30.10.2014 16:09
Quelle: schweizerbauer.ch - Michael Wahl, lid
Ausbildung
Die «Schnellbleiche» wird schwieriger
Immer mehr Personen absolvieren einen landwirtschaftlichen Nebenerwerbskurs. Dieser berechtigt zum Bezug von Direktzahlungen. Der Bauernverband wollte dies ändern – ohne Erfolg. Nun wird die Kurzausbildung neu geregelt.

Vor vier Jahren ging für Christoph Hari ein Traum in Erfüllung: Der Informatiker konnte im solothurnischen Holderbank einen kleinen Bauernhof erwerben. Dort hält er im Rahmen eines ProSpecieRara-Projekts seltene Kupferhalsziegen, Kaninchen und Pferde. Diesen Sommer hat er zudem Schottische Hochlandrinder gesömmert. Der Betrieb umfasst vier Hektaren Kulturland sowie rund 45 Hochstamm-Obstbäume.

"Ich hatte schon immer einen Hang zur Landwirtschaft", erklärt der 49-Jährige, der in der Agglomeration Basel aufgewachsen ist. Erstmals in Kontakt kam er mit der Landwirtschaft, als er im Unterengadin bei einem Bergbauern Landdienst leistete. Das habe ihn gepackt und nicht mehr losgelassen.

Ein Jahr die Schulbank drücken

Bis jetzt hat Hari seinen kleinen Hof nach bestem Wissen und Gewissen bewirtschaftet – und mit Hilfe von Bauern in der Nachbarschaft. Das genügte ihm aber nicht. "Ich wollte mehr über die Landwirtschaft erfahren und mir das nötige Know-How zur Bewirtschaftung erwerben." Hari entschied sich deshalb, berufsbegleitend eine landwirtschaftliche Weiterbildung zu absolvieren.

Seit Mai 2014 drückt er nun am Landwirtschaftlichen Zentrum Ebenrain in Sissach BL jeweils am Donnerstagabend und Samstagmorgen die Schulbank. Während rund einem Jahr lernt er, wie man das Exterieur von Milchkühen beurteilt, welche Vorschriften bei Spritzmitteln gelten, wie die Agrarmärkte funktionieren und was beim Acker- und Futterbau beachtet werden muss.

Beliebt, aber umstritten

Personen wie Christoph Hari gibt es immer mehr. Sie sind Automechaniker, Bäcker, Schreiner, Ingenieure oder Juristen. Sie führen bereits einen Landwirtschaftsbetrieb im Nebenerwerb oder wollen dies künftig tun. Weil sie über keine landwirtschaftliche Ausbildung verfügen, erhalten sie keine Direktzahlungen vom Bund.

Quereinsteiger können die Direktzahlungsberechtigung aber mittels einer von den Kantonen und der Branche (OdA AgriAliForm) einheitlich geregelten Weiterbildung erlangen. Diese dauert etwas mehr als ein Jahr und kann berufsbegleitend absolviert werden (siehe Kasten). Acht Landwirtschaftsschulen bieten diesen "Direktzahlungskurs" an, der das minimale theoretische Rüstzeug vermittelt.

Die Direktzahlungskurse erfreuen sich grosser Beliebtheit: Die Anzahl Absolventen nimmt von Jahr zu Jahr zu. Im Jahr 2008 haben 201 Personen einen Direktzahlungskurs absolviert, 2014 waren es bereits 322 (siehe Grafik). Von 2008 bis 2012 haben insgesamt 7‘135 Personen einen Ausbildungsabschluss mit Direktzahlungsberechtigung gemacht. Davon entfielen 17 Prozent auf die Direktzahlungskurse.

Der Weg zum Teilzeit-Bauern

Der Bezug von Direktzahlungen ist an Kriterien gebunden, unter anderem ist eine landwirtschaftliche Ausbildung vorgeschrieben. Quereinsteiger können die Direktzahlungsberechtigung mittels einer rund einjährigen Weiterbildung erlangen, die von acht Landwirtschaftsschulen angeboten wird. 2015 tritt ein neues Reglement in Kraft. Zur Abschlussprüfung zugelassen wird, wer über einen Abschluss der Sekundarschule 2 verfügt und während mindestens einem Jahr auf einem direktzahlungsberechtigen Betrieb gearbeitet hat. Für die Prüfung gilt ein Mindestalter von 28 Jahren. Die Kursabsolventen sind zwar direktzahlungsberechtigt, von weiteren staatlichen Fördermassnahmen – wie Starthilfe oder Strukturverbesserungsbeiträge – können sie nicht profitieren. Für deren Bezug ist ein eidgenössisches Fähigkeitszeugnis notwendig.

Das neue Reglement zu den Direktzahlungskursen findet sich unter:
www.ldk-cdca.ch

Umstrittene "Schnellbleiche"

Der Direktzahlungskurs ist nicht nur beliebt, sondern auch umstritten. Der Schweizer Bauernverband (SBV) hat im Rahmen der Vernehmlassung zur Agrarpolitik 2014/17 gefordert, dass die Direktzahlungsberechtigung dieser Kurse aufgehoben wird. Bauern mit einem Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis, das in der Regel eine dreijährige Lehre voraussetzt, seien besser qualifiziert, was Professionalität und Glaubwürdigkeit der Landwirtschaft stärke, lautete die Begründung. "Personen mit einer soliden Ausbildung sind eher in der Lage, Leistungen im öffentlichen Interesse zu erbringen, die durch Direktzahlungen abgeglichen werden."

Deutlicher haben es damals die Junglandwirte ausgedrückt. "Die Junglandwirtekommission stösst sich daran, dass Personen ohne eine fundierte landwirtschaftliche Ausbildung auch künftig durch das Absolvieren einer Kurzausbildung zum Bezug von Direktzahlungen berechtigt sind", hiess es in einer Stellungnahme. Der Beruf Landwirt werde durch diese "Schnellbleichen" abgewertet.

Auch BLW wollte Kurse streichen

Auch die Konferenz der Landwirtschaftsämter der Schweiz (Kolas) wollte den Kurs ursprünglich abschaffen. Grund dafür sind unter anderem die Erfahrungen aus dem Vollzug. Personen mit nur einem Direktzahlungskurs würden tendenziell öfter gegen Vorschriften verstossen als Personen mit einem Fähigkeitszeugnis, erklärt Roger Bisig, Sekretär der Landwirtschaftsdirektorenkonferenz.

Die landwirtschaftliche Gesetzgebung sei komplex und enthalte viele Fallstricke, beispielsweise die Auflagen beim Gewässerschutz, beim Gülleausbringen, beim Tierschutz, bei der korrekten Aufbewahrung von Tierarzneien und Pflanzenschutzmitteln. "Natürlich werden diese Themen auch im Direktzahlungskurs angeschaut, aber eben nur schnell", so Bisig.

Mit ihrer Forderung nach Abschaffung der Direktzahlungskurse stiessen die Kritiker beim Bundesamt für Landwirtschaft auf offene Ohren. Obwohl dieses ursprünglich an den Kursen festhalten wollte, empfahl es schliesslich dem Parlament, die Direktzahlungsberechtigung der Kurse zu streichen. Ohne Erfolg. Damit gilt weiterhin: Auch mit der neuen Agrarpolitik können Quereinsteiger via Weiterbildung die Direktzahlungsberechtigung erlangen.

Neues Reglement ab 2015

Bauernverband, Junglandwirtekommission und Kolas können trotz Niederlage im Parlament einen Teilerfolg verbuchen: Das Reglement zu den Direktzahlungskursen wurde im Nachgang zur politischen Debatte von der Konferenz der kantonalen Landwirtschaftsdirektoren (LDK) sowie der Branche (OdA AgriAliForm) überarbeitet. Ab Januar 2015 tritt es in Kraft. Stossrichtung der Reform: Die Kurse werden gestrafft, der Prüfungsablauf vereinheitlicht, die Anforderungen tendenziell strenger.

Die Abschlussprüfung umfasst nebst einem schriftlichen Teil neu ein einstündiges Fachgespräch auf einem Betrieb. Dabei werden Bauern als Praxisexperten eingesetzt. Die Kurse werden ab nächstem Jahr stärker auf die Erbringung gemeinwirtschaftlicher Leistungen ausgerichtet, weil diese mit der neuen Agrarpolitik wichtiger werden. Das Mindestalter für die Zulassung zur Prüfung wurde von 25 auf 28 Jahre angehoben.

Damit soll verhindert werden, dass die einjährige Weiterbildung die Berufslehre konkurrenziert. Die Prüfungsgebühr wird schweizweit vereinheitlicht (1’100 Franken). Die Kurskosten werden je nach Anbieter weiterhin unterschiedlich hoch sein. Die OdA AgriAliForm empfiehlt - unter Berücksichtigung der geforderten Kostendeckung - den Anbietern, das Kursgeld bei 5‘000 Franken anzusetzen.

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