit dem Hochwasser arrangiert, wir sind damit aufgewachsen, im Normalfall läuft das Wasser nach zwei bis drei Tagen wieder ab», sagt er und sieht keine Notwendigkeit für einen so hohen Landverschleiss, denn die Reuss hat seiner Meinung nach im Gebiet zwischen Gisikon und Honau genügend Platz.

«Sollte das Projekt wie geplant durchgeführt werden, muss ich meinen Biobetrieb mit 2000 Legehennen aufgeben und wieder bei null anfangen», sagt Alois Lötscher aus Gisikon. Auch ihm droht ein Landverlust von rund sechs bis sieben Hektaren und damit unter anderem die nötige Weidefläche für seine Hühner. «Ich habe mir diesen Betrieb in den letzten dreissig Jahren aufgebaut, und die Nachfolge ist mit meinem Sohn auch bereits geregelt», so der 59-jährige Lötscher. Er will sich zur Wehr setzen.

Realersatz praktisch ausgeschlossen

Wie die betroffenen Bauern entschädigt werden, ist weiterhin offen. «Realersatz schliesse ich aus, denn es fehlen schlichtweg die nötigen Landreserven», sagt etwa Kaspar Kretz. Für beide Bauern steht fest: Ihr Land, die Grundlage ihrer Existenz, wollen sie nicht so einfach hergeben. Unklar ist, wo sie den Hebel ansetzen sollen, denn ausser einer Bestandsaufnahme eines Kantonsvertreters auf dem Hof wurden die betroffenen Betriebe bis anhin nicht weiter informiert.

«Wir haben keine konkreten Informationsgrundlagen und wissen nicht, wie es weitergeht», kritisiert etwa Kaspar Kretz und will vorerst die öffentliche Informationsveranstaltung der zuständigen Dienststelle Verkehr und Infrastruktur in den betroffenen Gemeinden abwarten. «Nachdem nun alle anderen informiert sind, sind wir als Betroffene zum Schluss an der Reihe», hält Kretz empört fest.  

Kanton unter Zugzwang

Enttäuscht über das Vorgehen des Kantons zeigt sich auch Stefan Heller, Präsident des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverband LBV. Dass der Bauernverband als Begleitkommission erst zum Schluss miteinbezogen worden ist, stösst bei ihm auf Unverständnis. «In einer frühen Phase der Projektierung wären Anpassungen noch möglich gewesen.» Grundsätzlich bezeichnet Heller das Hochwasserschutzprojekt als richtig und wichtig, aber nur in Gebieten, wo es auch Sinn mache. «Der Kanton Luzern muss ein finanzierbares Projekt vorlegen mit einer hohen Bundesbeteiligung, dies bedingt, dass er die Auflagen des Bundes erfüllt.» Ob die Bundesgesetzgebung diesbezüglich richtig sei, bezweifelt Heller.

Chancen für die Bauern sieht er trotzdem, etwa durch die geplante Rekultivierung von Landwirtschaftsland durch Humus, der bei der Umgestaltung der Reuss anfällt. «Aufgabe des LBV ist es nun, die betroffenen Landwirte zu begleiten, als Einheit aufzutreten und klare Forderungen zu stellen.» Gemäss Regierungsrat Robert Küng, Vorsteher des Bau-, Umwelt- und Wirtschaftsdepartements, wird frühestens in vier Jahren mit einer rechtskräftigen Baubewilligung gerechnet. Erst dann erfolgen konkrete Verhandlungen um Landerwerb.  

Wie sich das Grossprojekt in seiner Schlussfassung präsentieren wird, wird sich in den nächsten Jahren definitiv zeigen, denn gemäss Kanton Luzern soll der erste Spatenstich in frühestens 17 Jahren erfolgen

Das Projekt

Das Hochwasser entlang der Kleinen Emme und der Reuss richtete im Jahr 2005 Schäden in Höhe von 345 Millionen Franken an. Um dies künftig zu verhindern, will der Kanton Luzern auf einer rund 13 Kilometer langen Strecke zwischen Emmenbrücke und der Kantonsgrenze Zug durch den Ausbau des Hochwasserschutzes  die Abflusskapazität der Reuss erhöhen. Zudem werden weite Strecken des Flusses durch Aufweitungen renaturiert und neue Erholungsräume für die Bevölkerung geschaffen. Die Kosten betragen gemäss heutigen Berechnungen 167 Millionen Franken. Die Verantwortlichen rechnen mit einer  Kostenbeteiligung des Bundes von 80%, die restlichen 20% werden auf den Kanton und die Gemeinden aufgeteilt. Der Baubeginn ist auf das Jahr 2020 angesetzt, die Bauzeit soll elf Jahre betragen. sku

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE