19.11.2012 16:49
Quelle: schweizerbauer.ch - Reto Blunier/Samuel Krähenbühl
Emmi
Emmi hat grosse Informatikprobleme
Der Chefinformatiker von Emmi räumt ein, dass seine Firma Informatikprobleme habe. Und er sagt auch, dass in kurzer und mittlerer Frist höhere Informatikkosten zu erwarten seien. Die Zeche dürften wohl die Milchbauern bezahlen.

Der grösste Schweizer Milchverarbeiter Emmi hat Probleme mit der Informatik. Das sagt nicht irgendwer, sondern Heinz Hodel, Emmis Chief Information Officer (CIO), im «Swiss IT Magazine» vom April 2012. «Die IT hat die Komplexität nicht mehr richtig beherrscht und konzentrierte sich in der Folge ausschliesslich auf den Betrieb der Infrastrukturen», liess er sich dort zitieren.

Bauern doppelt betroffen

Vom Geschäftsgang und damit auch von Informatikproblemen sind die Milchbauern doppelt betroffen. Emmi  ist nicht nur die grösste Milchkäuferin der Schweiz. Bäuerliche Organisationen wie die Zentralschweizer Milchproduzenten  halten einen Grossteil der Aktien. Allfällige Gewinneinbrüche wegen unvorhergesehenen Kosten könnten auf den Milchpreis wie auch auf die Dividende des bäuerlichen Aktionariats drücken.

Und offenbar kommen zusätzliche Kosten auf Emmi zu, wie Hodel in  besagtem Interview  einräumt: «Derzeit befinden wir uns aus bekannten Gründen in einer grösseren Investitionsphase. Das heisst, kurz- und mittelfristig steigen die IT-Kosten an, damit diese in der langfristigen Betrachtung stark sinken.»

Hauptkostenpunkt dürfte die Einführung einer neuen Enterprise-Resource-Planning (ERP)-Lösung sein. ERP-Systeme sind nötig, um interne Prozesse und Abläufe zu koordinieren. Wie Hodel im zitierten Interview ausführte, soll in den kommenden drei bis vier Jahren das deutsche Produkt SAP installiert werden. Bisher hat Emmi gemäss Sprecherin Sibylle Umiker mit Oracle von JD Edwards gearbeitet. Sie bestätigt auf Anfrage, dass die Informatikkosten steigen: «Zuerst muss man investieren, bevor man ernten kann.»

Auf Rolls-Royce wechseln

SAP, das weltweit am meistend eingesetzte ERP-System, gilt als Rolls-Royce, während Oracle, die Nummer 2, als gute und günstigere Mittelklasse-Lösung gilt. Die Einführung von SAP dürfte somit einiges kosten. Auf die Frage, wie viel Rappen pro kg Milchpreis die Bauern diese zusätzlichen Investitionen kosten, antwortet Umiker zweideutig: «Sie kosten nicht zusätzlich, vielmehr budgetieren wir unsere IT-Kosten jährlich, respektive machen wir Rückstellungen für grössere Investitionen.» Die IT-Kosten würden gut ein Prozent des Umsatzes betragen, fügte sie an. 

Wenn die  Investitionen für SAP deutlich höher liegen als jene für Oracle, wo sieht Emmi ein Sparpotenzial? «Die Investitionen für SAP sind nicht grösser, erlauben eine grössere Standardisierung, was zu langfristigen Kosteneinsparungen führt», so Umiker.

2011 erzielte Emmi einen Nettoumsatz von 2721,3 Millionen Franken. Die IT-Kosten betragen laut Umiker «gut 1% des Umsatzes», also jährlich rund 30 Millionen. Bei einer Milchmenge von knapp 1 Milliarde kg pro Jahr machen also alleine die Informatikkosten 3 Rp. pro kg Milch aus. Wenn grob geschätzt die Einführung von SAP 5 bis 15 Millionen zusätzlich kosten sollte, was gemäss Branchenkennern etwa der Preis sein dürfte, erhalten die Bauern also pro kg Milch 0,5 bis 1,5 Rp. weniger.

Swisscom fliegt raus

Doch die Einführung von SAP bei Emmi kommt nicht von Fleck. Gemäss einer Swisscom-Mitteilung vom 20. März sollte die Swisscom Rechenzentren, Housing und Hosting für Emmi übernehmen. Laut Auskunft von Swisscom-Sprecher Olaf Schulze ist die Umstellung von Housing und Konnektivität im Zeitplan. Die Swisscom-IT hatte auch für das Hosting von SAP offeriert. Doch offenbar hat Emmi aus unbekannten Gründen die Offerte von Swisscom abgelehnt. Indirekt bestätigt Swisscom-Sprecher Schulze diesen Sachverhalt: «Da wir das Hosting nicht übernommen haben, können wir zur Umstellung der IT keine  Angaben liefern.» Die Rückweisung der Swisscom-Offerte hat offenbar die Einführung von SAP verzögert. Die Frage, wer der neue Partner sein soll, ist noch immer offen, wie auch Emmi-Sprecherin Umiker bestätigt: «Wir haben uns noch nicht für einen Partner entschieden.»

Ist Hodel der Richtige?

Doch ob Hodel der richtige Mann ist, um die Probleme in den Griff zu bekommen, ist zumindest fraglich. Bereits bei seiner Tätigkeit für Valora und Sybor (siehe Kasten) dürfte er Probleme im Handling mit SAP gehabt haben. So sollte gemäss  «www.inside-it.ch» Hodel  bei der Sybor AG, bei der er im Februar 2005 als CEO angestellt wurde, «das Business mit Gesamtlösungen im SAP- und Oracle-Umfeld ausbauen». Bereits ein halbes Jahr später verliess er die Firma wieder. Schon zuvor bei seiner Anstellung als CIO beim Konsumgüterkonzern Valora trat er nach eineinhalb Jahren wieder aus. Bei Emmi ist man trotz der bewegten Berufskarriere zufrieden mit ihm. «Heinz Hodel macht einen ausgezeichneten Job», sagt Umiker.

Heinz Hodels bewegte Berufskarriere

  • 1. Januar 2003: Heinz Hodel wird Chief Information Officer CIO beim Lebensmittelkonzern Valora.
  • August 2003: Die Valora gibt einen Gewinneinbruch im ersten Halbjahr bekannt. Als Grund werden «Informatikprobleme» angegeben, worunter ein 10 Mio. Franken teurer Programmierfehler.
  • 9. Juli 2004: Hodel tritt per sofort aus der Valora aus.
  • 17. Februar 2005: Hodel wird Leiter des Informatikunternehmens Sybor (heute Business & Decision AG).
  • 16. August 2005: Hodel ist nicht mehr für Sybor zeichnungsberechtigt.
  •  7. Oktober 2005: Hodel ist gemäss Handelsregister zeichnungsberechtigt für das Informatikunternehmen Inseso AG (seit 14. April Hodel Group AG). Die Hodel Group AG betreibt als einen Geschäftsbereich unter anderem die Kosmetikfirma «Hodel Nailbeauty».
  • 2. September 2009: Hodel wird für die Hodel Switzerland AG als zeichnungsberechtigt eingetragen. Das Familienunternehmen ist im Schmuckhandel tätig.
  • 13. März 2012: Hodel ist gemäss Handelsregister für die Emmi Schweiz AG als CIO zeichnungsberechtigt.
  • Neben seiner Anstellung als CIO bei Emmi ist Hodel nach wie vor für die Hodel Group AG, die Hodel Switzerland AG sowie die Vafrewe AG (inaktiv) zeichnungsberechtigt.
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