4.12.2019 10:21
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Bern
Chlorothalonil: Bern will Verbot sofort
Die Berner Regierung fordert vom Bund ein sofortiges Verbot des Fungizids Chlorothalonil. Die Kantonsregierung begründet diesen Antrag mit der «grossen» Verunsicherung in der Bevölkerung. Der Bund will bis Ende Jahr eine Entscheidung fällen.

Der Einsatz von Chlorothalonil ist seit einigen Wochen sehr umstritten. Im Berner Seeland und im Oberaargau wurden Abbauprodukte des Fungizids im Grundwasser gemessen. An einigen Orten wurden die Grenzwerte überschritten. Der Bund leitete ein Verfahren zum Verbot des Pflanzenschutzmittels ein. 

Zulassung aufheben

Das geht der Berner Regierung zu wenig rasch. Sie verlangt vom Bund ein sofortiges Verbot, wie sie am Mittwoch in einem Communiqué mitteilt. In einem Schreiben an Bundesrat Guy Parmelin begründet der Regierungsrat seinen Antrag mit der grossen Verunsicherung in der Bevölkerung und einer entsprechenden Motion, die der Grosse Rat Ende November 2019 überwiesen hat. 

«Wir erhielten viele Rückmeldungen aus der Bevölkerung», sagte Regierungsrat Christoph Neuhaus (SVP) gegenüber Radio Bern 1. Er erwarte vom Bundesrat, dass es nun vorwärts gehe. «Wir wollen diesen Stoff nicht im Trinkwasser. Punkt», fährt Neuhaus fort. Die bernische Kantonsregierung beantragt deshalb, dass der Bund so rasch wie möglich die Zulassung von Chlorothalonil aufhebt. Er soll zudem sofort ein landesweites Verkaufs-, Aufbrauchs- und Verwendungsverbot für Pflanzenschutzmittel erlassen, die Chlorothalonil enthalten.

Ein sofortiges Verbot aller chlorothalonilhaltigen Pflanzenschutzmittel auf Kantonsgebiet stand im Berner Kantonsparlament in der vergangenen Woche aber nicht zur Debatte. Diese Forderung zogen die Urheber der Motion von Grünen, SP, EVP und GLP zurück, da derzeit bereits auf Bundesebene ein Verbot dieses Pflanzenschutzmittels geprüft wird. Der Grosse Rat will aber den Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden im Zuströmbereich von Trinkwasserfassungen einschränken.

EU: Verbot ab Mai 2020

Bei Metaboliten oder Abbauprodukten von Chlorothalonil kann nicht ausgeschlossen werden, dass sie die Gesundheit gefährden. Im März hatte die europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde erstmals darauf hingewiesen, dass für die Abbauprodukte von Chlorothalonil eine Gesundheitsgefährdung bestehen könne. Ende April entschied die EU-Kommission, die Bewilligung für den Wirkstoff zu widerrufen. Die Frist für die Anwendung endet am 20. Mai 2020. 

Seit 1970er-Jahren im Einsatz

Der Bund leitete ein Verfahren zum Verbot des Fungizids ein. Der Entscheid soll noch vor dem Jahresende fallen.  Derzeit evaluiert der Bund Stellungnahmen zu den Verbotsplänen. Ein Widerruf der Bewilligung könnte vor dem Bundesverwaltungsgericht angefochten werden, teilte der Bundesrat vergangene Woche mit.

Für provisorische Verbote vor dem Entscheid sieht die Landesregierung keine Möglichkeit. Darüber müsste das Gericht entscheiden. Hingegen wäre es bei einem Bewilligungsentzug laut dem Bundesrat möglich, aus dringender Sorge um die Gesundheit oder um die Umwelt für das Verkaufen und das Aufbrauchen des Mittels keine Frist zu gewähren, teilte der Bundesrat mit. 

Der Wirkstoff Chlorothalonil wird in der Landwirtschaft seit den Siebzigerjahren als Fungizid eingesetzt, etwa beim Anbau von Kartoffeln, Getreide und Gemüse. Abbauprodukte können ins Grundwasser und somit auch ins Trinkwasser gelangen.

SBV fordert Bauern zum Verzicht auf

Der Schweizer Bauernverband fordert die Bauern auf, bis auf weiteres auf das Pflanzenschutzmittel zu verzichten. «Der Wirkstoff schützt zum Beispiel Weintrauben vor dem gefürchteten falschen Mehltau, der unbehandelt zum totalen Verlust der Ernte führen kann. Chlorothalonil kommt aber auch auf Sportrasen, Blumen, Sträuchern oder Zierpflanzen zur Anwendung», hält der SBV fest.

Weil die unklare Lage die Wasserversorger und die Bevölkerung verunsichert, fordert der Bauernverband, dass so rasch als möglich Klarheit herrscht. Bis zum Entscheid der Zulassungsbehörden fordert der SBV die Bauern auf, Produkte mit dem Wirkstoff Chlorothalonil nicht mehr einzusetzen. «Für den Schutz der Kulturen stehen ausreichend andere Wirkstoffe zur Verfügung», heisst es in der Mitteilung.

Neue Weisung

Der Bund hat eine neue Weisung für den Umgang mit Risiken durch Chlorothalonil-Rückstände im Trinkwasser erlassen. Wird bei bestimmten Abbauprodukten des Fungizids der Höchstwert von 1 Mikrogramm pro Liter überschritten, müssen Massnahmen ergriffen werden. Wenn rasche Abhilfe möglich ist, müssen die Kontrollstellen verfügen, dass der Höchstwert für die relevanten Abbauprodukte von Chlorothalonil spätestens einen Monat ab Beanstandung eingehalten werden. Sind Massnahmen wie Mischen oder das Nutzen einer anderen Wasserquelle nicht möglich, muss eine Frist von zwei Jahren gesetzt werden.

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE