6.10.2019 06:01
Quelle: schweizerbauer.ch - jul
Wahlen
«Das muss sich ändern!»
Rund die Hälfte der Bevölkerung sind Frauen. Deshalb sollten auch 50 Prozent im Parlament weiblich sein, findet der SBLV und hat die Kampagne «Frauen wählen» lanciert. Bäuerin Gabi Schürch ist dort vorne mit dabei.

Gabi Schürch-Wyss steht im neu  gestalteten Garten vor einem stattlichen Berner Bauernhaus in Bütikofen/Kirchberg BE. Zufrieden blickt sie sich um. Sie ist auf diesem Betrieb aufgewachsen, hat als Erstberuf Hauspflegerin gelernt, einen Landwirt geheiratet und dann die Ausbildung zur Bäuerin mit Fachausweis gemacht, und im offenen Kurs den Fachausweis Bäuerin erworben.

«Das machte ich nicht zuletzt, um mit meinem Mann auf Augenhöhe diskutieren zu können. Wir sind  gleichberechtigte Betriebsleiter. Ich kümmere mich um den Haushalt, den Garten, die Buchhaltung, seine Domänen sind Tierhaltung, Ackerbau und die Biogasanlage. Aber wir entwickeln unsere Betriebsstrategie zusammen, entscheiden über alle Zweige gemeinsam und besprechen, welche Investitionen wir tätigen.»

«Extrem wichtig»

Sie und ihr Mann sind beide  als Selbstständigerwerbende anerkannt.  Damit sind die soziale Absicherung und Fragen rund ums Krankentaggeld beider Partner geregelt. «Das ist extrem wichtig», sagt sie und geht in die warme Stube. Liebevoll renoviert sieht sie aus. Der Ofenbank steht noch in der Ecke. «Weil ich hier aufgewachsen bin  und mein Mann von aussen dazu kam, mussten wir finanzielle Aspekte klar regeln», sagt sie.

In vielen Fällen ist es umgekehrt und oft nicht geklärt: Eine Frau kommt auf den Betrieb ihres Mannes und arbeitet zum Teil ein Leben lang gratis für den Betrieb. Wenn es zu einer Trennung kommt oder die Frau krank wird, kann sie in prekäre Situationen geraten und plötzlich mit leeren Händen dastehen. «Als wir das damals besprachen, war es für uns eine Selbstverständlichkeit. Aber noch immer sind rund 70 Prozent der familieninternen Mitarbeiter – meist Frauen – auf dem Hof unzureichend oder gar nicht entlohnt und haben damit keine soziale Absicherung», sagt Schürch. 

«Frauen wählen»

 «Nicht nur damit sich das ändert,  aber auch wegen solchen Fragen müssen Frauen im Parlament vertreten sein», sagt Gabi Schürch. Sie ist neben ihren Aufgaben als Bäuerin und Mutter von vier Kindern seit 2018 im Vorstand des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbands (SBLV) und seit diesem Jahr Präsidentin der Kommission Familien- und Sozialpolitik.

Deshalb ist sie zusammen mit ihrer Vorgängerin Annekäthi Schluep-Bieri federführend in der Kampagne «Frauen wählen» des SBLV. «Frauen sehen gewisse Dinge anders,  sie haben andere Erfahrungen gemacht. Wir brauchen ihre Stimme in der nationalen Politik als Ergänzung zu jener der Männer», so Schürch. «Vor allem sollen National- und Ständerat die Bevölkerung repräsentieren, und rund die Hälfte der Bevölkerung sind Frauen.»

Zurzeit sind im Nationalrat erst ein Drittel weiblich und im Ständerat sogar nur 13 Prozent. «Das muss sich ändern!», sagt die Bäuerin. «Und ich glaube, dieses Jahr sind die Vorzeichen dafür gut. Der Frauenstreik im Juni hat einen grossen Schub gegeben und es kandidieren dieses Jahr viele Frauen», sagt sie und verweist auf eine Medienmitteilung des SBLV.

«Erstmals kandidieren mehr als 40 Prozent Frauen für den Nationalrat», steht dort, und nun sei es an den Wählerinnen und Wählern, der Untervertretung der Frauen Einhalt zu gebieten und für Ausgewogenheit im Parlament zu sorgen. Um dieses Anliegen voranzutreiben, hat der SBLV dieses Jahr die Kampagne «Frauen wählen» lanciert. Er unterstützt damit Kandidatinnen, die SBLV-Mitglieder sind, aber unabhängig davon, welche Parteien sie vertreten. Auf  der SBLV-Website haben sie eine Plattform bekommen, um sich zu präsentieren. Rund 70 Kandidatinnen haben sie genutzt.

Frauensolidarität

«Wir sind mit rund 58000 Mitgliedern einer der grössten Frauen-Dachverbände der Schweiz. Deshalb ist es unsere Aufgabe, die Frauen zu stärken und zu unterstützen», sagt Schürch. Der Slogan «Frauen wählen» sei eingängig und richte sich an Männer und Frauen. Wenn aber alle Frauen Frauen wählten, wären sie zur Hälft im Parlament vertreten, sagt Schürch.

Und sie erzählt, dass es oft die Frauen selbst sind, die einander im Wege stehen. «Als wir unsere Kampagne im Frühling lancierten, erhielten wir als Reaktion auf den Facebook-Eintrag viele Kommentare. Positive und zum Teil negative und solche, die unter die Gürtellinie gingen. Und zwar von Frauen!», erzählt sie. Sie könne sich das nicht erklären, und finde es daher umso wichtiger, dass Frauen zusammenhalten und gemeinsam eine positive Einflussnahme anstreben.

Noch einmal betont sie, dass jede und jeder wählen könne, wer sie oder er wolle. Und dass es grundsätzlich wichtig sei, vom Recht, mitbestimmen zu können, Gebrauch zu machen. «Aber ich hoffe am 20. Oktober besonders auf Frauensolidarität an der Urne.»

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