18.02.2020 15:22
Quelle: schweizerbauer.ch - sal
Bern
Demo: Bauern Hand ausstrecken
Das Bündnis «Landwirtschaft mit Zukunft» ruft für den kommenden Samstag zu einer Demonstration in der Stadt Bern auf. Das Motto lautet «Essen ist politisch!». Die Politik soll für Rahmenbedingungen sorgen, die eine nachhaltigere Landwirtschaft, faire Preise für die Lebensmittelproduzenten und ein Erreichen des Klimaziels «Netto null bis 2030 in der Schweiz» ermöglichen.

Ein Bündnis von Vertreterinnen der Land- und Ernährungswirtschaft, von Bürgern, Konsumentinnen, Jugendlichen und Umweltschutzorganisationen geht nächsten Samstag in Bern auf die Strasse.

Bauern Hand ausstrecken

Ins Leben gerufen wurde die Bewegung von jungen Klimaaktivisten, unter anderen von Dominik Waser, dem Gründer von www.grassrooted.ch, einer Initiative, die gegen die Verschwendung einwandfreier Lebensmittel kämpft und ein Abo für Zweitklass-Gemüse anbietet.

Vor den Medien machten die Initianten am Dienstag klar, dass sie sich nicht etwa gegen die Bäuerinnen und Bauern richten, sondern ihnen die Hand ausstrecken wollen und mit ihnen eine umweltfreundlichere Wirtschaft und fairere Welt schaffen wollen.  

Zwei Krisen, die zusammenhängen 

Aus Sicht von «Landwirtschaft mit Zukunft» gibt es zwei verschiedene Krisen. Da ist zum einen die Land- und Ernährungswirtschaft, weil es für Bäuerinnen und Bauern jeden Tag schwieriger werde, in der Schweiz von ihrer Tätigkeit als Lebensmittelproduzenten zu leben. Zum andern stellen sie eine ökologische Krise fest. Dominik Waser sprach von «Klimakrise», von einer «Debatte rund um Pestizide und Trinkwasser», in der man tief drin stehe.

Anja Gada von der Bewegung «Klimastreik Schweiz» sagte: «In der Schweiz und in Europa ist die Landwirtschaft ein klimarelevanter Sektor mit über 13% an den Gesamtemissionen an Treibhausgasen.» Dabei wäre laut ihr die Landwirtschaft genau ein Bereich, der Hoffnungen auf netto null Emissionen bis 2030 bereiten könnte, da der steigende CO2-Gehalt durch Speicherung von Kohlenstoff im Boden reduziert werden könnte. 

Bio Suisse macht mit 

Von Seiten der Landwirtschaft sind laut Waser Bio Suisse, die Bauerngewerkschaft Uniterre, die Kleinbauern-Vereinigung, «aber auch viele weitere Bäuerinnen und Bauern» beim Bündnis dabei. Nicht teilnehmen wird an der Demo Hanna Rikenmann, Mitglied der nationalen Junglandwirte-Kommission und Vorstandsmitglied im Zürcher Bauernverband, die in einem Video auf Facebook auftritt, in der ein Landwirtschaftslehrling zur Demonstration aufruft. Sie rufe nicht zur Demo auf und werde auch nicht hingehen, hat sie gegenüber dem «Schweizer Bauer» deutlich gemacht. 

«Kleinere Betriebe sind widerstandsfähiger»

Am Dienstag vor den Medien vertraten Regina Fuhrer und Ursina Töndury die Landwirtschaft. Regina Fuhrer ist Biobäuerin in Burgistein BE, SP-Grossrätin, ehemalige Präsidentin der Bio Suisse und amtierende Präsidentin der Kleinbauern-Vereinigung. Sie machte sich vor den Medien stark für «eine vielfältige und naturnahe Landwirtschaft anstelle einer weiteren Agrarindustrialisierung». Sie bedauerte, dass noch immer täglich zwei bis drei Schweizer Bauernhöfe ihre Stalltüren schliessen.

Die Schweizer Agrarpolitik fördere nach wie vor den Strukturwandel hin zu weniger, dafür grösseren und einseitig spezialisierten Bauernbetrieben. Solche Betriebe seien aber abhängiger von Industrie und Grossverteilern, seien weniger innovativ und seien gegenüber allerhand Risiken weniger widerstandsfähig. Aber auch zur Lösung der Umweltprobleme sei eine industrielle Landwirtschaft der falsche Weg. «Die Lebensmittelproduktion muss ressourcenschonender, standortangepasster und damit auch umwelt- und klimafreundlicher werden», so Fuhrer. 

“Agrarpolitik ist in Schieflage” 

Ursina Töndury aus Worb BE vertrat die Bauerngewerkschaft Uniterre. Sie ist Bäuerin im Rahmen von Radiesli, einem Projekt der solidarischen Landwirtschaft. -> Hier gehts zur Website Dort bezahlen Konsumenten im Voraus für Abos von Gemüse, Mehl, Rindfleisch und Eiern und Suppenhühnern aus einem Zucht- und Haltungssystem, das die Aufzucht der «Hennenbrüder» gewährleistet. Die ausgebildete Gymnasiallehrerin Töndury stellte fest: «Ökologisch, sozial und wirtschaftlich ist die aktuelle Agrarpolitik in der Schieflage. Die bäuerliche Landwirtschaft wird zwischen den Ansprüchen nach mehr Markt, Freihandel und Unternehmertum und immer höheren Anforderungen an Nachhaltigkeit und Tierwohl zerrieben.»

Die Bäuerinnen und Bauern müssten von der Produktion der Lebensmittel leben können. Das sei heute nicht der Fall, stellte sie fest. Nun müssten die ländliche und die urbane Welt zusammenrücken, forderte sie. Es dürfe nicht sein, dass beispielsweise in Schulen Essen aus sozial unwürdiger und ökologisch verantwortungsloser Produktion auf den Tisch kommen. «Die Freihandelsabkommen schaden der Landwirtschaft weltweit», so Töndury. Sie schlug den Bogen zu La Via Campesina, der Bewegung, die sich weltweit für eine nachhaltige, (klein-)bäuerliche Landwirtschaft inklusive guter Bedingungen für die Landarbeiterinnen engagiert. 

«AP 22+ ist ungenügend» 

Daniel Langmeier von Biovision machte deutlich, dass die AP 22+ nur ein erster Schritt sein könne, der unter dem Druck zweier Volksinitiativen und angesichts einer neuen Zusammensetzung des Parlaments zustande gekommen sei. Die letzte Woche publizierte Botschaft des Bundesrates werde aber der zu intensiven Produktion, die nur möglich sei durch Futtermittelimporte, Pestizideinsatz und Mineraldüngerimport, kein Ende bereiten.

Es fehle an konkreten und konstruktiven Lösungsvorschlägen, kritisierte Langmeier. Auch Dominik Waser verwies bezüglich dem Zeitpunkt der Demonstration auf die Botschaft zur AP 22+, die letzte Woche publiziert worden sei.

Trinkwasser- und Pestizid-Initiative 

Der «Schweizer Bauer» wollte von der Bewegung «Landwirtschaft mit Zukunft» wissen, wie sie sich zu den beiden anstehenden Initiativen, der Anti-Pestizid-Initiative und der Trinkwasser-Initiative stelle. Projektleiter Dominik Waser sagte dazu: «Als Organisation haben wir keine Position gefasst zu diesen zwei Initiativen. Als Vision fordern wir einen mittelfristigen Ausstieg aus dem Pestizideinsatz. Einzelne Mitglieder unserer Bewegung haben zu den Initiativen eine Position gefasst, aber nicht wir als Landwirtschaft mit Zukunft.»  

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