30.10.2015 06:16
Quelle: schweizerbauer.ch - Michael Wahl, lid
GVO
Bauern wollen «GVO-frei» ausloben
Die Schweizer Bauern setzen freiwillig auf GVO-freie Futtermittel. Ausloben könnten sie dies wegen strenger Gesetze aber nicht, beklagen sie. Nun fordern sie eine Regelung wie im Ausland.

Darf Milch mit dem Hinweis "Ohne Gentechnik hergestellt" angepriesen werden, wenn sie von Kühen stammt, die zwar GVO-freie Soja gefressen haben, das Kraftfutter aber Vitamine enthielt, die mit Hilfe von GVO hergestellt wurden? Nein, sagt der Bundesrat.

SBV: Regelung zu strikt

Eine entsprechende Auslobung sei nur dann zulässig, wenn vollständig auf die Anwendung von Gentechnik verzichtet werde. Das war bereits in der Vergangenheit so und soll gemäss "Lebensmittel- und Gebrauchsgegenständeverordnung" weiterhin so bleiben. Diese befindet sich noch bis Ende Oktober als Teil der revidierten Lebensmittelgesetzgebung in der Vernehmlassung.

Für den Schweizer Bauernverband ist diese Vorschrift zu streng. Er stört sich am "vollständigen Verzicht auf Gentechnik". Eine solch strikte Regelung verunmögliche es, die Schweizer Landwirtschaft als GVO-frei auszuloben. Grund: Gewisse Futtermittelzusätze – Vitamine, Enzyme, Aminosäuren – würden heute fast nur noch mit Hilfe von gentechnisch veränderten Mikroorganismen hergestellt. Die Futtermittel seien dennoch frei von GVO, betont der Bauernverband in seiner Vernehmlassungsantwort.

GV-freie Fütterung verursacht Mehrkosten

Der bundesrätliche Vorschlag ärgert die Bauern, weil sie heute freiwillig auf GVO-Futter verzichten. Laut Bauernverband setze die hiesige Landwirtschaft so konsequent auf GV-Freiheit wie in keinem anderen Land. So landet in Schweizer Futtertrögen beispielsweise ausschliesslich herkömmliche Soja. Diese ist aufwändiger zu beschaffen, weil sie weltweit immer weniger angebaut wird – und deshalb teurer ist als gentechnisch veränderte Soja.

Auf rund 35 Mio. Franken schätzt der Bauernverband die Mehrkosten der GVO-freien Fütterung. Gerne würden die Bauern dies auch kommunizieren und Milchprodukte, Eier und Fleisch als GVO-frei bewerben – so wie es beispielsweise in Deutschland mit dem Label "Ohne Gentechnik" seit einigen Jahren gemacht wird. "Die Schweizer Bauern fühlen sich durch die überaus strenge Auslegung der Gesetzgebung gegenüber dem Ausland benachteiligt", beklagt Thomas Jäggi vom Schweizer Bauernverband.

Von einer "Ohne Gentechnik hergestellt"-Kennzeichnung versprechen sich die Bauern ein Plus bei der Vermarktung ihrer Lebensmittel. Denn die Schweizer Bevölkerung ist gegenüber GVO äusserst kritisch eingestellt, wie Umfragen immer wieder zeigen. Auch will man sich gegenüber tierischen Produkten aus dem Ausland abgrenzen, die hierzulande verkauft werden und die oft von Tieren sind, die genveränderte Futtermittel gefressen haben.

GVO: Teilverzicht darf nicht ausgelobt werden

Der Bund hatte 2014 im Rahmen der Revision der "Verordnung über gentechnisch veränderte Lebensmittel" erwogen, die Auslobung eines teilweisen GVO-Verzichts zu erlauben. Lebensmittel hätten damit mit dem Hinweis "Produktion ohne gentechnisch veränderte Futterpflanzen" gekennzeichnet werden dürfen. Der Bauernverband hatte eine solche Regelung begrüsst. Denn sie hätte einerseits erlaubt, die Fütterung mit GVO-freier Soja auszuloben; andererseits wäre der Einsatz von Futtermittelzusätzen, die mit Hilfe von GVO produziert werden, erlaubt gewesen.

Dieser Vorschlag des Bundes stiess bei vielen anderen Organisationen jedoch auf grosse Skepsis. Kritisiert wurde unter anderem, dass der Teilverzicht nur schwer überprüft werden könne und von Konsumenten nicht verstanden würde. Der Bund sah deshalb von einer Lockerung ab und entschied sich dafür, dass der "Ohne Gentechnik hergestellt"-Hinweis nur auf Lebensmittelverpackungen stehen darf, wenn vollständig auf GVO verzichtet wird.

Emmi würde Änderung begrüssen - Migros will keine

Sich von anderen Produkten abzuheben ist auch für Emmi wichtig. In Deutschland bewirbt der Schweizer Milchverarbeiter deshalb Produkte mit dem Label "Ohne Gentechnik". Ein solcher Hinweis sei wichtig, weil in Deutschland – anders als in der Schweiz – eine GVO-freie Fütterung nicht Standard sei, sagt Esther Gerster von Emmi. Auch hierzulande würde die Luzerner Molkerei gerne ihre Milchprodukte ausloben. "Emmi würde es begrüssen, wenn sich die Regelung in der Schweiz an die EU-Richtlinie angeglichen würde. Das wäre einfacher", so Gerster.

Die Migros hingegen unterstützt die harte Haltung des Bundesrates. Man habe zwar Verständnis für das Anliegen des Bauernverbandes, von einer Lockerung will der Detailhändler aber nichts wissen. Man sei generell gegen eine verstärkte Auslobung der GVO-Freiheit auf dem Produkt, erklärt Migros-Sprecherin Martina Bosshard.

"Zudem können sich aus unserer Sicht die Konsumentinnen und Konsumenten getäuscht fühlen, wenn bei einem mit ‚ohne Gentechnik hergestellt' deklarierten Produkt irgendwo in der Wertschöpfungskette doch GVO zum Einsatz kamen." Die Vorteile der Schweizer Landwirtschaft sollten so kommuniziert werden, dass Hinweise auf den Produkten überflüssig seien.

Deutschland: Weniger strenge Regeln bei "Ohne Gentechnik"

Anders als in der Schweiz sind in Deutschland Lebensmittel mit dem Etikett "Ohne Gentechnik" allgegenwärtig. Möglich macht dies eine etwas weniger strenge Gesetzgebung. Gentechnisch veränderte Pflanzen in den Futtermitteln sind zwar nicht erlaubt; Vitamine, Enzyme und Aminosäuren, die mit Hilfe von GVO produziert wurden, sind aber gestattet. Als einen "gelungenen Balanceakt" bezeichnet dies Alexander Hissting, Geschäftsführer des Verbands "Lebensmittel ohne Gentechnik e. V. (VLOG)".

Die deutsche Gesetzgebung komme einerseits den hohen Erwartungen der Konsumenten an eine möglichst weitgehende gentechnikfreie Produktion entgegen, andererseits berücksichtige sie die Praxistauglichkeit für die Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion. Die "Ohne Gentechnik"-Kennzeichnung wurde in Deutschland im Jahr 2008 geregelt. Zwei Jahre später haben Akteure aus Handel, Verarbeitung und Produktion den "Verband Lebensmittel ohne Gentechnik e. V. (VLOG)" ins Leben gerufen.

Dieser vergibt das Siegel "Ohne Gentechnik". Der Verband zählt 304 Mitglieder und Lizenznehmer mit einem Gesamtjahresumsatz von 153 Milliarden Euro (165 Mrd. Fr.). Über 2'000 Lebensmittel tragen derzeit das "Ohne Gentechnik"-Logo. Laut Geschäftsführer Hissting stammen mittlerweile fast alle Schaleneier, die im deutschen Detailhandel verkauft werden, aus einer gentechnikfreien Fütterung. In Bayern werde rund ein Viertel der Milch ohne GVO produziert, in ganz Deutschland seien es etwa 10 Prozent.

Futtermittelzusätze: GVO-Einsatz weit verbreitet

Futtermitteln werden Zusätze wie beispielsweise Vitamine oder Aminosäuren beigemischt, die für die Tiergesundheit wichtig sind. Produziert werden diese Hilfsstoffe meist mit gentechnisch optimierten Mikroorganismen. "Dies ermöglicht es, aufwändige chemische Synthesen über mehrere Zwischenstufen durch einen einfachen Biotech-Prozesss zu ersetzen", erklärt Jan Lucht vom Chemie- und Pharmaverband Scienceindustries.

Die Vorteile davon: Deutlich tiefere Herstellungskosten, geringerer Ressourcenverbrauch und eine kleinere Umweltbelastung. "Aufgrund der klaren wirtschaftlichen und ökologischen Vorteile hat sich in vielen Fällen die biotechnologische Produktion von Futtermittel-Zusatzstoffen mit Hilfe von GVO durchgesetzt und die herkömmlichen Verfahren weitgehend verdrängt", so Lucht.

Käufer von ohne GVO produzierten Zusatzstoffen müssten sich auf Zertifikate der Hersteller verlassen, was vor allem bei Lieferanten aus weit entfernten Kontinenten ein "grosses Mass an Vertrauen" erforderte. "Oft ist es nicht möglich, eine eindeutige Garantie für eine Herstellung der Zusatzstoffe ‚ohne Gentechnik' zu erhalten", erklärt Lucht. Auch wenn GVO bei der Produktion von Vitaminen, Enzymen und Aminosäuren zum Einsatz kämen, seien die Futtermittelzusätze frei von GVO, betont Biotechnologie-Experte Lucht.

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