29.01.2016 10:40
Quelle: schweizerbauer.ch - blu/sda
Freihandel
«Bauern dürfen Wirtschaft nicht im Weg stehen»
Es kann nicht sein, dass die Bauern der gesamten Schweizerischen Wirtschaft im Weg stehen. Das ist der Tenor, mit dem sich Martin Naville von der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer zum geplanten Freihandelsabkommen zwischen Europa und den USA (TTIP) äussert.

Sollte das Freihandelsabkommen mit dem Titel «Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft», kurz TTIP, zustande kommen, dann stünden die Schweizerischen Bauern auf der Verliererseite.

Bauern verantworten 0,7 Prozent der Wirtschaftsleistung

Die klein strukturierte Schweizerische Landwirtschaft würde der Konkurrenz zu den Grossbauern in der EU und den USA ausgesetzt. Derzeit werden die hiesigen Bauern mit protektionistischen Massnahmen vor dieser Konkurrenz geschützt. «Wir werden künftig nicht mehr in der Lage sein, inländische Produkte mit massiven Subventionen und Importzöllen zu schützen», sagte Martin Naville, Geschäftsführer der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer im Interview gegenüber der Zeitung «Nordwestschweiz».

Sein Argument ist, dass die hiesigen Bauern für lediglich 0,7 Prozent der Schweizer Wirtschaftsleistung stehen. «Es kann nicht sein, dass eine so kleine Gruppe dem Rest der Wirtschaft im Weg steht», sagte Naville. Die Schweiz könne nicht auf allen Märkten der Welt gleichberechtigten Marktzugang für Maschinen und alles andere verlangen, aber ihre Landwirtschaft abschotten.

Naville fordert Strukturreform

Naville forderte deshalb eine langfristig ausgerichtete Strukturreform der Schweizerischen Landwirtschaft. «Auch für die Bauern sind Spezialisierung, Effizienzsteigerung und hochwertige Produkte der richtige Weg.» Dass sich die Landwirtschaft in ihrer heutigen Struktur erhalten könne, sei illusorisch. Der heutige Schutz über Zölle und Subventionen sei kurzfristig.

Früchte, Fleisch und Gemüse sollen von dort kommen, wo sie am effizientesten produziert werden, hält Naville fest. "Der Konsument soll entschieden, ob er lieber spanische oder Schweizer Erdbeeren hat", betont er. Als positives Beispiel hebt er den Käse hervor. "Was die Landwirtschaft in den letzten zwanzig Jahren zum Beispiel beim Käse erreicht hat, ist fantastisch", sagt Naville.

Schweiz könnte bei TTIP "nur" andocken

Der Direktor der Handeslkammer empfiehlt den Bauern, Reformen jetzt anzustossen und nicht erst, wenn es zu spät ist. Er fordert dafur auch finanzielle Unterstützung für die Bauern. Er sei aber auch klar, dass dieser Prozess nicht einfach werde.

Diese Äusserungen stehen vor dem Hintergrund, dass die EU und die USA seit Sommer 2013 über das Freihandelsabkommen TTIP verhandeln. Laut Naville begrüssten 56 Prozent der Europäer dieses Abkommen, 28 lehnten es ab. Die Schweiz als Nicht-Mitglied der EU habe lediglich die Möglichkeit, an diese Abkommen «anzudocken»: «Der Vertrag als solcher ist à prendre ou à laisser», sagte Naville.

Gleich lange Spiesse

Doch der Geschäftsführer der Handelskammer plädierte entschieden dafür, dass sich die Schweiz dem Abkommen anschliesst: «Wenn es eine transatlantische Handelszone gibt, müssen wir dazugehören. Unsere Firmen brauchen gleich lange Spiesse.» Dies gelte nicht zuletzt, weil «mehr als zwei Drittel unserer Exporte in die EU und die USA gehen. Vier Fünftel unserer Importe stammen aus diesem Raum.»

Wenn die Schweiz abseits stehe, würden Schweizer Firmen in der EU und in den USA auf breiter Front benachteiligt. Naville fügt höhere Zölle beim Export und höheren bürokratischen Aufwand bei der Zulassung und Dokumentation von Produkten als Gründe an. "Wir würden in eine unmögliche Bittsteller-Position geraten", mahnt Naville.

Bereits 2006 hatte sich der Bundesrat gegen Freihandelsverhandlungen mit den USA gestellt, bereits damals auch wegen des absehbaren Widerstands der Bauern.

Zur Person

Martin Naville aus Küsnacht (ZH) ist Jurist und seit 2004 Geschäftsführer der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer. Diese vertritt die wirtschaftspolitischen Interessen von 2200 Schweizer- und US-Firmen. az

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