20.05.2019 07:30
Quelle: schweizerbauer.ch - ral
Bern
Chancen bieten, einen Job zu finden
Die Landwirtschaft ist auf ausländische Hilfskräfte angewiesen. Der Berner Bauernverband bot Flüchtlingen einen Schnuppernachmittag auf einem Gemüsebaubetrieb an. Knapp 20 Interessierte kamen.

«Gemüse anbauen, wie wir das machen, bedeutet viel Handarbeit. Wir brauchen Arbeitskräfte, die uns dabei unterstützen», sagt Beat Bösiger, Inhaber der Bösiger Gemüsekulturen AG in Niederbipp.

Rund 20 dunkle Augenpaare sind auf ihn gerichtet. Teils mit fragenden Blicken lauschen Asylsuchende, fast alle aus Eritrea, seinen Worten und der Präsentation von Karin Oesch, Bildungsverantwortliche beim  Berner Inforama. «Wer von euch hat zu Hause Tiere? Wollt ihr länger hier bleiben oder schnell Geld verdienen?» fragt sie. Die Antworten kommen zaghaft. Bald wird klar, die Sprachkenntnisse in Deutsch sind unterschiedlich. Entsprechend schwierig ist es zu verstehen, was eine einjährige Vorlehre Integration bedeutet.

Interesse ausloten

Matthias Grünig, Bereichsleiter Versicherungen und Personaldienstleistungen beim Berner Bauernverband BEBV, betont, dass die Strategie der Berner sich unterscheide vor jener des Schweizerischen Bauernverbandes. Der SBV habe Betriebe gesucht, die bereit seien, Flüchtlinge zu beschäftigen. Der BEBV wollte den Asylsuchenden zuerst zeigen, wie die Arbeit in der Landwirtschaft aussehe und so jene finden, die in dieser Branche einsteigen wollten.

«Die Chancen, dass jemand an diesem Schnuppernachmittag, den wir zusammen mit Caritas anbieten, auf diese Weise einen Job findet, sind gut», ist Grünig überzeugt. Auch Beat Bösiger macht klar: «Bei uns gibt es viele Möglichkeiten, Arbeit oder auch einen Ausbildungsplatz zu bekommen.» Schliesslich beschäftigt sein Betrieb rund 160 Mitarbeitende.

Praktischer Einsatz

Derweil geht es ans Schnuppern. In zwei Gruppen werden entweder bei den Auberginen im Folientunnel die Blattachseltriebe ausgebrochen oder im Gewächshaus müssen StützStäbchen der Gurken eingesammelt werden. Andere entfernen überzählige Blätter und Triebe der Tomaten. Die Leute wollen ihr Bestes geben.

Unter Anleitung von Luis Pinto, der vor zwei Jahren in die Schweiz kam und sich zum Kulturchef  hocharbeitete, schnappen sich die Flüchtlinge einen Wagen, und bei einigen geht die Post richtig ab. So auch bei Jonas Rustom, der begriffen hat, worauf es ankommt. Er hat bereits Niveau B1 in Deutsch, kann sich also fliessend und gut in der für ihn fremden Sprache unterhalten. Er kennt die Landwirtschaft von zu Hause und könnte sich gut vorstellen, bei Bösiger zu arbeiten, ja sogar eine Ausbildung in der Landwirtschaft zu machen. Zu Hause hätten sie  Früchte, vor allem Orangen, aber auch Gemüse. «Und Kühe», schmunzelt der  32-jährige.  

Zwölf machen Vorlehre

Bereits im Vorjahr hat der BEBV einen Pilot dieser Art gemacht. Mit dem Resultat, dass  zwölf Flüchtlinge die Vorlehre begonnen haben. «Das ist nur ein Tropfen auf den heissen Stein, es rettet die Situation nicht, ist aber ein Lösungsansatz», betont BEBV-Präsident Hans Jörg Rüegsegger.  Mit der Koordination würden den Landwirten auch Verträge und Module zur Zeiterfassung und -abrechnung zur Verfügung gestellt, ergänzt Matthias Grünig.

Beat Bösiger spielt es keine Rolle, woher die arbeitswilligen Leute kommen. Der administrative Aufwand sei heute allerdings zu gross und würde viele Betriebe abschrecken, diese Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. «Ich wünschte mir eine Art legale Börse, wo ich aufgrund von Wettersituationen  Leute auch kurzfristig, für Stunden oder Tage gegen übliche Bezahlung erhalten könnte.»

Übliche Bezahlung heisst ein Minimallohn von 3270 Franken. «Aber für gute Leute wie Luis Pinto bezahle ich auch 4500 Franken oder mehr.» Das Potenzial in der gesamten Wirtschaft sei vorhanden. Es gelte die Koordination und die Schnittstellen zu vereinheitlichen.  Die Flüchtlinge nicken zustimmend: War gut! Und Jonas Rustom  hat sich für ein Praktikum bei Bösiger angemeldet.

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