9.05.2014 07:17
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann
Futtermittel
«Futtermittelimporte höher als gesundes Mass»
Immer wieder kritisiert «Vision Landwirtschaft» die Futtermittelimporte. Der «Schweizer Bauer» hat beim Geschäftsführer Andreas Bosshard nachgefragt. Dieser will, dass die Schweizer weniger Fleisch essen.

Stellt sich die Denkwerkstatt «Vision Landwirtschaft» (VL) gegen jeden Futtermittelimport in die Schweiz, oder gibt es solchen, den sie gutheisst?
Andreas Bosshard: In massvollen Grenzen sind wir keineswegs gegen Futtermittelimport, denn auch in diesem Bereich kann und soll die Schweiz nicht alles vollständig selber produzieren. Doch das gesunde Mass ist heute weit überschritten. Als massvoll erachten wir, wenn insbesondere folgende Rahmenbedingungen eingehalten sind.

Diese Bedingungen sind? 
A) Die Futtermittelimporte stammen aus einer Region, wo der Anbau nachhaltig erfolgt, also z.B. ohne Schädigung von Primärwald oder Schädigung des Grundwassers oder der Biodiversität. B) Die Futtermittelimporte führen bei uns nicht zu regionalen Nährstoffüberschüssen (unter Berücksichtigung der Bodenvorräte und der Deposition aus der Luft). C) Die Futtermittelimporte kompromittieren nicht die Umweltziele Landwirtschaft. Relevant sind hier insbesondere die Ziele beim Stickstoff. Diese Ziele sind in einigen Regionen nur zu erreichen über einen Abbau der – futtermittelimportbedingt – deutlich zu hohen Tierbestände. Die Schweiz liegt bezogen auf die Ammoniakemissionen an dritter Stelle europaweit. Diese Bedingungen sind heute in der Schweiz nicht erfüllt. Generell sollen aus Sicht einer ressourcenschonenden Landwirtschaft Futtermittel hauptsächlich dort verfüttert werden, wo sie wachsen. Dadurch werden die Nährstoffkreisläufe geschlossen und die Bodenfruchtbarkeit kann mit den dafür unumgänglichen Hofdüngern aus der Tierhaltung aufrechterhalten werden.  

Bei den Eiern liegt der Anteil der Inlandproduktion knapp unter 50%, beim Geflügel knapp über 50%. Würden die Schweizer Eier- und Geflügelproduzenten ausschliesslich auf Schweizer Futter abstellen, könnten sie deutlich weniger produzieren. Sollte dann noch mehr importiert werden, um die Nachfrage der Schweizer Konsumenten zu decken? Wäre es besser, wenn die Schweizer Bevölkerung statt Schweizer Fleisch mehr deutsches, ungarisches oder brasilianisches Geflügel ässe?
Wir sagen dazu Ja – unter der Voraussetzung, dass importiertes Fleisch nach vergleichbaren Standards wie in der Schweiz produziert wird. Dies ist möglich und sinnvoll. Ein Grossverteiler hat die Weichen kürzlich bereits in diese Richtung gestellt. Es ist ein Irrtum zu glauben, nur die Schweiz könne tier- und umweltgerecht produzieren und die Kontrolle sei nur in der Schweiz möglich. Werden die Tiere dort produziert, wo ihr Futter standortangepasst wächst, löst das gleichzeitig eine ganze Reihe von Umweltproblemen.

Ist die Hinwendung zu Schweizer Bio-Eiern, Bio-Poulets, Bio-Schweinefleisch in Ihren Augen eine Lösung, wenn ein grosser Anteil des Bio-Sojas aus China stammt? Was ist besser, brasilianisches Soja oder chinesisches Bio-Soja?
Was die Herkunft anbelangt, ist das letztlich Hans was Heiri. Allerdings verletzt der Biolandbau mit seiner auf Futtermittelimport basierenden Hühner- und Eierproduktion eines seiner grundlegendsten Prinzipien, nämlich das der geschlossenen Nährstoffkreisläufe.

Oder will VL an der Nachfrage der Schweizer Konsumenten «schrauben», sodass diese weniger Geflügel (und weniger Schweinefleisch) essen? Wenn ja, mit welchen Mitteln – Aufklärungskampagnen, Fleischsteuer usw.?
Wären die Konsumenten umfassend informiert, würden viele Kaufentscheide anders ausfallen. Bei einem Schweizer Ei wird fraglos angenommen, dass es auch aus Schweizer Futter erzeugt wird. Wir sind der Meinung, dass die Swissness-Diskussion auch in der Tierhaltung geführt werden muss, nicht nur in der verarbeitenden Industrie. Es geht allerdings letztlich nicht darum, weniger von der einen Fleischsorte, dafür dann mehr von anderen zu essen, sondern generell den Fleischkonsum in den wohlhabenden Ländern zu reduzieren.

Empfiehlt VL ihren Mitgliedern, konsequenterweise auf Schweizer Geflügel und Schweizer Schweinefleisch zu verzichten? Und gehen der Vorstand und die Geschäftsstelle von VL da bereits mit «gutem» Beispiel voran?
Wir geben keine solchen Empfehlungen. Der Konsument soll die Wahlfreiheit haben, aber er soll auch wissen, welche Konsequenzen seine Wahl hat und was genau er konsumiert. Dies ist im Moment noch nicht der Fall. Deshalb fördern wir eine transparente Information und Aufklärung. Würden wir in der Schweiz unseren Fleischkonsum auf einen Drittel des derzeitigen durchschnittlichen Konsums beschränken – und uns damit nach den gesundheitlichen Empfehlungen von Ernährungswissenschaftlern verhalten – könnten wir unseren Fleischbedarf in der Schweiz selber decken. Und dies vorwiegend aus Grasland, welches für die Fleisch- und Milchproduktion prädestiniert ist. Für Vorstand und Geschäftsstelle von Vision Landwirtschaft ist ein danach ausgerichteter Konsum kein Lippenbekenntnis.

Ist in den Augen von VL Fleisch und Milch nur gut, wenn es von Wiederkäuern stammt, die ausschliesslich Gras von Flächen gefressen haben, auf denen nur Gras wächst? Oder habe ich Alternativen, wenn ich laut VL verantwortungsvoll tierische Produkte konsumieren will? 
Es gibt eine Vielzahl an Alternativen, aber auch hier ist die Wahl eine Frage des Masses. Es ist eine Bereicherung, wenn in einer Fruchtfolge oder einer Landschaft auch Ackerkulturen für die Tierernährung standortangepasst angebaut werden – zumindest solange wir uns das vom Selbstversorgungsgrad und der Ernährungssicherheit her leisten können. Denn je mehr Ackerland für die Fleischproduktion gebraucht wird, desto weniger Menschen können damit ernährt werden.

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