Dienstag, 15. Juni 2021
09.09.2014 07:40
Deklaration

Coop und Migros gegen Deklaration

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Von: Daniel Salzmann

Pierre Rusconi (SVP, TI) und Albert Rösti (SVP, BE) wollen, dass Importfleisch aus tieferen Tierschutzstandards deklariert werden muss. Die grossen Fleischimporteure und -händler Coop und Migros wehren sich.

Gleich zwei Vorstösse von Nationalräten fordern eine Negativ-Deklaration für Importfleisch, das nicht gemäss den Standards des Schweizer Tierschutzgesetzes produziert worden ist. Pierre Rusconi (SVP, TI) will, dass darauf steht: «Aus Haltungsform, Jagd oder Schlachtung, die nicht Schweizer Recht entspricht». Die von Albert Rösti (SVP, BE) verlangte Formulierung ist noch deutlicher: «Aus in der Schweiz verbotener Produktionsmethode stammend». 

Rusconi sagt, heute seien vor allem die Tiere, aber auch die Schweizer Produzenten, welche die Vorschriften des Tierschutzgesetzes einhalten, die Verlierer. Rösti argumentiert mit einem Wettbewerbsnachteil der inländischen Nahrungsmittelhersteller gegenüber Importprodukten.

Nein zu den Vorstössen

Rusconis Vorstoss fand in der nationalrätlichen Wissenschaftskommission eine klare Mehrheit. Nationalrätin Maya Graf (Grüne, BL) prophezeite aber am Mittwoch im «Schweizer Bauer»: «Es wird sicher schwierig werden, denn die Fleischimporteure werden sich dagegenstellen.» Vielleicht fürchten diese, dass bei einer Negativ-Deklaration weniger Importfleisch gekauft würde und wenn doch, möglicherweise zu tieferen Preisen.

Der «Schweizer Bauer» hat Coop und Migros kontaktiert, die über ihre Töchter Bell und Micarna sehr viel Fleisch verarbeiten und in ihren Läden verkaufen – sowohl inländisches als auch ausländisches Fleisch – und die sich gerne als Partner der Schweizer Landwirtschaft bezeichnen. Gefragt, ob sie die beiden Vorstösse unterstützen, sagen sie, dass sie dies nicht tun würden – und zwar mit fast identischen Worten und Formulierungen.

Ein Handelshemmnis

Beide Detailhandelsriesen betonen, dass es ihr Anliegen sei, sich im In- und Ausland für das Tierwohl einzusetzen. Beide würden sie die Tierwohlstandards bei Importprodukten fördern. Die vorgeschlagene Umsetzung halten sie jedoch «für nicht zielführend». Die in beiden Vorstössen vorgeschlagene Deklaration «wäre zum einen ein neues technisches Handelshemmnis».

Die Migros schreibt, die Deklaration hätte einen bedeutenden Mehraufwand zur Folge, etwa für separate Verpackungen. Wiederum beide Händler verweisen auf den zusätzlichen staatlichen Kontrollaufwand. Weiter heisst es: «Die Migros setzt auf tierische Produktion aus Schweizer Produktion» und «Coop setzt grundsätzlich auf tierische Produkte aus Schweizer Produktion.»

CH-Mehrwert ausloben

Übereinstimmend schreiben beide, es sei ihres Erachtens sinnvoller, den Mehrwert der Schweizer Produkte auszuloben. Nicht zu vergessen ist dabei, dass die Migros öffentlich versprochen hat, bis 2020 die hohen Schweizer Tierwohl-Standards auch bei all ihren Produkten aus dem Ausland einzuführen.

Erreicht sie dieses ehrgeizige Ziel, wäre die Migros von der obligatorischen Negativ-Deklaration ab diesem Zeitpunkt gar nicht mehr betroffen. Auch Coop verbietet bereits heute in der Beschaffung gewisse Produktionsmethoden wie die Käfighaltung in der Geflügel- und Eierproduktion oder die Stopfleberproduktion. Weiterführende Massnahmen in diesem Bereich seien bereits geplant.

Fenaco und Swiss Retail Federation

Die bäuerliche Genossenschaft Fenaco ist über ihre Tochter Ernst Sutter AG nicht nur eine bedeutende Verarbeiterin von Schweizer Fleisch, sondern auch eine Fleischimporteurin. Sie verkauft in Topshop-, Volg- und Landi-Läden zum grössten Teil Fleisch aus Schweizer Landwirtschaft, aber zur Ergänzung des Sortiments auch ausländisches Fleisch. Fenaco-Sprecher Hans Peter Kurzen sagt zu den zwei Vorstössen von Rusconi und Rösti: «Im Gegensatz zu Interessenverbänden ist die Fenaco-Gruppe mit politischen Stellungnahmen grundsätzlich sehr zurückhaltend.» Die Fenaco habe dazu keine Beschlüsse gefasst und gebe deshalb keine Stellungnahme ab.

Die Landi Schweiz AG und die Volg Konsumwaren Schweiz AG sind allerdings Mitglied der Swiss Retail Federation (SRF). Diese hatte sich bei den Beratungen zum Lebensmittelgesetz gegen eine umfassendere Deklaration der Herkunft der Zutaten ausgesprochen. Zu Rusconis und Röstis Vorstössen gibt es aber keinen Vorstandsbeschluss der SRF. Kurzen betont, die Fenaco verfolge nicht die Strategie, im Ausland zu Schweizer Standards zu produzieren. «Wir setzen auf die Schweizer Landwirtschaft, auf in der Schweiz hergestellte, sichere, gesunde und qualitativ hochstehende Lebensmittel», sagt er. sal

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