12.06.2015 10:48
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Freihandel
Freihandel mit China - Wachstumsschub bleibt aus
Das Freihandelsabkommen Schweiz/China, das im Juli 2014 in Kraft getreten ist, bleibt ein Meilenstein der Schweizer Aussenwirtschaftspolitik. Der Wachstumsschub, der allenthalben für die Schweizer Exportindustrie erwartet worden war, lässt aber noch auf sich warten. Dennoch ziehen Wirtschaftsvertreter eine positive vorläufige Bilanz.

Seit das Freihandelsabkommen gültig ist, sind laut der Handelsstatistik der Eidgenössischen Zollverwaltung die Schweizer Exporte nach China im Vergleich zur Vorperiode um 3,5 Prozent gestiegen. Mit 5,7 Prozent legten die Einfuhren noch stärker zu. Verglichen wurde dabei jeweils der Zeitraum von Juli bis April.

Handelsbilanz-Defizit vergrössert

Damit ist der Aussenhandel der Schweiz mit China stärker gewachsen als mit der übrigen Welt. Hier nahmen die Exporte um 1,7 Prozent und die Importe um 2,6 Prozent zu, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) feststellt.

China blieb 2014 der sechstwichtigste Exportmarkt für Schweizer Produkte und der viertgrösste Zulieferer der Schweiz. Das Handelsbilanz-Defizit gegenüber China weitete sich allerdings innert Jahresfrist von 3,18 Milliarden auf 3,33 Milliarden Franken aus.

Zukunftsmarkt bleibt Zukunftsmarkt

Die Schweizer Wirtschaft setzte vor einem Jahr immense Hoffnungen in das Freihandelsabkommen. Und tatsächlich hätte man sich auch keine passendere Steilvorlage für die Exportwirtschaft wünschen können als das Abkommen mit einem Land mit einer Bevölkerung von rund 1,4 Milliarden Menschen.

Während andere Staaten sich auf höchster politischer Ebene in eifriger Reisediplomatie um China bemühten, konnte die Schweiz schon die Ernte einfahren. Sie sicherte sich als eines der ersten Länder mit dem bilateralen Abkommen einen besseren Marktzugang zur weltweit zweitgrössten Industrienation.

Kompetitiven Vorteil

Die Schweiz habe dank des Abkommens einen kompetitiven Vorteil erlangt und das sei gerade in einer schwierigen Zeit äusserst wertvoll, heisst es denn auch noch heute beim Wirtschaftsdachverband Economiesuisse. Mittel- bis langfristig werde der Handel mit China deutlich zulegen, glaubt Jan Atteslander, Leiter Aussenwirtschaft bei Economiesuisse. Man sei aber mit den aktuellen guten Handelszahlen mehr als zufrieden. Dieses Exportwachstum habe nämlich in einem schwierigen Umfeld mit einem gedämpften chinesischen Wirtschaftswachstum realisiert werden können.

In die gleiche Kerbe schlägt man auch beim SECO. Die jüngste Entwicklung der schweizerisch-chinesischen Handelsbeziehungen erscheine noch dynamischer, wenn berücksichtigt werde, dass sich das BIP-Wachstum in China gegenüber den früher typischen zweistelligen jährlichen Wachstumsraten in letzter Zeit praktisch halbiert habe.

Die Bäume sind noch nicht in den Himmel gewachsen

Auch die Schweizer Textilindustrie bewertet das Freihandelsabkommen nach wie vor sehr positiv. «Trotz sehr schwierigem Marktumfeld sind die Schweizer Textilexporte nach China 2014 um 3,5 Prozent gewachsen», sagt Peter Flückiger, Direktor des Textilverbandes Schweiz. Der Verband wertet auch den Importanstieg von Textilien positiv. Das Abkommen ermögliche so eine günstigere Beschaffung von Vormaterialien, was für Schweizer Produzenten ein Vorteil gegenüber der europäischen Konkurrenz sei.

Problematisch sei lediglich, dass das Abkommen in China nicht von Beginn an überall gleich konsequent umgesetzt worden sei. «Diese Kinderkrankheiten wurden mittlerweile jedoch grösstenteils behoben», erklärt Flückiger. China ist mit einem Weltmarktanteil von gut 35 Prozent der wichtigste Produzent von Bekleidung. Im vergangenen Jahr wurden Kleider im Wert von 1,6 Mrd. Fr. aus China importiert. Für die Schweizer Unternehmen geht es nicht darum, im Massengeschäft zu konkurrieren, sondern in hochtechnischen und hochmodischen Nischen aktiv zu sein. Laut dem Textilverband wird China als Markt für solche Produkte weiter an Bedeutung gewinnen.

Konsolidierungsphase für Uhrenindustrie

Auf einen Schub durch das Freihandelsabkommen wartet hingegen weiterhin die Uhrenindustrie. Insbesondere für die Uhrenexporte hätte die im Abkommen vereinbarte Senkung der Zollgebühren deutliche Vorteile bringen sollen. Wegen der Korruptionsbekämpfung in China waren die Exporte in den zwei vorangegangenen Jahren nämlich um ein Viertel zurückgegangen.

Konfrontiert mit den mehr als optimistischen Prognosen vor einem Jahr stellt Jean-Daniel Pasche, der Präsident des Uhrenverbandes (FH) fest, das Freihandelsabkommen habe noch nicht konkrete Effekte auf die Exporte hervorgebracht. Das sei normal, da es noch Probleme bei der Implementierung gebe.

Die Uhrenexporte nach China gingen laut FH im vergangenen Jahr um 3,1 Prozent zurück. Pasche sieht die Gründe im geringeren chinesischen Wirtschaftswachstum, dem Kampf gegen Korruption, dessen Opfer auch die Schweizer Uhrenindustrie sei, sowie den vermehrten Uhrenkäufen von chinesischen Touristen im Ausland.

«Wir haben ein hohes Wachstum während mehr als zehn Jahren in China erlebt. Es ist verständlich, dass wir jetzt eine Konsolidierungsphase während ein paar Jahren hinnehmen müssen», sagt Pasche. Die Exporte würden sich aber wieder erholen. Im ersten Quartal 2015 seien die Uhrenexporte nach China um über 13 Prozent gestiegen. Der Uhrenverband hofft daher auf ein positives 2015.

Berechtigte Hoffnungen

Die Hoffnungen dürften berechtigt sein, glaubt man den SECO-Angaben: Erfahrungen mit anderen Freihandelsabkommen haben nämlich gezeigt, dass Handelsvolumen mit Freihandelspartnern in den ersten vier Jahren nach Inkrafttreten im Durchschnitt deutlich stärker wachsen als der gesamte Handel.

Stelle man die vereinbarten schrittweisen Zollsenkungen in Rechnung, die Jahr für Jahr zu grösseren Zollvergünstigungen führen würden, dürfte laut SECO auch der handelsfördernde Effekt des Freihandelsabkommens noch entsprechend zunehmen. Noch keine Zahlen liegen zu den Direktinvestitionen ab Juli 2014 vor. Grundsätzlich kann laut SECO davon ausgegangen werden, dass ein Freihandelsabkommen auch die bilaterale Investitionstätigkeit fördert.

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